Erdbeben-Simulation Schaukeltest für den Big Bang

Golden Gate Bridge oder das Flughafenterminal in San Francisco - Ingenieure setzen im Computer Bauwerke den Erschütterungen des Erdbebens von 1906 aus. Der 100. Jahrestag des Jahrhundertbebens weckt bei den Kaliforniern die Angst vor dem nächsten "Big Bang".


Die Golden Gate Bridge wackelt, als sei sie aus Gummi. Die Spann- und Halteseile schlingern unrythmisch, doch das Bauwerk hält die Erschütterungen in der Computeranimation aus. In der Realität, so die gute Botschaft, hätte das Wahrzeichen San Franciscos ebenso standgehalten - wenn sich heute ein Beben gleicher Stärke und Gestalt wieder ereignen würde wie vor genau 100 Jahren, am 18. April 1906.

Als damals die Naturkatastrophe die Bay Area heimsuchte und San Francisco zerstörte, gab es die Brücke noch gar nicht. Sie wurde erst in den Jahren 1933 bis 1937 errichtet. Doch nachdem Seismologen des US Geological Survey (USGS) die Bodenbewegung durch das Jahrhundertbeben in einer Computersimulation rekonstruiert haben, lassen die Erschütterungen von 1906 auch zeitgenössische Gebäude wackeln - zumindest virtuell.

Der Bauingenieur Ashraf Habibullah ließ die digitalen Schockwellen durch die dreidimensionalen Konstruktionsmodelle in seinem Computer laufen. Habibullah ist der Chef und Gründer der Software-Firma CSI Berkeley, die Erdbeben-Software für Ingenieurbüros herstellt. "Sie können damit testen, ob eine Struktur einem Beben standhalten würde - oder ob sie verstärkt werden sollte", sagte Habibullah.

Gebäude, die nicht halten, werden nicht genannt

Und genau das machte er auch mit dem Jahrhundertbeben: Sobald die USGS-Wissenschaftler ihre neuerrechnete Erdbebensimulation veröffentlicht hatten, fütterte er den Datensatz in seine Software und spielte durch, was ein Beben wie von 1906 heute anrichten würde. "Es gibt Gebäude im Großraum San Francisco, die in arge Schwierigkeiten geraten würden", sagte Ashraf zu SPIEGEL ONLINE. Welche, möchte er nicht sagen. "Dann hätte ich gleich jede Menge Anwälte auf dem Hals."

Doch Habibullah stellte vier Animationen von - erschütterten aber standhaften - Gebäuden auf seine Homepage: Ein Terminal des Flughafens und das Marriot Hotel von San Francisco, das Rathaus von Los Angeles - und eben die Golden Gate Bridge. Sie wurde von 1981 bis 1985 renoviert und auch gegen starke Erdbeben verstärkt. Seitdem müsse das Wahrzeichen ein Beben wie das von 1906 nicht mehr fürchten, sagte Habibullah.

Nach derselben Methode lassen Geophysiker um Thomas Heaton am California Institute of Technology (Caltech) die digital rekonstruierte Erschütterung auf Computermodelle 6- und 20-stöckiger nordkalifornischer Gebäude wirken. Zahllose Bauten sind nach einem Bericht der California Seismic Safety Commission (CSSC) zufolge nicht erdbebensicher: Hochhäuser, vierstöckige Stadtautobahnen, Gebäude an Hängen oder auf aufgeschüttetem Bauland.

Nicht zuletzt die Feierlichkeiten und die vielfältigen Gedenkveranstaltungen zum heutigen "1906 centennial" haben das Risikobewusstsein und auch die Furcht der Kalifornier vor einem neuerlichen verheerenden Beben, dem "Big One", genährt. Als sicher gilt nur, dass es ein neues Jahrhundertbeben geben wird.

Auch Ingenieure fotografieren lieber Trümmer

So hat Habibullah mit den Animationen der wackelnden Wahrzeichen im San Francisco offenbar weitverbreitete Ängste angesprochen. Wenige Tage nachdem die Filme online gingen, fügte CSI Berkeley einen dicken Hinweis auf der Website ein: "Kein Grund zur Aufregung, die Verformungen wurden vergrößert." Tatsächlich laufen die Animationen in doppelter Geschwindigkeit ab mit 100-fach überzeichneten Deformationen - so entsteht der Gummi-Eindruck.

"Das ist eine unbegründete Furcht, die die Menschen mit Erdbeben verbinden", sagt Ashraf Habibullah. Von jedem eingestürzten Haus würden die Menschen nach einem Erdbeben massenweise Fotos machen, "sogar die Ingenieure". Dabei, so der Ingenieur, müssten die doch eher all jene Häuser fotografieren, die stehen geblieben seien.

Stefan Schmitt



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