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Das Wissen um die DNA: Was Gene verraten

Foto: ANTHONY PHELPS/ Reuters

Epigenetik Die Mär vom Krieger-Gen

Mit immer neuen DNA-Analysen wollen Biologen das Verhalten des Menschen erklären. Doch vermeintliche Entdeckungen wie Schwulen-, Dikatoren- oder Krieger-Gene erweisen sich als Unfug. Stattdessen erkennen Forscher die Rolle der Umwelt: Erfahrungen prägen das Erbgut.

Der Abschnitt Xq28 auf dem Geschlechtschromosom X war mal richtig berühmt. Auf ihm, so der amerikanische Molekularbiologe Dean Hamer Anfang der neunziger Jahre, liege das "Schwulen-Gen".

Die vermeintliche Entdeckung einer biologischen Grundlage der Homosexualität sorgte damals für Debatten in der ganzen Welt. Die einen begrüßten die triumphale Meldung der Biologen: Wenn das Schwulsein angeboren sei, würden es alle Teile der Gesellschaft endlich als naturgegeben akzeptieren - mehr Verständnis für homosexuelle Männer werde die Folge sein.

Andere fürchteten eine verstärkte Diskriminierung von Schwulen. Jetzt, da der "Defekt" entdeckt sei, könne man die Betroffenen per Gentest ausfindig machen und versuchen, sie zu behandeln. Sexualwissenschaftler, Soziologen und Aktivisten meldeten sich zu Wort; Journalisten widmeten dem scheinbar sensationellen Befund große Geschichten.

Doch es war viel Lärm um nichts: Xq28 umfasst vier Millionen Basenpaare - das postulierte Schwulen-Gen hat sich trotz intensivster Suche bis heute nicht finden lassen. Die beteiligten Forscher haben sich schwer blamiert.

Gleichwohl ist die Gen-Gläubigkeit im Volk bis heute nicht zu erschüttern. Das mag dem kollektiven Kurzzeitgedächtnis geschuldet sein, der Sehnsucht nach einfachen Erklärungen oder dem Unterhaltungswert der immer neuen Funde, der ja nicht zu bestreiten ist: Einer neueren Studie zufolge sprechen Versuchstiere mit einem ausgeschalteten Gen namens CAMK4 besonders auf Rauschgift an - und schon ist vom "Kokain-Gen" die Rede. In Wahrheit aber ist die Gemengelage unklar: Die Hälfte der Süchtigen haben nämlich ein intaktes CAMK4-Gen. Und beinahe die Hälfte der Nicht-Süchtigen wiederum trägt das vermeintliche Sucht-Gen.

Debatten um vermeintliche Diktator- und Krieger-Gene

Einem anderen Befund zufolge hängt ein Erbfaktor namens AVPR1a mit besonders rücksichtslosem Verhalten zusammen. Prompt wird spekuliert, das "Diktator-Gen" erkläre die Gräueltaten von Adolf Hitler. Allerdings schreiben andere Studien dem AVPR1a ganz andere Eigenschaften zu: musikalische Begabung, Talent zum Tanzen, Vorlieben für bestimmte Nahrungsmittel und die Fähigkeit, gut mit dem Ehepartner auszukommen.

Einen Sturm der Entrüstung schließlich hat der neuseeländische Epidemiologe Rod Lea entfacht, als er die Entdeckung eines "Krieger-Gens" verkündete. Mit einer bestimmten Variante des MAOA-Gens erklärte er das aggressive Verhalten der Maori, der Ureinwohner Neuseelands. Mehr noch: Auch die Probleme mancher Maori in der modernen Gesellschaft - einen Hang zu Glücksspiel und Drogensucht - brachte Lea mit dem Gen in Verbindung. Rätselhaft allerdings bleibt, warum der Forscher die angebliche Wirkung des Gens auf die Maori zugeschnitten hat: 60 Prozent aller Asiaten tragen das angebliche "Krieger-Gen"; unter Europäern dürfte der Anteil bei 40 Prozent liegen.

Mit ihren Schein-Entdeckungen unterhalten die Verhaltensgenetiker die Öffentlichkeit immer wieder. Schüchtern, cholerisch, melancholisch - alles in die Wiege gelegt. Dahinter verbirgt sich die Vorstellung, Menschen könnten sich nicht ändern.

Welche genetischen Mechanismen prägen die Persönlichkeit?

Doch studiert man genau, was Untersuchungen an Tausenden von Geschwistern, Zwillingen und adoptierten Kindern ergeben haben, dann stellen sich viele offene Fragen. Die genetischen Mechanismen, die hinter der Persönlichkeit stehen, sind in Wahrheit "eines der größten Rätsel der Verhaltensforschung", so das Wissenschaftsmagazin "Science".

Unstrittig ist inzwischen: Die beharrlich vermeldeten Verhaltensgene gibt es so gar nicht. Viele genetische Mechanismen, aber eben auch viele kulturelle Faktoren kommen zusammen, wenn sich Selbstbewusstsein, Religiosität oder etwa Ehrgeiz ausprägen.

Und vor allem: Der Einfluss der Gene auf das Verhalten ist keine Einbahnstraße. Es gibt auch einen Pfeil, der von außen nach innen zeigt: Soziale Faktoren wirken auf Gene der Nervenzellen, verändern das Gehirn und damit das Verhalten. Eindrucksvoll haben Forscher das bei Vögeln beobachtet. Wenn ein Zebrafink den Gesang eines anderen Männchens hört, dann führt das dazu, dass ein Gen namens EGR-1 in seinem Gehirn verstärkt abgelesen wird. Die noch nie gehörte Melodie eines fremden Männchens führt zu einer viel stärkeren Aktivität von EGR-1 als das Gezwitscher, das dem Fink schon vertraut ist.

EGR-1 ist selbst ein Schlüsselgen, das seinerseits andere Gene anschalten oder ausknipsen kann. Auf diese Weise kann, durch eine Art Schneeballeffekt, eine genetische Antwort entstehen, die viele tausend Gene betrifft und sich in verschiedenen Regionen des Gehirns abspielt. Das soziale Umfeld bewirkt also breite Veränderungen an vielen Stellen des Erbguts. Aus Sicht eines Zebrafinken bedeutet das: Die Antwort der Gene hilft dem Gehirn, sich auf eine veränderte soziale Umwelt einzustellen, etwa auf das Eindringen eines singenden Nebenbuhlers in sein Revier. Die genetischen Spuren sozialer Erfahrungen können offenbar auch Säugetiere ein Leben lang prägen, wie etwa Versuche mit Mäusen gezeigt haben.

Wie Schwächlinge zu Herrschern werden

Ein weiteres Beispiel ist der Schwarzkehlmaulbrüter. Das ist ein in Ostafrika beheimateter Barsch, der in Aquarien gehalten wird - und dort für Ärger sorgen kann: Die Männchen, die bis zu zwölf Zentimeter groß werden, gehen recht ruppig miteinander um. Ein Becken ist meist zu klein für zwei Barsche. Das stärkere Männchen dominiert das Geschehen. Es ist prächtig gefärbt und schwimmt dem schwachen Männchen drohend in den Weg. Dieses ist blass und sexuell unreif.

Allerdings hat der vermeintliche Schwächling das Potential zum Alpha-Fisch. Forscher haben zwei Männchen und einige Weibchen in einem Becken gehalten und dann den dominierenden Barsch aus dem Wasser genommen. Damit schlug die Stunde des anderen: Innerhalb von Minuten bekam er eine prächtige Farbe und zeigte dominantes Gehabe. Die Chance, auf der sozialen Leiter endlich nach oben zukommen, veränderte die Arbeitsweise der Gene: In den Gehirnzellen entstand verstärkt EGR-1, was wiederum eine Kaskade von physiologischen Veränderungen auslöst: Aus dem Untertan wurde ein Herrscher.

Weil das Schlüsselgen EGR-1 sich auch in anderen Wirbeltieren finden lässt, dürfte es weit verbreitet und auch im Körper des Menschen aktiv sein.

Die Befunde zeigen in dieselbe Richtung: Soziale Erfahrungen und Beziehungen zu den Mitmenschen verändern die Art und Weise, wie Gene im Gehirn arbeiten. Damit ist das Verhalten keineswegs fixiert, sondern es wird durch soziale und kulturelle Faktoren gesteuert. Der biologische Einfluss schwindet mit den Lebensjahren, Erfahrungen gewinnen ein größeres Gewicht und prägen die Persönlichkeit.

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