Epidemie-Gefahr Angst vor Grippevirus lähmt Mexiko-Stadt

Erdbeben, Wassermangel, Drogenkriege: In Mexiko-Stadt ist der Ausnahmezustand Alltag. Doch das Schweinegrippe-Virus verunsichert selbst die leidgeprüften Bewohner der Metropole. Das öffentliche Leben kommt zum Erliegen, in den Supermärkten gibt es erste Hamsterkäufe.

Von , Mexiko-Stadt


Luis Javier steht vor seinem Café und weiß von nichts. Wie üblich hat er auch an diesem Vormittag zehn Tische auf den Bürgersteig in Mexikos Bohème-Stadtteil Condesa gestellt. Ein paar Spätaufsteher schlürfen dort ihren ersten Kaffee des Tages, zwei Krawattenträger besprechen ein Geschäft, und ein junges Paar genießt die Frühlingssonne. "Ich darf keine Gäste mehr bewirten?", fragt Luis Javier ungläubig. Weil er nicht wahrhaben will, was er gerade hört, greift der Geschäftsführer des "Café Toskana" zum Telefon. Ein Anruf bei der Bezirksverwaltung soll Aufklärung bringen.

Dabei hätte Javier sich nur umschauen müssen. In seinem Viertel drängen sich Bars, Cafés und Restaurants dicht an dicht - und kein einziges Geschäft außer seinem hat heute auch nur einen Tisch auf dem Bürgersteig stehen.

Am frühen Dienstagmorgen hatte Mexikos Bürgermeister Marcelo Ebrard das verkündet, was Javier und seine Kollegen schon seit Tagen gefürchtet hatten: Alle Vergnügungsbetriebe, Fitnessstudios und Billardsalons der mexikanischen Hauptstadt müssen bis auf weiteres geschlossen bleiben. Restaurants und Cafés wie das von Javier dürfen nur noch außer Haus verkaufen. Ebrard will unter allen Umständen das Ansteckungsrisiko minimieren.

Die Gesundheitsbehörden befinden sich in einer Art Wettrennen mit dem A/H1N1-Virus, dem heimtückischen Erreger der Schweingerippe. Inzwischen hat sich Mexiko City mit seinen 22 Millionen Einwohnern von einer pulsierenden Metropole in eine gemütliche Stadt verwandelt: Schulen, Theater, Kinos, Unis, Museen und Bibliotheken sind geschlossen, der Autoverkehr ist erstmals seit Jahrzehnten wieder überschaubar, Busse und U-Bahnen so leer, dass man sogar einen Sitzplatz findet. Schon am Wochenende mussten alle öffentlichen Lokale aufgrund behördlicher Anweisung um 18 Uhr schließen.

Im Café Toskana hat sich Geschäftsführer Javier nach einem 20-minütigen Telefonat mit der Bezirksverwaltung mit der Schließungsverfügung abgefunden. Höflich bittet er alle Gäste zu gehen: "Schon am Wochenende brach unser Umsatz um 60 Prozent ein, und wie soll das jetzt werden?", fragt er. Der Hotel- und Gaststättenverband beschwert sich, dass die Schließungen Umsatzeinbußen von 50 Millionen Euro Verlust mit sich brächten und zudem völlig unsinnig seien. "Warum müssen gerade die Geschäfte schließen, die ihre Gäste an der frischen Luft bedienen, wo es weniger Ansteckungsgefahr gibt?", klagt Verbandschef Mario Sánchez Ruiz.

Die Bewohner der Hauptstadt ertragen die immer neuen Beschneidungen ihrer Freiheit derzeit noch mit jahrelang antrainierter Gelassenheit. Wer in der Metropole lebt, für den ist der Ausnahmezustand Alltag: Kokain-Kartelle tragen brutale Kämpfe aus, tagelang wird das Wasser abgestellt, Entführungen und Naturkatastrophen wie etwa das jüngste Erdbeben kommen immer wieder vor. Krisen aller Couleur gehören zu der Stadt wie Sonne und Smog. Da kann ein A/H1N1-Virus die Menschen so leicht nicht aus Fassung bringen.

"Die Mexikaner kaufen wie die Hamster"

Dennoch ahnen viele Bewohner der Stadt, dass die Kneipen-Schließung nicht die letzte Maßnahme sein wird, so lange die Behörden bei der Bekämpfung des Virus kaum vorankommen. So scheint es nur eine Frage von Tagen, bis Bürgermeister Ebrard auch den öffentlichen Nahverkehr stilllegt und jegliche wirtschaftliche Aktivität untersagt.

Das Schweinegrippe-Virus
Der Erreger
Es handelt sich um ein Influenza-A-Virus mit der Bezeichnung H1N1, das sich von Mensch zu Mensch übertragen kann - vor allem durch Händeschütteln, Niesen und Husten. Ein H1N1-Virus war auch der Auslöser der Spanischen Grippe, die zwischen 1918 und 1920 weltweit mindestens 25 Millionen Menschen getötet hat.
Die Symptome
Die Schweinegrippe bewirkt ähnliche Symptome wie eine normale Grippe: plötzliches Fieber, Muskelschmerzen, trockener Husten und ein trockener Hals. Allerdings sind der einhergehende Durchfall und die Übelkeit stärker ausgeprägt.
Die Gefahr
Neue Virenstämme können sich rasch ausbreiten, weil es keine natürliche Immunität gibt und es Monate dauert, bis ein aktueller Impfstoff entwickelt und produziert ist. Der neue Stamm des Schweinegrippe-Virus unterscheidet sich vom älteren H1N1-Virus, gegen das die aktuellen Grippeimpfstoffe schützen. Die gewöhnliche Grippe tötet jedes Jahr 250.000 bis 500.000 Menschen, vor allem ältere Menschen. Die meisten sterben an Lungenentzündung. Auch gesunde Menschen können tödlich erkranken.
Antivirale Mittel
Nach derzeitigem Wissensstand bieten die Wirkstoffe Oseltamivir (Handelsname Tamiflu) und Zanamivir (Handelsname Relenza) Schutz gegen das Schweinegrippen-Virus. Diese Wirkstoffe behindern unspezifisch die Vermehrung von Influenza-A- und Influenza-B-Viren im Körper.
Wandlungsfähigkeit von Grippeviren
Grippeviren gehören zu den wandlungsfähigsten Erregern, die bekannt sind. Die Entwicklung gänzlich neuer Typen ist zwar selten, aber extrem gefährlich. Meist springen dabei irgendwo in der Welt Viren von Vögeln oder Schweinen auf den Menschen über. Wenn sie in dessen Körperzellen auf andere, ältere Grippeviren treffen, kann sich die Erbinformationen vermischen und neue Erreger hervorbringen.

Im Superama-Supermarkt, nur einen Steinwurf vom Café Toskana entfernt, bereiten sich die Kunden schon auf diesen Schritt vor. Für einen Vormittag sind die Schlangen an den Kassen besonders lang und die Einkaufswagen besonders voll: Martín Rodriguez hat fünf Kilo Eier, sechs Packungen Müsli und 60 Dosen Thunfisch eingepackt. "Aber Wasser ist aus", sagt er genervt und zeigt wie zum Beweis auf ein handgeschriebenes Plakat an der Wand.

Nebenan hat eine Frau 24 Liter Milch im Wagen - und schiebt die Schuld auf ihren Ehemann: "Er hat mich losgeschickt für den Fall, dass sie auch die Supermärkte dichtmachen." Marktleiter César Hernández steht hinter den Kassen und schaut ungläubig auf das ungewohnte Treiben: "Seit Samstag kommen die Leute in Scharen", sagt er und hebt wieder das Funkgerät an den blauen Mundschutz, um neue Ware zu ordern. Kollegen berichten ihm, dass in anderen Filialen nicht nur Wasser, sondern auch Reis und Thunfisch ausverkauft sind. "Die Mexikaner", sagt er, "kaufen wie die Hamster."

Mit Material von AP

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