Erdbeben Mit Twitter auf Erdbebensuche

Nach einem schweren Erdbeben zählt für die Helfer jede Minute. Geoforscher haben in einem neuen Ansatz nun klassische Warnsysteme mit Daten aus sozialen Netzen verknüpft, um Betroffenen schneller zu helfen.

Betroffene eines Erdbebens in Nepal laden ihre Mobiltelefone an einem Generator. (Archivbild)
AP

Betroffene eines Erdbebens in Nepal laden ihre Mobiltelefone an einem Generator. (Archivbild)


Am Mittwoch traf es den US-Bundesstaat Kalifornien, die Aleuten-Inseln in Alaska, El Salvador, Japan und Taiwan: Es vergeht kein Tag, an dem nicht irgendwo auf der Welt die Erde bebt, auch wenn längst nicht jede Erschütterung überhaupt für Menschen zu spüren ist.

Egal wie klein die Erdstöße auch sind, üblicherweise werden sie von weltweit verteilten, seismischen Stationen erfasst. Normalerweise dauert es etwa drei bis acht Minuten, bis aus den gelieferten Daten der genaue Ort, die Tiefe des Bebenherdes und die Magnitude errechnet sind.

"Für die zuverlässige Lokalisierung eines Bebens benötigt man die Daten von mehreren Stationen", erläutert Joachim Saul vom Geoforschungszentrum (GFZ) in Potsdam. Es müsse ausgeschlossen werden, dass ein Sensor nur eine lokale Erschütterung gemessen und deshalb ausgeschlagen hat. Erst wenn die Fachleute zweifelsfrei ein Erdbeben festgestellt haben, veröffentlichen sie ihre Informationen. Bei einem schweren Beben kann jede Minute für Behörden und die Öffentlichkeit wichtig sein, etwa um Hilfsmaßnahmen zu organisieren.

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Im Fachmagazin "Science Advances" berichtet ein internationales Team um Robert Steed vom European-Mediterranean Seismological Centre (EMSC) im französischen Bruyères-le-Châtel nun, wie Beben-Lokalisationen in Zukunft schneller gelingen könnten. Die Forschenden nutzten dafür neben den Daten der seismischen Stationen unter anderem Zugriffsdaten der EMSC-Webseite und der Erdbeben-App "LastQuake".

Außerdem durchforsteten sie den Kurznachrichtendienst Twitter in 59 Sprachen nach Tweets, die den Begriff Erdbeben enthielten. Denn nach einem Beben greifen viele Menschen heute zum Handy, um in den sozialen Medien von ihrem Erlebten zu berichten und ihre Erfahrungen zu teilen.

Insgesamt analysierten die Forscher Daten zu mehr als 1500 Erdstößen aus dem Zeitraum zwischen dem 1. Januar 2016 und dem 31. Dezember 2017. Die Auswertung ergab, dass sie bei der Lokalisierung mit Hilfe der Internetdaten durchschnittlich mehr als eine Minute schneller waren, als wenn sie nur die Daten der seismischen Stationen genutzt hätten.

"Die Ergebnisse sind spannend und auch für Geofon relevant, da sie die Reaktion von Menschen, die ein Erdbeben selbst verspürt haben, unmittelbar mit einbezieht", sagt Joachim Saul vom GFZ. Er ist einer der Co-Autoren der Studie. "Wir stehen aber erst am Anfang einer Entwicklung. Besonders die genaue Bestimmung der Erdbebenstärke bleibt eine Herausforderung", so der Forscher.

chs/dpa



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