Energie-Studie China erzeugt 2010 mehr Kohlendioxid als USA

Bisher waren die USA die größte Treibhausgas-Schleuder des Planeten. Doch das könnte sich schon bald ändern: Die Internationale Energieagentur hat berechnet, dass China die USA schon 2010 von der Spitzenposition verdrängen könnte - zehn Jahre früher als erwartet.


Bis 2030 werden die weltweiten Emissionen des Treibhausgases Kohlendioxid 40 Gigatonnen erreichen und damit 55 Prozent über dem heutigem Niveau liegen, so das beunruhigende Fazit eines Berichts der Internationalen Energiebehörde (IEA). China werde die USA als größter CO2-Verursacher noch vor dem Jahr 2010 ablösen - zehn Jahre früher als bisher erwartet.

Kraftwerk in chinesischer Stadt Zhangjiakou: China könnte USA schon bald als weltgrößter CO2-Verursacher ablösen
AFP

Kraftwerk in chinesischer Stadt Zhangjiakou: China könnte USA schon bald als weltgrößter CO2-Verursacher ablösen

Chinas Wirtschaft wächst schon seit Jahren rasant, und mit ihr der Energiehunger des Landes. Experten halten das im Zusammenhang mit der globalen Erwärmung für besonders beunruhigend, denn China ist dem Kyoto-Protokoll zum Klimaschutz zwar beigetreten, hat sich bisher aber noch nicht zu Treibhausgas-Reduktionen verpflichtet. Das gleiche gilt für andere bevölkerungsreiche Schwellenländer wie etwa Indien. Unkontrollierte Treibhausgas-Emissionen aus diesen Staaten gelten als besonders gefährlich für die künftige Klimaentwicklung.

Vertreter der Regierung in Peking hatten wiederholt einen Beitritt zum Kyoto-Protokoll abgelehnt. Ihr Argument: Zunächst müssten sich die westlichen Länder strengeren Emissionszielen unterwerfen, da sie hauptsächlich verantwortlich für den steigenden Kohlendioxid-Ausstoß seien. Man könne nicht von Ländern, in denen man gegen den Hunger kämpfe, verlangen, die Emissionen zu mindern, hat ein Vertreter Chinas erst vor zwei Wochen auf einer Konferenz gesagt.

Doch die Chinesen könnten ihr Argument demnächst selbst entkräften. Sollte die Prognose der IEA zutreffen, wird das asiatische Land die USA noch vor 2010 von der Spitze der CO2-Verursacher verdrängen. Bisher stehen die Vereinigten Staaten dort in einer einsamen Führungsposition: Obwohl sie nur fünf Prozent der Weltbevölkerung beherbergen, sind sie für rund 25 Prozent der weltweiten Kohlendioxid-Emissionen verantwortlich.

Zu geringe Investitionen in neue Energieangebote seien ein "reales Risiko" für die Welt, sagte IEA-Chef Claude Mandil bei der Vorstellung des Weltenergieausblicks 2006 in London. In der Studie haben Wissenschaftler mehrere Szenarien für die Entwicklung des globalen Energieverbrauchs und Kohlendioxid-Ausstoßes entwickelt.

Wenn sich die derzeitige Entwicklung fortsetzte, werde die Energieversorgung in Zukunft "schmutzig, unsicher und teuer sein", sagte Mandil. Laut einem Referenzszenario, das die heutigen Trends an den Energiemärkten ohne weitere politische Initiativen fortschreibt, steigt der weltweite Primärenergieverbrauch zwischen heute und 2030 um 53 Prozent. Über 70 Prozent dieses Anstiegs würden auf die Entwicklungs- und Schwellenländer, allen voran China und Indien, entfallen.

Alternativszenario: Energieverbrauch minus zehn Prozent

Die IEA fordert "entschlossene politische Maßnahmen", um die Welt auf einen "nachhaltigeren Energiepfad" zu lenken. Ein in der Studie vorgestelltes Alternativszenario zeige, dass die zukünftige Energieversorgung wesentlich verbessert werden könne, wenn Regierungen rund um die Welt die Maßnahmen umsetzten, die derzeit bereits erwogen würden.

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In einem solchen Szenario würde der Primärenergieverbrauch gegenüber der Referenzprognose bis 2030 um zehn Prozent sinken – was dem gesamten heutigen Energieverbrauch Chinas entspräche. Die weltweiten CO2-Emissionen würden um 16 Prozent zurückgehen, was den derzeitigen Emissionen von USA und Kanada entspricht.

Eine höhere Energieeffizienz würde dabei den größten Beitrag zur Energieeinsparung leisten, glauben die Experten. Ein verstärkter Einsatz von Kernenergie und erneuerbaren Energien könne ebenfalls zu einem verminderten Verbrauch an fossilen Energieträgern und geringeren Emissionen beitragen.

Einen Dollar investieren, zwei Dollar sparen

"Die gute Nachricht ist, dass diese Maßnahmen sehr kosteneffizient sind", erklärte Madil. Es gebe zusätzliche Belastungen zu Anfang, diese würden aber schnell durch Einsparungen bei den Brennstoffkosten wettgemacht. Im Durchschnitt ersetze ein Dollar, der in effizientere Geräte investiert werde, zwei Dollar Investitionen bei der Erzeugung, Übertragung und Verteilung von Strom.

Das Bild der Energieversorgung habe sich seit dem Weltenergieausblick 2004, der letzten größeren Revision der IEA-Prognosen, stark gewandelt. Die Situation auf den Energiemärkten sei schwieriger geworden. Die Preise für Öl und Gas waren im Schnitt um das drei- bis vierfache höher als 2002. Kohle sei heute für die Stromproduktion billiger als Erdgas, und Kernkraft in einigen Fällen sogar billiger als Kohle oder Gas. Dies gelte auch dann, wenn die CO2-Emissionen nicht durch Abgaben belastet würden.

"Die Kernenergie bleibt eine potentiell attraktive Option, um die Sicherheit der Stromversorgung zu erhöhen und um CO2-Emissionen zu vermeiden – jedoch ist die Finanzierung der notwendigen Investitionen nach wie vor eine Herausforderung", betonte Mandil.

hda

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