Entdecker Columbus Der geheimnisvolle Lotse des Abenteurers

Nach dem Tod des Abenteurers machte in Spanien das Gerücht die Runde, nicht Columbus, sondern ein mysteriöser Lotse habe Amerika entdeckt. Doch brauchte der Seefahrer wirklich einen Navigator, um den Weg zu finden?

Von und Clemens Höges


Spanien, 1535

Im Land kursiert ein böses Gerücht: Columbus, so tuscheln Feinde, habe wahrscheinlich in seiner Zeit auf Madeira und Porto Santo einen geheimnisvollen Lotsen kennen gelernt. Dieser Mann sei der wahre Entdecker Amerikas, denn er habe dem Genuesen den Weg gewiesen.

Triumph des Entdeckers: Columbus und seine Mannschaft auf den Bahamas am 12. Oktober 1492
AP

Triumph des Entdeckers: Columbus und seine Mannschaft auf den Bahamas am 12. Oktober 1492

Es ist ein gefährliches Gerücht oder ein nützliches, je nachdem, auf welcher Seite man steht. Denn gerade jetzt führt die spanische Krone einen Prozess gegen die Columbus-Erben: die "Pleitos de Colón".

Der Prozess läuft seit vielen Jahren, und die Anwälte des Hofes versuchen zu beweisen, dass Columbus in Wahrheit gar nicht so viel Ehre - und damit seinen Erben nicht so viel Geld - zustehe. Die Krone will sein Verdienst schmälern, um die versprochenen Prozente vom ungeheuren Reichtum der Neuen Welt nicht abtreten zu müssen. Und in dieser Zeit, um 1535, verbreitet Gonzalo Fernández de Oviedo die Legende vom geheimen Lotsen. Ausgerechnet de Oviedo.

Fotostrecke

11  Bilder
Spurensuche in der Karibik: Columbus' letzte Reise

De Oviedo lernte Columbus kennen, als der spanische Adelige noch ein Teenager war und Page am spanischen Hof, damals in Granada und dann wieder in Barcelona, als der Genuese seine Entdeckung feierte. Die Abenteuer des großen Columbus packten den jungen Hidalgo, er reiste in die Neue Welt als Chronist der Entdeckungen und notierte eifrig, was er sah. Er beschrieb Pflanzen und Tiere und auch die Indianer. De Oviedo, der feine Adelige vom Hof, hielt sie für verwahrloste Lügner, für faule Dreckferkel, die lieber sterben würden, als zu arbeiten.

"Santa Maria" (Nachbau) 1992 vor New York (1992): Brauchte der Entdecker einen Lotsen?
AP

"Santa Maria" (Nachbau) 1992 vor New York (1992): Brauchte der Entdecker einen Lotsen?

Doch de Oviedo lernte offenbar auf den "Westindies" auch, Columbus zu hassen. Wie das oft so ist, wenn man früh jemanden bewundert und später die Wahrheit sieht, die nicht mehr gar so glänzend wirkt. Dann schlägt die Bewunderung manchmal in das andere Extrem um, und in diesem Fall ist das ziemlich unangenehm für die Columbus-Erben, weil de Oviedo jetzt als Autorität gilt. Umso heimtückischer, dass ausgerechnet er nun offiziell in seinen Schriften dieses Gerücht verbreitet:

Manche sagen, dass eine Karavelle, die von Spanien nach England segelte, in gewaltige Unwetter geriet, die den Lotsen dazu zwangen, vor dem Wind herzusegeln, und zwar über so viele Tage hinweg, dass die indischen Inseln in Sicht kamen. Dann sei er an Land gegangen, und er sah nackte Menschen. Und als die Winde abnahmen, bunkerten sie Wasser und Holz und kehrten zurück auf den ursprünglichen Kurs.

Man sagt auch, dass der größte Teil der Ladung dieses Schiffes aus Lebensmitteln und Wein bestand, weshalb sie eine so lange Reise überlebten. Des Weiteren wird gesagt, dass dieser Seemann ein sehr enger Freund gewesen sei von Christoph Columbus und dass er sich auch etwas auf die Breitengrade verstand und so angeben konnte, wo das Land lag, dass er gefunden hatte.

Und im Geheimen teilte er dieses Wissen mit Columbus, den er aufforderte, eine Karte zu zeichnen mit dem Land, das er gesehen hatte. Es wird gesagt, dass Columbus ihn in seinem Haus aufnahm wie einen Freund und versuchte, ihn wieder aufzupäppeln, aber dass der Mann dann gestorben sei. So habe Columbus von dem Land gewusst und dem Kurs dorthin, und er allein habe das Geheimnis gekannt.



© SPIEGEL ONLINE 2004
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.