Erdbeben-Vorhersage Eine Frage der Wahrscheinlichkeit

Sie treffen die Menschen zumeist unvorbereitet und verheerend: Erdbeben. Ein japanischer Forscher will das nicht glauben. Seiner Auffassung nach sind die Katastrophen vorhersehbar. Deutsche Wissenschaftler halten den Mann für unseriös.

"Ganz präzise kann man kein Erdbeben vorhersagen. Wir können nur mit Hilfe der Wahrscheinlichkeitsrechnung ungefähr Ort und Stärke der Erdstöße vermuten." Birger Gottfried Lühr arbeitet am Geo-Forschungszentrum (GFZ) in Potsdam in der Abteilung für Naturkatastrophen und will verhindern, dass seriöse Wissenschaftler mit dem selbst ernannten Forscher aus Japan in einen Topf geworfen werden. Yoshio Kushadi hatte in der vergangenen Woche auf sich aufmerksam gemacht, als er vor einem Erdbeben in Tokio warnte. Wenige Tage später wackelten in der japanischen Hauptstadt tatsächlich die Wände. Ein Zufallstreffer?

Das Beben, das in der vergangenen Nacht die nordjapanische Insel Hokkaido erschütterte, hatte Kushadi jedoch nicht prophezeit, obwohl es beim GFZ mit einer Magnitude von 8,8 auf der Richter-Skala gemessen wurde und damit eines der stärksten Beben gewesen ist, das überhaupt gemessen wurden. Ein Teil der Erdkruste ist auf einer Länge von 300 Kilometern gebrochen - ein Resultat der plattentektonischen Tätigkeit, denn der Pazifikboden schiebt sich rund 8 Zentimeter pro Jahr weiter unter Japan.

Chaotisches System

Dabei scheint Kushadis Methode recht einfach zu sein: Mit Hilfe von Radiowellen, glaubt er, Zeit und Ort von Erdbeben relativ präzise vorhersagen zu können. Wenn sich der Druck unter der Erde erhöht, so seine Theorie, ergeben sich kleine Risse in der Erdkruste. Zusammen mit den entsprechenden Magma-Bewegungen sorgen diese für elektromagnetische Störungen in der Atmosphäre, die wiederum bevorstehende Beben anzeigen. Überraschend ist jedoch, dass der Forscher vor dem sehr starken Beben der Nacht nicht gewarnt hat.

"Es gibt auch Wissenschaftler, die davon ausgehen, dass es sich um chaotische Prozesse handelt, die gar nicht bestimmbar sind", erklärt der Wissenschaftler Lühr. "Neben der Wahrscheinlichkeitsrechnung kann vor allem das erdbebensichere Bauen von Gebäuden schützen." Das beherrschen die Japaner offensichtlich recht gut. Schließlich sind die Schäden im Vergleich zur Stärke des Bebens noch gering. Achtet man beim Bauen von Hochhäusern etwa darauf, dass die Eigenfrequenz der Gebäude außerhalb des Schwingungsbereiches von Erdbeben liegt, so besteht eine geringere Einsturzgefahr.

Mögliche Lösung aus dem All

Den Verdacht, dass ein Zusammenhang zwischen elektromagnetischen Störungen und Erdstößen besteht, gibt es indes bereits seit den achtziger Jahren. Im Oktober 2002 hatten Wissenschaftler von fünf japanischen Universitäten diese These bestätigt. So kann es durchaus sein, dass Erdbeben elektromagnetische Störungen in der Atmosphäre verursachen, eine präzise Vorhersage ist deshalb allerdings noch lange nicht möglich.

Die Nasa setzt darüber hinaus auf Weltraumtechnologie: Mit dem Satelliten sollen Erdbebenvorhersagen möglich werden. Die Forscher machen sich die Beobachtung zu Nutze, dass im Zusammenhang mit Erdbeben immer wieder Temperaturerhöhungen und Lichterscheinungen beobachtet wurden: Geraten Steine unter Druck, so senden sie Infrarotlicht aus. Gelangt dieses an die Oberfläche, kommt es zu Lichteffekten und Entweichen von elektromagnetischer Strahlung. Damit könnten auch die Temperaturunterschiede erklärt werden. Das "Global Earthquake Satellite System" soll so eine Vorhersage ermöglichen. Auch Lühr gibt sich ein wenig optimistisch: "Immerhin ist es heute mit Globalen Positionierungs-Systemen möglich, die Bewegungen der verschiedenen Platten zu messen. Das lässt zumindest die Wahrscheinlichkeiten genauer bestimmen."

Sven Preger

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