Entstehung des Lebens Urwesen aus dem Wasser

Die Ozeane sind das Versuchslabor der Evolution. In Jahrmillionen sind hier die wunderbaren Urformen der heutigen Pflanzen und Tiere entstanden. Forscher finden immer neue Zeugen der bewegten Geschichte des irdischen Lebens.
Von Ute Schmidt

Vor dem Blau war das Rot. Ein leuchtendes Rot, vielleicht ein Hellrot. Denn der erste Ozean auf Erden bestand nicht aus Wasser, sondern aus Magma, flüssigen Gesteinsmassen, die den neugeborenen Planeten in einen Glutballverwandelten. Die junge Erde hatte sich gerade erst gebildet, in einem höllischen Spektakel vor rund 4,6 Milliarden Jahren, bei dem Felsbrocken, groß wie Asteroide, von ihrer Schwerkraft getrieben, aufeinander knallten. Hitze entstand, die den jungen Planeten zum Kochen brachte.

Wasser, das möglicherweise im Gestein eingeschlossen war, verdampfte und hüllte den Planeten in einen dichten Nebel. Erst allmählich kühlte die Oberfläche der Erde ab, Regen setzte ein, und siedend heißes Wasser ergoss sich über den Planeten. Ein Urmeer, ein blaues. Vielleicht. Falls ja, wird davon nicht viel übrig sein. In den ersten 500 Millionen Jahren nach der Geburt der Erde donnerten immer wieder Himmelskörper auf den Planeten, schmolzen die Hülle auf, rissen Wasser mit sich fort. Das kosmische Bombardement hatte nicht nur Schattenseiten. Manche Geschosse brachten auch Wasser mit. Wissenschaftler gehen heute davon aus, dass ein Teil des Wassers unserer Ozeane mit eishaltigen Kometen auf die Erde gelangte.

Aus dem Schlund irdischer Vulkane sind die 1,3 Milliarden Kubikkilometer nassen Lebensraums wohl nicht allein gedampft. Vor einigen Jahren fanden Geologen in Australien winzige Partikel des Minerals Zirkon, Spuren von festem Land aus der Frühzeit der Erde vor 4,4 Milliarden Jahren.

Seitdem herrscht Rätselraten in der Forscherwelt. War unser Planet kurz nachseiner Entstehung etwa doch keine rollende Magmakugel mehr? Die chemische Zusammensetzung des Körnchens signalisiert, dass es damals bereits flüssiges Wasser auf der Erde gab. Könnte darin schon Leben gewesen sein? Und wie ist das Leben überhaupt entstanden?

Ursuppe

Vor gut 50 Jahren machte sich ein 23-jähriger Chemiestudent auf den Weg in die Kent Hall der Universität von Chicago, ein altes Gebäude, in dem die Fußböden knarrten und der Geruch von Staub und Moder in der Luft lag. Der junge Mann war nervös, denn er sollte in einem der angesehenen Montagsseminare vortragen, was er sich in den Monaten zuvor in seinem Labor erkocht hatte. Die Scheu war verständlich: Auf dem Podium standen gewöhnlich Nobelpreisträger oder solche, die es bald sein würden. Doch Stanley Miller konnte von einem außergewöhnlichen Experiment berichten. Er hatte eine Glasapparatur mit einem "Urozean" aus Wasser und einer primitiven Atmosphäre aus Methan, Ammoniak, Wasserstoff und Wasserdampf gefüllt. Mit elektrischen Entladungen hatte er anschließend eine Woche lang die heftigen Gewitter der frühen Erde simuliert. Das künstliche Urmeer färbte sich erst knallrosa, später tiefrot. In der trüben Brühe fand Miller Bausteine des Lebens, unter anderem Aminosäuren.

Seine Theorie von der Ursuppe des Lebens machte weltweit Furore. Sie ist inzwischen Geschichte, eine schöne zwar, aber nicht die richtige. Das junge Leben hätte in den flachen Regionen der Ozeane, in denen Miller seine Ursuppe gedanklich köcheln ließ, schon allein die ultraviolette Strahlung der Sonne nicht überstanden. Eine schützende Ozonschicht gab es nicht. Dass die Wiege des Lebens eine nasse gewesen ist, nicken die meisten Wissenschaftler zwar heute ab.

Und sie hat wohl auch auf unserem Planeten gestanden, nicht woanders im All. Wer sie besuchen will, muss wahrscheinlich tief tauchen, bis auf den Grund der Meere. Dorthin, wo die Erde zu platzen scheint, wo aus Spalten in der Erdkruste mehrere hundert Grad Celsius heißes Wasser schießt. Abgesacktes Meerwasser, das im Erdinneren eine Verwandlung durchmacht, seine chemische Neutralität verliert, als Säure emporsteigt und aus dem Gestein Mineralien heraus frisst. Ein brodelnder Kosmos mit einem ungeheuren Potenzial an chemischer Reaktivität, zu Urzeiten noch viel aggressiver als heute. Die erste Spielwiese der Evolution.

Dass an derartigen hydrothermalen Quellen Leben existieren kann, steht fest. Archäbakterien etwa, die Extremisten in der belebten Natur, wachsen auch heute noch in unwirtlichen Lebensräumen: in kochenden Geysiren, heißen Schwefelquellen oder Säurepfützen. Die Urzeitmikroben sind im Stammbaum des Lebens an unterster Stelle verwurzelt. In den heißen Wasserströmen auf dem untermeerischen Kolbeinsey-Rücken im Atlantik nördlich von Island spürte der renommierte Regensburger Mikrobiologe Karl Stetter mit seinem Forscherteam das kleinste bisher bekannte Lebewesen auf: den "reitenden Urzwerg" Nanoarchaeum equitans, ebenfalls ein Archäbakterium.

100 Stück dieser parasitisch lebenden Kugelmikroben mit genetischer Minimalausrüstung hätten bequem Platz in einem Darmbakterium Escherichia coli. Doch irgendwie müssen auch die einfachsten aller Einfachen entstanden sein.

Bisher galt die Devise: erst die Biomoleküle, dann die Zelle. Inzwischen gibt es auch das umgekehrte Denkmodell. William Martin von der Universität Düsseldorf und Michael Russell vom Scottish Universities Environmental Research Centre in Glasgow schlagen vor, dass sich das Leben in mineralischen "Brutzellen" aus Eisen und Schwefel entwickelt haben könnte, die sich zu Milliarden an den hydrothermalen Quellen der Urzeit aufgebläht hätten. Die Wände dieser winzigen Steinkammern sind chemisch so aktiv, dass sie Reaktionen katalytisch vorantreiben. Das Szenario birgt aber noch einen weiteren Vorteil.

"Die Zellen können die Reaktionsprodukte am Ort ihrer Entstehung zurückhalten", sagt William Martin. "So kommen wir zu den Konzentrationen von den Grundbausteinen des Lebens, die wir brauchen."

Irgendwann, so meinen die beiden Wissenschaftler, habe sich aus den angesammelten Biomolekülen eine erste eigenständige biologische Zelle gebildet und von der geliehenen Umwandung abgenabelt – hinaus in die leere Welt der Urmeere. Mittlerweile ist diese potenzielle Quelle des Lebens versiegt. Das Eisen, das zur Bildung der Steinzellen gebraucht wird, hat sich mit der Ausbreitung des Sauerstoffs in der Welt zu großen Teilen chemisch verändert, aus zweiwertigen Eisenionen wurden dreiwertige. Dass Eisen und Schwefel gut zusammenpassen, wenn es um die Katalyse von chemischen Reaktionen geht, zeigt heute der biologische Stoffwechsel.

Eisen und Schwefel arbeiten Hand in Hand in der katalytischen Schaltzentrale von Enzymen, die im biochemischen Alltag die härtesten Nüsse zu knacken haben. Diesen Trick zumindest hätte die Evolution seinerzeit vom infernalischen Szenario in den Urmeeren abkupfern können. "Das ist jedenfalls eine interessante Parallele", sagt Martin.

Die ältesten Fossilien

Einblicke in die Arbeit der Evolution zu gewinnen ist ein ebenso aufregendes wie schwieriges Unterfangen. Die vermeintlich ersten Lebensspuren, chemische Fingerabdrücke von Bakterien aus einer Zeit von vor 3,8 Milliarden Jahren, scheinen nach neuen Erkenntnissen doch nicht biologischen Ursprungs zu sein. Je handfester die Beweise, desto besser. Die ältesten Fossilien, die man bislang gefunden hat, führen in die Urmeere des Archaikums und sind 3,5 Milliarden Jahre alt: fadenförmige Zellen aus Kieselgesteinen in Westaustralien, wahrscheinlich Blaualgen (Cyanobakterien).

Stellt man die Zeituhr der Erde auf einen einzigen Tag, so hätten diese Bak-Fossiterien morgens um viertel vor sechs Uhr gelebt. Zum Vergleich: Fische bevölkerten die Urmeere erst gegen halb zehn Uhr abends, der Mensch trat eine Sekunde vor Mitternacht auf den Plan. Die Blaualgen betrieben in den Urmeeren bereits Fotosynthese, nutzten also das Licht für ihren Stoffwechsel. Abfallprodukt ist Sauerstoff, eine chemisch recht aggressive Substanz, die den Lebewesen arg zuschaffen machen würde, wenn nicht die Evolution Mittel und Wege gefunden hätte, seine Reaktionsfreudigkeit gewinnbringend in den Dienst der belebten Natur zustellen. Bis die Blaualgen und ihre Stoffwechselverwandten in den Urmeeren soviel Sauerstoff produziert hatten, dass sich Wasser und Luft damit anreichern konnten, sollte allerdings noch über eine Milliarde Jahre vergehen.

Warum es so lange dauerte, lässt Biologen und Geologen trefflich streiten. Als der Sauerstoff schließlich in die Uratmosphäre eintrat, setzte er mithilfe von Regenwasser an Land Erosionsprozesse in Gang. Zum Blau der Urmeere und zum Schwarzgrau der Kontinente kamen das Rot, Braun und Gelb in allen Schattierungen hinzu, die Farben der Verwitterung. Und es passierte noch etwas anderes: Beim Auswaschen des Gesteins entstanden große Mengen an Sulfat, die in die Ozeane gespült wurden. Eine bakterielle Aufarbeitung setzte ein. Die Folgen erschließen sich den Wissenschaftlern erst jetzt. Während sich seinerzeit die oberen Schichten der Urmeere wohl tatsächlich wie bisher angenommen mit Sauerstoff anreicherten, gingen die tiefen Zonen zunächst leer aus. Stattdessen sammelte sich ein nach faulen Eiern riechendes Gift an: Schwefelwasserstoff. Dieses mikrobielle Ausscheidungsprodukt bildete mit dem Eisen auf dem Grund der Ozeane Sulfide.

"Damit bekommen wir einen Ozean, der große Ähnlichkeit mit dem heutigen Schwarzen Meer hat", sagt Don Canfield von der University of Southern Denmarkin Odense, der die Stoffkreisläufe der frühen Erdgeschichte erforscht. "Vermutlich sahen die Meere noch bis vor 700 Millionen Jahren so aus."

Einen ähnlichen Salzgehalt wie heute hatten die Urmeere wohl schon recht früh in der Erdgeschichte erreicht. Die Zusammensetzung änderte sich im Lauf der Zeit. Die Meere der Urzeit waren aber wahrscheinlich heißer als heute. Unklar ist, ob sie über lange Zeiträume nahezu gekocht haben oder ob die Temperatur des Wassers eher bei 40 Grad Celsius lag.

Die Evolution hielt allen Widrigkeiten flexibel stand und schuf nach einer langen Zeit der primitiven Einzeller die höher organisierten Zellen, die Eukaryoten. Ihre evolutionäre Errungenschaft ist der Zellkern, der das Erbmaterial in sich birgt. Dieser bauliche Entwurf diente später als Blaupause für die zelluläre Organisation aller Tiere und Pflanzen. Locker aufgerollte Algenbänder mit einem Alter von etwa2,1 Milliarden Jahren sind die ältesten bisher gefundenen Fossilien von Eukaryoten. Wie es weiterging, wie sich aus einfachen Vielzellern komplexer gebaute Geschöpfe entwickelten, ist kaum sichtbar hinterlassen.

Die ursprünglichen Lebensformen waren wahrscheinlich zu weich, um im Schoß der Erde bis heute zu überdauern.

Manchmal klappt es doch. Den ältesten bekannten Prototypen aus dem Reich der Tiere kamen Wissenschaftler vor einigen Jahren in Phosphoritlagerstätten nahe der Stadt Wengan in der Provinz Guizhou, Südchina, auf die Spur. In Gesteinsproben fanden sie mikroskopisch kleine Organismen, darunter winzige Embryonen, die vor etwa 570 bis 580 Millionen Jahren auf der Erde existiert haben und als Vorläufer des modernen Lebens gelten können. Mit diesem überraschenden Fund rückte eine andere, höchst skurrile Gruppe von Fossiterien etwas in den Hintergrund, um deren Platz im Stammbaum der Tiere ohnehin gestritten wird: die Ediacara-Fauna. Ob die kuriosen Ediacara-Kreaturen, die sich vor630 Millionen Jahren rund um den Erdball verbreitet haben und wie Luftmatratzen aussahen, wirklich zu den Tieren gehören, ist nach wie vor unklar. Fest steht: Das Konzept Tier erwies sich als ausbaufähig. Der große Aufschwung begann.

Das Erdaltertum

Den Anfang machte das Kambrium. Die Erde zeigte ein völlig anderes Gesicht als heute. Die Landmassen verteilten sich auf Laurentia, Baltica, Sibiria und den großen Südkontinent Gondwanaland. Auf dem Festland gab es kein Leben. Fast keines jedenfalls. Lebermoose und Gliederfüßer, also die große Tiergruppe, zu der die Krebse und Insekten gehören, stehen im Verdacht, bereits in dieser Frühzeit den Landgang geprobt zu haben. In den Urmeeren hingegen entfaltete sich das Leben explosionsartig.

Knackiges bevölkerte das Wasser, die weichen, wirbellosen Leiber mit Schalen und Panzern bestückt. Eine Veränderung im Chemismus des Wassers, so wird vermutet, machte den Weg frei für die groß angelegte Produktion von Hartteilen. Aber es waren auch harte Zeiten für die vielen wühlenden und weidenden Meeresbewohner heran gebrochen. Neue Räuber machten allem Weichen den Garaus.

Anomalocariden schlängelten sich mit wellenartigen Bewegungen durchs Wasser. Sie waren Fleischfresser mit dicken Augen auf kurzem Stiel, gelapptem Körper und bestachelten Fangarmen vor dem Maul. Der zwei Meter lange Anomalocarishielt die Paläontologen lange Zeit zum Narren. Fanden sie doch Fossilien, die sie für Tiere hielten, aber nur Teile waren. Erst als sie den quallenartigen Ananasring, die seltsamen Krabben (griechisch: anómalos, ungleichartig; lateinisch: caris, Krabbe) und das schwammartige Etwas zusammensetzten, wurde aus drei eins.

Auf dem Speisezettel der Anomalocariden könnten Trilobiten gestanden haben. Genug dieser urtümlichen Gliederfüßer gab es in jener Zeit. Häufig anzutreffen waren auch die Armfüßer (Brachiopoden). Mit ihrem zweiklappigen Schalenhäuschen ähnelten sie Muscheln, waren jedoch mit einem fleischigen Stiel im Boden verankert. Erste Riffe wuchsen heran, Hügel, die hauptsächlich von schwammähnlichen Tieren mit becher- oder schüsselförmigem Aussehen gebildet wurden, Archäocyathiden. Ihre evolutionäre Tauglichkeit haben wahrscheinlich auch schon die ersten fischartigen Wesen erprobt.

Im Ordovizium wagten sich die vielzelligen Pflanzen aufs Land, vorerst nur in Feuchtgebiete. Die zarten Gewächse kamen aus dem Süßwasser, in das ihre Ahnen, marine Algen, zuvor abgewandert waren. Baltica und ein Randzipfel von Gondwanaland schoben sich zu Urnordeuropa zusammen. In den Ozeanen testeten die Wirbellosen ihre Formenvielfalt aus, darunter die Schnecken und Kopffüßer, zu denen auch die Tintenfische zählen.

Erfolgreich mit dabei waren die Nautiliden, Vorläufer des heutigen Nautilus, des Perlboots. Das Gehäuse, aus dem die räuberischen Urzeitkopffüßer ihre Fangarme herausstreckten, hatte nichts Rundliches an sich, sondern sah aus wie eine Eistütemit einer Länge von bis zu drei Metern.

Die ersten Fische schwammen durch die Meere, zwar mit Maul, aber ohne Kiefer. Sie waren wahrscheinlich Planktonfresser, wie die heutigen Riesenhaie. Auch Seesterne und Seeigel, noch mit zartschaliger Rüstung, ließen sich blicken. Korallen, Schwämme und Moostierchen bildeten große Riffe. Gegen Ende des Ordoviziums kam das Eis. Der Meeresspiegel sank, weltweit um mindestens 50 Meter. Eines der größten Massenaussterben in der Erdgeschichte nahm seinen Lauf.

Im Silur und Devon vereinigten sich Urnordeuropa und Laurentia zu einem zweiten Großkontinent: Euamerika. An seiner West- und Ostseite befanden sich große Schelfmeere, in denen es vor Leben nur so wimmelte. Die Kontinente färbten sich langsam grün. Euamerika und Gondwana gingen auf Kollisionskurs. In den Urmeeren war die Zeit der Fische gekommen.

Die ersten Kieferträger erkundeten die Unterwasserwelt. Mit ihrer evolutionären Neuerwerbung im Maul konnten die Wirbeltiere der ersten Stunde den Speisezettel schmackhaft erweitern – um andere Tiere.

Neue bissfeste Arten folgten. Die Nahrungspyramide fächerte sich auf. Die großen Fische fraßen die kleinen, die wiederum die kleinsten. Kräftig zubeißen konnten vor allem die Panzerfische (Placodermen), kulinarisch selbst harte Brocken. Kopf und Rumpf steckten in einem Panzer aus Knochenplatten.

Sie starteten im Süßwasser, wechselten später in die Ozeane, dafür dann mit einem furchterregenden Auftritt. Der zehn Meter lange Dunkleosteus jagte im oberen Devon eine neue Sorte von Fischen, die als Jäger auch nicht zimperlich waren: Haie. Schon im Silur traten die Strahlenflosser auf die Bühne des Lebens, erste Knochenfische.

Das evolutionäre Grundrezept für Tunfisch und Hering war geschrieben. Aus den geradlinigen Nautiliden entwickelten sich die spiralig aufgerollten Ammoniten. Riesige farbenprächtige Riffe wuchsen empor. Ein erstes großes Barriereriff im Westen Australiens erreichte eine Länge von mehr als 1000 Kilometern. Gegen Ende des Devons stiegen die Amphibien aus dem Süßwasser aufs Festland. Die Quastenflosser, in der eigenen Entwicklung bereits auf dem absteigenden Astund erst spät ins Meer umgesiedelt, hatten den ersten Landwirbeltieren ein kostbares evolutionäres Vermächtnis hinterlassen: vier fleischige Flossen, die zu Beinen wurden.

Im Karbon zogen sich mächtige Wälder durch die sumpfigen Niederungen. Die ersten fliegenden Insekten eroberten den Luftraum. In den Urmeeren nahm das Leben an Tempo zu. Die plumpen, gepanzerten Fische räumten das Feld für flinkere Vertreter, vor allem Haie und Strahlenflosser.

Den Meeresboden bedeckte stellenweise ein dichter Rasen aus Seelilien, kelchartigen Stachelhäutern. Im Perm verschmolzen alle Kontinente zu einer einzigen Landmasse, Pangäa, umflossen vom Ozean Panthalassa. Klimaveränderungen machten dem Leben zu schaffen, die Meeresspiegel fielen ab und stiegen wieder an. Gegen Ende des Perms, so vermuten die Forscher, traf ein Meteorit die Erde. Im Meer überlebten nur wenige Tiergruppen. Die Trilobiten verlöschten endgültig.

Die Dinosaurier kommen

Zeit für eine neue Welt. An Land erschienen die Dinosaurier. Auch die ersten maus-großen Säugetiere wagten sich hervor. In den Urmeeren der Trias erhielten die Fische räuberische Konkurrenz. Riesige Reptilien stiegen vom Festland in die Ozeane. Erste im Bund waren wahrscheinlich die Nothosaurier, langhalsige Fischfresser mit paddelartigen Füßen, die an Land und im Wasser lebten, ähnlich den heutigen Robben. Ihnen folgten die Pflasterzahnechsen (Placodontia), die sich völlig dem Lebensraum Meer ergaben und mit ihren Plattenzähnen Schalentiere zerquetschten.

Beide überlebten die Trias nicht. Ihre Nachfahren, die Plesiosaurier, glichen kleinköpfigen Schlangen, die man durch einen Schildkrötenpanzer gefädelt hatte. Bei den Pliosauriern, die zu den größten Raubtieren aller Zeiten auf Erden gehören, sparte die Evolution an Hals und Schwanz, steckte dafür mehr Masse in den Schädel.

Karlsruher Paläontologen entdeckten vor zwei Jahren in Mexiko das "Monster von Aramberri", einen Pliosaurier von 18 Meter Länge und einem Kopf von der Größe eines Kleinwagens – ein nicht ausgewachsenes Jungtier aus der Jurazeit. Die besten Schwimmer unter den marinen Reptilien, die alle als Lungenatmer zum Luftholen an die Wasseroberfläche mussten, waren die delfinähnlichen Fischechsen (Ichthyosaurier).

Die Ozeanriesen mit dem spindelförmigen Körper besaßen Augen groß wie Pizzateller, insbesondere bei Vertretern der Gattung Temnodontosaurus, die aufeine Körperlänge von zwölf Metern heranwachsen konnten. Im Jahr 2003 legte ein Forscherteam vom Naturkundemuseum in Stuttgart in der Nähe von Göppingen die gut erhaltenen Überreste eines etwa sieben Meter langen Temnodontosaurus frei. Dieser auf den Spitznamen "Monster von Eislingen" getaufte Fischsaurier gilt als einer der größten in Deutschland bekannten.

Zu den etwas kleineren Fischsauriern gehören Brachypterygius und Leptonectes, sie wurden rund fünf Meter lang. Die Welt der Urmeere gedieh im älteren Erdmittelalter auch an anderer Stelle. Korallen und Kalkalgen bauten gemeinsammächtige Riffe auf, die sich später zu Gebirgen wie den Dolomiten auftürmen sollten. Ammoniten und ihre tintenfischartigen gehäuselosen Verwandten, die Belemniten, machten die Meere unsicher. Viele Haie durchkreuzten die Fluten. Die Vorläufer der modernen Krebse wie Hummer und Shrimps legten einen bescheidenen evolutionären Start hin. Und Verwandte der Dinosaurier ließen sich unter Wasser blicken – die Meereskrokodile.

Der Riesenkontinent Pangäa brach auseinander. Der Zerfall nahm seinen Anfang im Bereich der Tethys; der Vorläufer des heutigen Mittelmeers setzte große Teile Eurasiens unter Wasser.

Die Kreide war eine Zeit des Übergangs. Alt und Neu teilten sich die Welt. Zukunftsträchtige Modelle von Muscheln und Schnecken tummelten sich neben eingerollten Riesenaustern der urtümlichen Art. Kieselalgen breiteten sich aus, das Plankton in den Meeren gewann an Modernität. Die tierischen Seelilien machten dem pflanzlichen Seegras Platz. Höher entwickelte Knochenfische eroberten die Ozeane: die Vollendetknocher (Teleosteer).

Statt viereckiger Schuppen trugen sie runde Schuppen am Leib und erfreuten sich eines stärkeren Innenskeletts. Kulinarische Tragweite des neuen Entwurfs für den Menschen: Gräten auf dem Teller. Hübsche Sonderformen der Teleoste erbrachte die Evolution auch hervor, etwa die Seepferdchen, ohne Gräten.

Schalentiere hatten angesichts der zahlreichen kleineren Fleischfresser einen schweren Stand. Unter Wasser wurde kräftig gebissen, zerquetscht und gebohrt. An Land kamen zu den Nadelhölzern die ersten Blütenpflanzen hinzu. Pangäawar endgültig zerfallen; das mächtige Bruchstück Gondwana ereilte das gleiche Schicksal. Gegen Ende der Kreidezeit schlug im Gebiet des Golfes von Mexiko ein Asteroid auf der Erde auf. Dieser Aufprall gilt als Ursache für das einsetzende Massensterben auf der ganzen Welt. In den Meeren blieben neuzeitliche Lebensformen übrig. Die Ammoniten und Meeresreptilien gehörten nicht dazu.

Auftritt der Säugetiere

Mit dem Aussterben der Dinosaurier war das Land frei für die Herrschaft der Säugetiere. Auch die Ozeane blieben nicht unentdeckt. Die ersten Neuankömmlinge unter Wasser waren die Wale. In den Küstenbereichen zeigten sich die Pinguine, möglicherweise die ersten Robben. Später kamen die Delfine hinzu, eine Spezialanfertigung aus dem Hause Wal. Die Alpen und der Himalaya falteten sich zu Hochgebirgen auf. Die Tethys schrumpfte zusammen; ein Teil des südliches Armes wurde zum Mittelmeer, ein Teil des nördlichen zum Schwarzen Meer. Die Kontinente schoben sich langsam auf ihre heutigen Positionen.

Die ferne Zukunft des Planeten

Vor rund 2,5 Millionen Jahren betrat die Gattung Homo den irdischen Schauplatz, vor ungefähr 150.000 Jahren der moderne Mensch – ein beschleunigendes Element für Veränderungen im Ökosystem des Blauen Planeten, eine Nullnummer in der kosmischen Zeitrechnung. Die Kontinente schieben sich weiterhin über die Erdoberfläche.

Die Afrikanische und Eurasische Platte steuern aufeinander zu, im östlichen Mittelmeerraum werden sie vermutlich schneller kollidieren als im westlichen. In rund sieben Milliarden Jahren läuft die Sonnenuhr ab. Unser sterbender Hausstern wird sich zu einem Roten Riesen aufblähen, der Erde kräftig einheizen und ihr das Blau aus dem Leib saugen. Die Evolution wird anfangs noch auf Bewährtes aus der nassen Kinderstube des Lebens zurückgreifen können. Die ersten Bewohner dieser Welt werden vielleicht die letzten sein – die Bakterien.

Irgendwann wird auch ihnen das Wasser ausgehen.

Ute Schmidt ist Biologin und Wissenschaftsjournalistin. Sie lebt in Solingen. Illustrator John Sibbick studierte Grafik am Guildford College im südenglischen Sussex und arbeitete viele Jahre als Designer in London, ehe er sich 1972 selbstständig machte und sich auf die Darstellung der Urgeschichte spezialisierte – mit gelegentlichen Ausflügen in die Welt der Fantasyromane.

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