Erdbeben in Pakistan Überleben ist eine Frage des Geldes

Tausende Menschen, die beim Erdbeben von Pakistan das Leben verloren, hätten nicht sterben müssen - wenn die Behörden die Einhaltung von Bauvorschriften kontrolliert hätten und dem Land mehr Geld zur Verfügung stünde. Denn für Experten kam das Beben keineswegs überraschend.

Am Samstag um 8.50 Uhr Ortszeit passierte es: Tief unter den Bergen Kaschmirs brach die Erdkruste auf einer Länge von etwa 100 Kilometern. Zwei Millionen Tonnen schwere Gesteinsblöcke schoben sich schlagartig übereinander, nach wenigen Sekunden erreichten die Schockwellen die Erdoberfläche. Sie erschütterten die Gegend minutenlang, noch in mehr als 100 Kilometern Entfernung vom Bebenherd wackelten die Häuser. Die meisten Bauten stürzten ein. Viele Menschen hatten keine Überlebenschance.

Die Katastrophe kam nicht überraschend. Auf Erdbebenkarten leuchtet Kaschmir krebsrot, denn die Region ist höchst gefährdet. Sie liegt in der Knautschzone zweier Erdplatten, der Indisch-Australischen und der Eurasischen Platte. Mit etwa sechs Zentimetern pro Jahr schiebt sich Indien wie ein Sporn in den Eurasischen Kontinent. Dabei faltet sich seit Jahrmillionen der Himalaja auf, das Gebirge wächst mit etwa vier Millimetern pro Jahr in die Höhe.

Der interkontinentale Crash lässt die Erdkruste unter der Region auf bis zu 80 Kilometer anschwellen, normalerweise ist sie etwa 30 Kilometer mächtig. Bei der Kollision verhaken sich die beiden Erdplatten. Irgendwann löst sich die Spannung, und die Platten schnellen voran - die Erde bebt. Dabei bewegt sich nicht die gesamte Erdplatte, sondern nur jener Block, der unter besonders starker Spannung steht. So auch am Samstag: Ein mächtiger "Gesteinsfinger" schob sich ruckartig voran.

Um den Hergang der Katastrophe zu rekonstruieren, werten Geologen verschiedener internationaler Institute die Wellen des Bebens aus, die weltweit aufgezeichnet wurden. Weil die Messgeräte unterschiedlich weit vom Epizentrum entfernt sind, unterscheiden sich die Aufzeichnungen. Damit variieren auch die Berechnungen der Forscher: Die Angaben der Erdbebenstärke liegen zwischen 7,5 und 7,8. Es waren demnach so starke Erschütterungen, wie sie der Einschlag eines 150 Meter großen Meteoriten auslösen würde.

Uno-Studie auf grausige Weise bestätigt

Die Schätzung der Tiefe des Bebens auf zehn Kilometer ist äußerst grob, sie dürfte in den nächsten Tagen noch um mehrere Kilometer korrigiert werden. Klar ist: Die Erschütterungen ereigneten sich in relativ geringer Tiefe, denn sie haben an der Oberfläche schwere Schäden angerichtet.

Das Beben bestätigt auf grausige Weise eine Studie der Vereinten Nationen von vor vier Jahren, die Pakistan und Indien schwere Erdbeben-Katastrophen voraussagte. Die Forscher hatten diagnostiziert, dass kaum ein Gebäude in der Region stärken Erschütterungen standhalten kann. So wurden Islamabad für den Fall eines Starkbebens 12.500 Tote prognostiziert, Delhi 38.000 und Katmandu gar 70.000.

Der Samstag offenbarte die architektonischen Mängel - und die Ignoranz der Behörden. Denn tatsächlich wurden fast alle Bauten in der Gegend an Bauvorschriften vorbei erreichtet. So starben Menschen, weil ihre Häuser die Zugspannungen, die bei Erdbeben auftreten, nicht aufnehmen konnten. Sie starben, weil ihre Häuser auf Hängen standen, die sich bei einem Erdbeben wie Wackelpudding verhalten. Sie starben, weil Gasleitungen platzten und Lauffeuer auslösten, Tankstellen explodierten, Wassertanks barsten und die Abwässer Zufluchtsorte wie Keller überschwemmten.

Das Telefonnetz brach zusammen und die Strassen waren blockiert, so dass Hilfe in der gebirgigen Region nicht rechtzeitig vor Ort sein konnte. Viele Siedlungen sind nur über eine Straße mit der Außenwelt verbunden.

Die Uno-Studie zeigte, dass ein Schulkind in Islamabad bei einem Starkbeben mit 400-mal größerer Wahrscheinlichkeit ums Leben kommt als etwa ein Schüler in einer gleichermaßen erdbebengefährdeten japanischen Großstadt. Tatsächlich wurden am Samstag Hunderte Schulkinder beim Zusammenbruch ihrer Schulen getötet. Die Uno-Studie warnte auch davor, dass in einer indischen oder pakistanischen Großstadt bei einem Beben siebenmal mehr Menschen sterben könnten als etwa in Tokio, obwohl der Großraum der japanischen Hauptstadt ein Vielfaches an Einwohnern hat.

Sichere Häuser sind teuer

So absonderlich diese Vergleiche zunächst wirken, sie weisen doch direkt auf die Prämisse der Erdbebenvorsorge: Nicht das Beben tötet Menschen, sondern zusammenstürzende Bauten. Indien bekam das erst kürzlich zu spüren, als im Januar 2001 der Westen des Landes von einem schweren Beben getroffen wurde und wie am Samstag zahllose Gebäude wie Kartenhäuser zusammenfielen.

In wirtschaftlich starken Nationen wie Japan oder den USA werden seit Jahrzehnten hohe Summen in die erdbebensichere Architektur der Gebäude investiert. Dort wurden etwa Hochhäuser auf Hartgummiklötzen errichtet, die einen Teil der Energie eines Bebens aufnehmen können und die Schwingung damit dämpfen. Auch in ärmeren Ländern existieren Vorschriften für erdbebensichere Bauweisen.

Gleichwohl hapert es an ihrer Umsetzung. Es sind große Investitionen sind nicht nötig, um Häuser erdbebensicher zu verstärken. Die Baupläne sehen unter anderem verstärkte Streben vor, die die Wände mit der Decke und dem Boden verbinden. Entsprechende Anleitungen stehen auch den pakistanischen und indischen Behörden seit langem zur Verfügung.

Die Gefahr in Kaschmir ist nicht vorbei, Nachbeben sind unausweichlich. Wurde die Erde stark erschüttert, kommt sie eine Zeitlang nicht zur Ruhe. Bauten, die dem Erstschlag noch standhielten, könnten bei einem Nachbeben in sich zusammenfallen - und womöglich die Helfer erschlagen, die nach Überlebenden des ersten Bebens suchen.

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