Erdbebenprognose eines 14-Jährigen Das Märchen vom Napa Valley

Ein 14-Jähriger hat das starke Erdbeben in Kalifornien vorhergesagt, berichtet ein renommierter Wissenschaftsverlag. Hat der Junge eine Prognosemethode entwickelt? Er wäre reif für den Nobelpreis.

Suganth Kannan (rechts): "Ich will Prognosen entwickeln, die Schäden von Menschen abwenden"
APCO/ Elsevier

Suganth Kannan (rechts): "Ich will Prognosen entwickeln, die Schäden von Menschen abwenden"

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Hamburg - Wissenschaftler sprechen vom Heiligen Gral der Geoforschung, wenn sie die Vorhersage von Erdbeben meinen. Seit Jahrhunderten suchen sie vergeblich nach Warnsignalen. Nun meldet der Wissenschaftsverlag Elsevier, dass es einem 14-Jährigen gelungen sei, das starke Erdbeben am 24. August nahe San Francisco mithilfe seines mathematischen Modells prognostiziert zu haben. Hat der Junge das Jahrtausendproblem gelöst?

Es ist eine märchenhafte Geschichte. Am 29. Juli habe Suganth Kannan in seinem Vortrag auf der "International Conference on Earth Science & Climate Change" dem Fachpublikum erläutert, dass "ein Beben in San Francisco bald kommen wird", berichtet Elsevier. Es werde die Stärke 5 bis 9 haben und innerhalb der folgenden sechs Monate nahe des Napa Valley zuschlagen.

Das war ein guter Tipp: Tatsächlich ereignete sich das Beben der Stärke 6,0 nur 80 Kilometer südwestlich des Ortes, den der 14-jährige Kannan prognostiziert hatte. "Das Resultat ist bemerkenswert genau", zitiert Elsevier den Geologen Douglas Leaffer von der Framingham State University in den USA.

Schon als 12-Jähriger in der Wissenschaft

Das Modell des Jungen habe "das Potenzial, signifikante Erdbebenaktivität für bestimmte Regionen vorherzusagen, damit sich Behörden und Bürger auf wichtige Beben vorbereiten können". Er habe bereits eine Zusammenarbeit mit Kannan verabredet, berichtet Leaffer. Das mathematische Modell des Jungen habe ihn beeindruckt.

Bereits vor zwei Jahren hatte Kannan für Furore gesorgt. 2012 habe der damals 12-Jährige die Teilnehmer einer wissenschaftlichen Tagung in Den Haag fasziniert, berichtet Elsevier. Sie hätten ihn ermuntert, seine Erkenntnisse in einem Fachblatt zu publizieren. Dem Artikel folgte sein Aufsatz "Wie man einen wissenschaftlichen Artikel im Alter von 12 Jahren publiziert".

Erdbeben und Prognose
APCO/ Elsevier/ Google Earth

Erdbeben und Prognose

Seine Vorhersage beruhe auf der Annahme, dass alle Beben einer Region zusammenhingen. Jedes Beben erhöhe im Umkreis die Wahrscheinlichkeit für weitere, je nach Tiefe und Stärke. Kannan nutzte KML-Dateien mit geografischen und zeitlichen Informationen über frühere Beben, die das National Earthquake Information Center (NEIC) zum Download anbietet. Aus diesen Daten berechnete er, wo weitere Schläge zu erwarten seien. Zur Darstellung der Ergebnisse nutzte Kannan den Kartendienst Google Earth.

Doch was ist wirklich dran an dem Modell des Wunderkinds? Experten sind skeptisch. "Das Programm stellt lediglich geografische Daten dar", wundert sich die renommierte Seismologin Susan Hough vom Geologischen Dienst der USA (USGS). Eine geologische Analyse sei damit nicht möglich. "Allzu ausgefeilt wirkt die Analyse nicht."

"Eine wunderschöne Geschichte"

"Eine wirklich wunderschöne Geschichte", freut sich Roland Bürgmann von der University of California in Berkeley. Allerdings, wendet er ein, hätten sich ähnliche statistische Erdbebenprognosen stets als unbrauchbar erwiesen. Interessant wäre zu sehen, wie erfolgreich Vorhersagen von Kannan für andere Regionen gewesen seien, ergänzt Hough. Zufallstreffer gibt es zuhauf in der Bebenprognostik.

"Keine Methode kann anhand einer einzigen Vorhersage getestet werden", erklärt auch Robert Geller von der Universität Tokio, ebenfalls Seismologe. Die Chance sei groß, dass der Treffer Zufall war - zumal die Vorhersage von Zeit und Ort ausgesprochen vage gewesen sei. "Das Ganze ist bedeutungslos", meint Geller.

Die Erdbebenforschung ist gespickt mit gefallenen Helden. Immer wieder behauptet jemand, den Heiligen Gral gefunden zu haben. In den siebziger Jahren signalisierten angeblich stärker werdende Vorbeben eine bevorstehende Katastrophe. In den Achtzigern war es elektrische Spannung im Untergrund. In den Neunzigern gab es die Überzeugung, dass die Häufigkeit vergangener Beben den Zeitpunkt des nächsten Schlages bestimme. Zuletzt hatten Hobbyforscher angebliche Erfolge bei der Erdbebenprognose mittels Gasmessungen gemeldet.

Über den Nobelpreis sprechen

Nach praktisch jedem Beben-Desaster gibt es Berichte darüber, dass Tiere die Erschütterungen im Voraus hätten spüren können. Keine Methode freilich hielt der systematischen Prüfung stand. Doch die Widerlegungen der vermeintlichen Sensationen finden üblicherweise keine Aufmerksamkeit. Die Risikolosigkeit der Prognosen verleite immer wieder dazu, unausgegorene Warnungen auszusprechen, kritisiert Max Wyss vom Genfer Erdbebenforschungsinstitut Wapmerr.

Gleichwohl: Die Experten zeigen sich angetan von der Arbeit Kannans. "Er sollte seine Ergebnisse prüfen lassen", ermuntert Bürgmann den Jungen. "Danach können wir anfangen, über den Nobelpreis zu sprechen", sagt Hough. "Er hat ein riesiges Potenzial für die Forschung", meint Leaffer.

Kannan hat laut Elsevier mittlerweile seine eigene Firma gegründet, MathforUS, also "Mathe für die USA": "Ich will Prognosen entwickeln, die Schäden von Menschen abwenden", sagt er.

insgesamt 65 Beiträge
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carpitol 04.09.2014
1. Meine katze.....
Das mit den vorsagen ist einfach zu dumm und wenn mir einer die maer von tieren fuer vorsagen erzaehlt dann lache ich mich einfach nur tot... Bei dem letzten 6.3 war ich wach vor unserer katze. Die liegt einfach nur da. Ich hatte das schon einige male ich springe von der couch weil es wackelt und die bloede katze muckt noch nichtmal. Vielleicht sind sie fuer jenseits von 7 oder 8 nuetzlich aber fuer darunter taugen sie nix. Nichmal als seismograph.
ignorat 04.09.2014
2. warum nicht an Japan überprüfen
folgt man der Japan Meteorological Agency http://www.jma.go.jp/en/quake/ so finden auf den japanischen Inseln und rundherum nahezu täglich Erdbeben statt. Die meisten liegen in einem Bereich um 1-2, aber zwischendrin gibt es größere. Warum wird nicht seine Hypothese, respektive sein Programm anhand von Japan überprüft? Dort lässt sich innerhalb kürzester Zeit (1-2 Jahre) ausreichend statistisches Material zusammentragen um nach seiner Methode das nächste Beben vorherzusagen. Bislang scheint die statistische Menge noch relativ klein zu sein, so dass jeder Treffer auch ein Zufall sein kann.
ratxi 04.09.2014
3. Hat er drei...
Es ist gut, dass der Kleine forscht. Hat er drei Treffer gelandet, können wir anfangen, die Sache ernster zu nehmen.
rskarin 04.09.2014
4. Ein Erdbeben zwischen 5 und 9?
Soll das ein Witz sein? Dazu brauche ich keine mathematischen Modelle, um das vorauszusagen. Ich weiß, daß es in bestimmten Gegenden, z.B. im nördlichen oder mittleren Chile, im Bereich des St. Andreas Grabens, am Bosporus, in Indonesien ... in ganz absehbarer Zeit ein Erdbeben dieser Stärke geben wird. Stärke 5 ist dort gar nichts ungewöhnliches - das ist wie bei uns ein Sommergewitter!
jujo 04.09.2014
5. ...
Warten wir es ab. Es gab ja schon Wunderkinder die sich mit ihren Ideen, jenseits der aktuellen gängigen Wissenschaftsmeinung, durchsetzen konnten. Die Liste der gescheiterten ist aber wohl ungleich länger!
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