Umstrittener Entwurf Kohlekraftwerke könnten künftig Holz verbrennen – gefördert mit Steuergeldern

Im Umfeld des Wirtschaftsministeriums kursiert nach SPIEGEL-Informationen ein Entwurf für eine Förderrichtlinie, nach der die Umstellung von Kohlekraftwerken auf Biomasse mit einem Milliardenbetrag subventioniert werden soll. Wissenschaftler und Klimaschützer sind entsetzt.
Drax-Kraftwerk in Großbritannien: »Biomasse ist zu knapp und zu wertvoll, um sie zu verbrennen«

Drax-Kraftwerk in Großbritannien: »Biomasse ist zu knapp und zu wertvoll, um sie zu verbrennen«

Foto: LEE SMITH / REUTERS

Das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWi) erwägt, die Verfeuerung von Biomasse in Kohlekraftwerken zu fördern. Wie das genau aussehen könnte, zeigt ein Entwurf einer »Förderrichtlinie Kohlekraftwerksumrüstung«, der im Umfeld des Wirtschaftsministeriums kursiert und dem SPIEGEL vorliegt. Demnach soll die Umrüstung von Steinkohlekraftwerken in den nächsten zehn Jahren mit einer Leistung von insgesamt einer Million Kilowatt »für den Einsatz nachhaltiger Biomasse« gefördert werden.

Zweck sei es, »eine komplementäre und steuerbare Energiequelle zur volatilen Energieerzeugung durch Sonne und Wind in Deutschland zu schaffen«, die »zuverlässige Energie in Zeiten von Versorgungsengpässen bereitstellt«. Gefördert werden sollen maximal 3500 Stunden Stromproduktion jährlich. Bei einem Förderbetrag von drei Cent pro Kilowattstunde ergeben sich Kosten für den Bund von rund einer Milliarde Euro.

In einer nachträglichen Stellungnahme dementiert das BMWi die Existenz des Förderrichtlinien-Entwurfs. Ein kursierender Entwurf stamme nicht aus dem BMWi. Es handele sich dabei »um den Entwurf eines Einzelunternehmens, welches unberechtigt und durch die Gestaltung des Layouts fälschlicherweise versucht den Eindruck zu erwecken, es handele sich um einen offiziellen Entwurf eines Ministeriums«. Das sei nicht der Fall. »Den kursierenden und falsch gekennzeichneten Entwurf macht sich das BMWi ausdrücklich nicht zu eigen«, heißt es aus dem Ministerium. Es würden derzeit »Vorschläge« erarbeitet, wie die »Umstellung bestehender Kohlekraftwerke auf hocheffiziente und flexible Gas- oder Biomasseverstromung« unterstützt werden könne.

Naturschützer befürchten die Zerstörung artenreicher Wälder

Natur- und Klimaschützer laufen Sturm gegen entsprechende Ideen. »Das ist eine versteckte Laufzeitverlängerung der Kohlekraftwerke«, sagt Kenneth Richter vom Naturschutzbund Deutschland (Nabu), »hier wird einmal mehr Steuergeld im Zuge des Kohleausstiegs verschenkt; das Geld sollte lieber in die Förderung erneuerbarer Energien gesteckt werden«.

Richter befürchtet die Zerstörung artenreicher Wälder. Zwar soll die geplante Förderrichtlinie nur für die Verbrennung von Biomasse gelten, die der Erneuerbare-Energien-Direktive (RED II) der EU genügt. Richter jedoch hält RED II für »praktisch wertlos«, weil dort keine sinnvollen Nachhaltigkeitskriterien definiert würden.

»Im Südosten der USA und im Baltikum werden jetzt schon im großen Stil alte, naturnahe Wälder für die Pelletproduktion abgeholzt«, sagt der Nabu-Experte, »die Gefahr ist groß, dass auch Deutschland beginnt, Pellets in großem Maßstab zu importieren.«

Holzpellets

Holzpellets

Foto: Wolfgang Kumm/ dpa

Warnendes Beispiel ist für den Naturschützer das britische Drax-Kraftwerk, das bereits heute Biomasse nutzt. 2020 verbrannte Drax 7,37 Millionen Tonnen Holzpellets . Das sind mehr als doppelt so viele, wie beispielsweise in Deutschland jedes Jahr produziert werden.

»Wir wissen, dass es bei neun bis zehn deutschen Kraftwerken Überlegungen gibt, von Kohle auf Holzverbrennung umzustellen«, warnt Richter. Der Pellet-Weltmarktführer Enviva sei bereits in Gesprächen mit mehreren deutschen Kraftwerksbetreibern.

Zusammen mit anderen Umweltverbänden hat der Nabu kürzlich ein Positionspapier  mit dem Titel »Kein Raubbau im Wald für eine falsche Energiewende« veröffentlicht. Um den Rohstoffbedarf für die Holzbiomasse-Kraftwerke zu decken, würden die Betreiber bereits »auf globale Einkaufstour« gehen, heißt es darin.

Holz verursacht höhere CO₂-Emissionen als Kohle

Klimaschützer wiederum befürchten eine weitere Beschleunigung des Klimawandels. Holz ist in der EU als erneuerbare Energie klassifiziert, weil das beim Verbrennen entstehende CO₂ durch neues Baumwachstum wieder aus der Luft aufgenommen werden kann. Allerdings dauert es mehrere Jahrzehnte, bis das freigesetzte Klimagas wieder in neuem Holz gebunden wird.

Die Verbrennung von Biomasse werde »den Kohlenstoffgehalt in der Atmosphäre und die Erwärmung für Jahrzehnte bis Jahrhunderte erhöhen«, notierten rund 800 Forscher in einem Brandbrief an das EU-Parlament . Die CO₂-Emissionen pro Stromeinheit, die aus Waldbiomasse erzeugt werden könnten, seien höher als die von Kohle, warnt zudem der Forschungsverbund des European Academies Science Advisory Council (Easac). Daher sei es »unvermeidlich«, dass der Kohlendioxidgehalt in der Atmosphäre erhöht werde, sollte Kohle durch Holz als Brennstoff ersetzt werden.

Auch die Papierindustrie hält es für falsch, die Verbrennung von Biomasse in Kohlekraftwerken zu subventionieren. »Der Hauptanteil an der Biomasse wird erfahrungsgemäß Holz sein«, sagt Wolfgang Beck, Vorsitzender des Ausschusses Forst und Holz im Verband Deutscher Papierfabriken (VDP). »Die staatliche Förderpolitik hat bereits jetzt zu einem starken Anstieg der Holzverwendung zur Energieerzeugung geführt.«

»Biomasse ist zu knapp und zu wertvoll, um sie zu verbrennen.«

Harald Bradke, Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung

Beck befürchtet, dass eine weitere Förderung der Holzverbrennung der Zellstoff- und Papierindustrie schaden könnten. Studien belegten, dass die stoffliche Nutzung von Holz eine neunfach höhere Wertschöpfung und eine bis zu siebenfach höhere Beschäftigungswirkung mit sich bringe als die energetische Nutzung von Holz. Eine Konzentration auf die energetische Holznutzung sei daher der falsche Weg, sagt Beck.

Bei Versorgungsengpässen sinnvoll?

»Biomasse ist zu knapp und zu wertvoll, um sie zu verbrennen«, bekräftigt Harald Bradke, Leiter des Competence Centers Energietechnologien und Energiesysteme am Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung , »Holz sollten wir nutzen, um zum Beispiel Häuser zu bauen«. Dadurch werde auch das im Holz gebundene Kohlendioxid »für knapp hundert Jahre gut gespeichert« – ein Beitrag im Kampf gegen den Klimawandel.

Bradke schränkt allerdings ein: Bei Versorgungsengpässen, etwa im Fall sogenannter Dunkelflauten, wenn weder Wind weht, noch die Sonne scheint, könne es für begrenzte Zeiträume durchaus sinnvoll sein, Biomasse zu verfeuern. »Schon heute gibt es Biomassekraftwerke, die genau dafür eingesetzt werden«, sagt der Experte, »die Grundlast sollte jedoch nicht mit Holz generiert werden«.

Anmerkung der Redaktion: In einer nachträglichen Stellungnahme hat das BMWi dementiert, dass der Entwurf der Förderrichtlinie aus dem Ministerium stammt. Wir haben den Text entsprechend angepasst.