Macron auf der Weltklimakonferenz Bei der Kohle ein Held - dank Atomkraft

Frankreichs Präsident sorgt auf der Klimakonferenz für Begeisterung. Er will bis 2021 aus der Kohleenergie aussteigen. Was übersehen wird: Kohle spielt im französischen Energiemix kaum eine Rolle.
Macron auf der Klimakonferenz in Bonn

Macron auf der Klimakonferenz in Bonn

Foto: WOLFGANG RATTAY/ REUTERS

"Atomkraft? Nein danke": Auf der Weltklimakonferenz in Bonn sind Anti-Atomkraft-Slogans allgegenwärtig. Am Mittwochabend aber geschah dort Erstaunliches: Atomkraftgegner bejubelten den Chef eines Landes, das seinen Strom zu fast drei Vierteln aus Atomkraft gewinnt: Frankreichs Präsident Emmanuel Macron. Ausgerechnet er ist der neue Held der Umweltbewegung.

Was war geschehen?

Macron hatte den Ausstieg Frankreichs aus der Kohleenergie binnen weniger Jahre angekündigt. Bis Ende 2021 sollen die letzten paar Kohlekraftwerke des Landes abgeschaltet sein, sagte er. Die erzeugen jedoch nicht mal fünf Prozent des Stroms in Frankreich.

Macron forderte zudem einen Preis von 30 Euro pro Tonne ausgestoßenem Kohlendioxid (CO2), dem wichtigsten Treibhausgas, das vor allem bei der Verbrennung von Kohle freigesetzt wird. Eine Forderung, die Frankreich mit nur sieben Prozent Anteil fossiler Energie an der Stromerzeugung weitaus weniger treffen würde als fast alle anderen Länder.

Hessens grüne Umweltministerin Priska Hinz twitterte: "Starke Rede von Macron". Die Bundestagsabgeordnete Annalena Baerbock, ebenfalls von den Grünen, machte Frankreichs Präsidenten zum Vorbild: "Während Macron beim Klimaschutz in die Zukunft blickt, bleibt Deutschland in der Vergangenheit hängen."

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Was im Jubel über Macron unterging: Der schnelle Kohleausstieg ist leicht machbar, weil Frankreich alte Atomkraftwerke deutlich länger laufen lässt als geplant. Jüngst hatte Macron bekanntgegeben, dass sein Land das Ziel verschieben werde, den Anteil von Nuklearenergie an der Stromproduktion auf 50 Prozent zu verringern und damit 18 Kernkraftwerke abzuschalten. Eigentlich sollte es 2025 erreicht werden, nun aber zehn Jahre später.

Greenpeace kritisierte den Präsidenten dafür heftig. Die Organisation forderte aber gleichzeitig in einem "offenen Brief" mit 17 anderen Umweltverbänden, Frankreich solle eine Führungsrolle beim Klimaschutz übernehmen, mithin den CO2-Ausstoß einzudämmen helfen.

Umweltverbände dürfen idealistische Forderungen stellen, vielleicht ist das sogar ihre Bestimmung. Aber Politiker müssen die Realität gestalten. Dem französischen Umweltminister Nicolas Hulot, seit Langem in der Umweltbewegung tief verankert, wird das gerade eindrücklich vorgeführt.

Erdgas aus Russland?

Im Sommer noch hatte Hulot versprochen, sein altes Ziel durchzusetzen, die Atomkraft mit Hilfe von Wind- und Sonnenenergie auf einen Anteil von 50 Prozent zu reduzieren. Der Traum hielt der Realität nicht stand, seine Regierung kassierte ihn.

Vermutlich brachte das Fehlen möglicher Alternativen für die Atomkraft den Umschwung: Solange Frankreich nicht weitaus mehr erneuerbare Energieerzeuger zur Verfügung stehen, müsste es Erdgas aus Russland und dem Nahen Osten importieren.

So aber bleibt das Land Energieexporteur: Sein Überschuss an Atomenergie ermöglicht es anderen europäischen Ländern, klimafreundliche Energie einzukaufen - und ihre Klimabilanz aufzubessern. Der neue Klimaheld Macron gründet seinen Ruhm auf Atomstrom.

Diese Möglichkeit hat Deutschland mit dem Atomausstieg abgewählt. Deshalb musste Kanzlerin Angela Merkel dem französischen Präsidenten auf der Weltklimakonferenz den Applaus der Umweltgruppen überlassen.

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