Neue Karte für Deutschland Hier ist das Erdbebenrisiko am höchsten

Die Risiken durch Erdbeben in Deutschland sind gering - aber zumindest in Teilen des Landes nicht zu vernachlässigen. Geoforscher haben jetzt eine Karte vorgelegt, die weitreichende wirtschaftliche Folgen haben dürfte.
Seismografen-Ausdruck eines Erdbebens in Hessen (Archivbild von 2010)

Seismografen-Ausdruck eines Erdbebens in Hessen (Archivbild von 2010)

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Fredrik von Erichsen/ DPA

Das nächste Beben kommt bestimmt. Und vielleicht ist es dann die Katastrophe, vor der Geoforscher schon lange warnen. San Francisco, Istanbul, Tokio - all diese Metropolen müssen sich Sorgen vor schweren Erdstößen machen. Und viele andere Städte in verschiedenen Teilen der Welt ebenso.

Sie liegen in geologisch höchst sensiblen Gebieten, in denen die Kontinentalplatten der Erdkruste sich treffen. Im Untergrund baut sich dort Spannung auf, nach und nach. Und eines Tages wird sich diese Spannung schlagartig entladen - mit wohl katastrophalen Folgen.

Doch was ist mit Bottrop-Kirchhellen, Plauen oder Müllheim? Deutschland befindet sich mitten auf der Eurasischen Platte, Plattengrenzen sind hier weit entfernt - und doch bebt auch hierzulande immer wieder der Boden. Grund sind Brüche und Schwächezonen im Untergrund, die für Probleme sorgen können.

Wenn etwa im Süden Europas die Afrikanische auf die Eurasische Platte trifft und so die Alpen auftürmt, wird dabei nicht der gesamte Druck aufgenommen. Der Rest der gigantischen Kräfte lässt etwa den Oberrheingraben Stück für Stück auseinanderreißen, die Erde in dem Gebiet bebt immer wieder.

Das Fazit von Geoforschern lautet daher: Die Risiken durch Erdbeben in Deutschland sind gering - vernachlässigbar sind sie jedoch nicht. Nun haben Experten neues Kartenmaterial zur Erdbebengefährdung im Land vorgelegt. Es ersetzt die aktuell gültigen, zuletzt vor etwa 20 Jahren überarbeiteten Erdbebenzonen in den Baunormen. Fundamental neue Erkenntnisse gibt es dabei nicht, im Vergleich zu früheren Karten sehen die beteiligten Forscher ihre Ergebnisse aber "wesentlich besser abgesichert".

Erdbebenrisiko in Deutschland, registrierte Beben seit dem Jahr 1000

Erdbebenrisiko in Deutschland, registrierte Beben seit dem Jahr 1000

Foto: G. Grünthal et a

Verantwortlich für die Arbeiten ist das Deutsche Geoforschungszentrum in Potsdam, deren Experten auch im Fachmagazin "Bulletin of Earthquake Engineering"  über ihre Arbeiten berichten. Sie haben im Auftrag des Deutschen Instituts für Bautechnik und in Abstimmung mit den zuständigen DIN-Normenausschüssen gearbeitet - und sagen: "Die Neueinschätzung wird weitreichende wirtschaftliche Folgen haben." So jedenfalls sieht es GFZ-Experte Fabrice Cotton. Die Karten würden Bestandteil des "Nationalen Anhangs" der neuen DIN-Norm DIN EN 1998-1/NA, so Cotton. Das heißt: Bauherren in gefährdeten Gebieten werden in Zukunft darauf achten müssen, ihre Gebäude nach den neuen Vorschriften erdbebengerecht auszulegen.

Für die neuen Karten der Erdbebenzonen hatten die GFZ-Forscher eine Liste der aus der Vergangenheit bekannten Erdbeben auf dem Gebiet der heutigen Bundesrepublik und den angrenzenden Regionen statistisch ausgewertet - in den Jahren 1000 bis 2014. Dabei identifizierten sie auch zahlreiche Ereignisse, die in vergangene Gefährdungsberechnungen eingeflossen waren, obwohl es sich nach heutigen Erkenntnissen gar nicht um Beben handelte.

So seien in manchen Fällen Stürme, plötzliche Bodensenkungen oder Berichte über weit entfernte Erdstöße als lokale Ereignisse verzeichnet worden. "Mehr als 60 Prozent der im bisherigen deutschen Erdbebenkatalog aufgeführten Schadenbeben haben in manchen Gebieten nie stattgefunden", sagt Studienautor Gottfried Grünthal vom GFZ. "Spätere Chronisten oder Autoren verschiedener Erdbebenkataloge haben die Fehler einfach übernommen."

Als ein Beispiel für solch ein "Fake Quake", ein nie stattgefundenes Erdbeben, nennt Grünthal die Erdstöße, die im Jahr 1591 den Ort Neuburg an der Donau erschüttert haben sollen. Sie fanden sich in vielen Erdbebenlisten - und gehen zurück auf einen zeitgenössischen Bericht, wonach es einen Schaden an einem Pfarrhaus in der Region gab. Dieser, so berichtet der Forscher nach Durchsicht anderer Unterlagen, dürfte allerdings auf ein gut belegtes Beben zurückgehen, das bereits ein Jahr zuvor im benachbarten Niederösterreich stattfand. Für ein eigenes Beben 1591 gebe es dagegen keine Hinweise.

Erdbebenstärken

Nicht in der Analyse berücksichtigt wurden solche seismischen Ereignisse, die mit menschlicher Aktivität zu tun haben, zum Beispiel durch Kohle- und Salzbergbau, durch Öl- und Gasförderung oder durch Geothermie. Denn die hätten langfristig kaum Bedeutung.

Grob gesprochen liegen Deutschlands Erdbebengebiete im Westen, Süden und Südosten: die Niederrheinische Bucht, der Rheingraben und die Bodenseeregion, der Schwarzwald und die Schwäbische Alb, das Vogtland.

Schäden im dreistelligen Millionenbereich

In der Grenzregion zwischen Deutschland und Tschechien etwa hat es seit dem Himmelfahrtstag mehr als 100 kleinerer Erdstöße gegeben. Diese sogenannten Schwarmbeben richteten keine Schäden an. Auch in Baden-Württemberg und der nordrhein-westfälischen Grenzregion zu den Niederlanden bebte die Erde zuletzt, auch hier ohne dramatische Folgen.

Dass bei Beben aber auch hierzulande durchaus größere Schäden auftreten können, haben zum Beispiel die Erschütterungen gezeigt, die im April 1992 in der Grenzgegend zwischen Deutschland und den Niederlanden registriert wurden. Das sogenannte Erdbeben von Roermond hatte damals eine Stärke von 5,3 und verursachte Schäden im dreistelligen Millionenbereich. Es waren die stärksten Erdstöße in Deutschland seit fast 250 Jahren .

Und auch bisher als ungefährdet geltende Gebiete müssen sich mit dem Thema befassen: So hatten Geoforscher Mitte Mai gewarnt, dass in der Region Halle-Leipzig womöglich auch ähnlich starke Erdstöße wie etwa in Roermond drohen könnten. Die Wissenschaftler hatten kleinere Beben in den Jahren 2015 und 2017 analysiert - und Hinweise darauf gefunden, dass bislang als ruhig angenommene geologische Störungszonen im Untergrund reaktiviert werden könnten.

Der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft hatte anschließend auf den - aus seiner Sicht - mangelhaften Versicherungsschutz vieler Haushalte hingewiesen. Im Bundesschnitt sind 41 Prozent aller Haushalte gegen Naturgefahren wie Erdbeben - sogenannte Elementarschäden - versichert. Dafür ist eine "erweiterte Naturgefahrenversicherung" nötig, die auch Erdrutsch und Erdsenkung sowie Hochwasser, Starkregen, Schneedruck und Lawinen abdeckt.

Von Bundesland zu Bundesland unterscheiden sich die Versichertenzahlen jedoch massiv. Während in Baden-Württemberg 94 Prozent der Haushalte mit entsprechenden Policen geschützt sind, liegt der Anteil etwa im benachbarten Bayern bei nur 32 Prozent. (Eine komplette Aufstellung finden Sie hier .)

Die gesamte Schadenssumme durch Erdbeben in Deutschland ist nicht so einfach zu bestimmen. Die Versicherer weisen nur den Schadensaufwand für "Erdgefahren" aus, dabei sind neben Erdbeben allerdings auch Erd- und Schlammrutsche sowie Erdsenkungen erfasst. Die neuesten Angaben dazu stammen aus dem Jahr 2015. Damals lag die Summe bei 4,3 Millionen Euro.

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