Erdbebenforschung Kalifornien wartet auf den Big Bang

Noch vor kurzem galten Erdbeben-Vorhersagen als Scharlatanerie. Doch Geologen versuchen mit immer feineren Methoden, die Physik der Erdstöße zu enträtseln. Sollte einer ihrer renommiertesten Vertreter Recht haben, steht Kalifornien wenige Tage vor einer Naturkatastrophe.

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Erdbeben in Kalifornien im Dezember 2003: Von Keilis-Borok korrekt vorhergesagt
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Erdbeben in Kalifornien im Dezember 2003: Von Keilis-Borok korrekt vorhergesagt

Als Wladimir Keilis-Borok im Frühjahr vergangenen Jahres seine Warnung veröffentlichte, reagierte Kalifornien mit tiefer Beunruhigung. Am 5. September 2004, prophezeite der gebürtige Russe, werde ein Erdbeben der Stärke 6,4 das südliche Kalifornien erschüttern.

Die Liste der Scharlatane, die Ähnliches behauptet haben, ist zwar lang - doch Keilis-Borok, Professor an der University of California in Los Angeles, hat nicht nur den Ruf eines seriösen Geologen. Er hatte auch kurz zuvor zwei starke Erdbeben erfolgreich prognostiziert: eines im Dezember 2003 in Zentralkalifornien und eines auf der japanischen Insel Hokkaido im September 2003. Das kalifornische Beben hatte eine Stärke von 6,5; in Japan bebte die Erde gar mit einer Magnitude von 8,1.

Diesmal aber hatte sich der Altmeister der Erdbebenforschung getäuscht: Kalifornien erlebte einen friedlichen 5. September 2004. Und jetzt könnte der 83-Jährige vor einem weiteren Irrtum stehen: Anfang dieses Jahres hat er erneut ein schweres Erdbeben in Südkalifornien vorhergesagt. Am 14. August sollte es mit einer Stärke von mindestens 7,5 auf der Richterskala krachen.

"Vorhersage ist immer ein Experiment"

"Es ist immer noch möglich, dass das Beben in den nächsten Tagen kommt", sagte der gebürtige Russe im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. "Manchmal verfehlt man das Datum nur knapp. Aber wenn bis Anfang September nichts geschieht, lagen wir eindeutig falsch." In diesem Fall müsse er seine Formeln überprüfen. "Die Vorhersage", seufzt der Geologe, "ist immer ein Experiment."

Geologe Keilis-Borok: Jahrzehntelanges Tüfteln an Formeln
UCLA

Geologe Keilis-Borok: Jahrzehntelanges Tüfteln an Formeln

Seit Jahrzehnten tüftelt Keilis-Borok an seinem Algorithmus zur Prognose verheerender Erdstöße. Das komplexe Rechenwerk soll ermöglichen, anhand sogenannter Mikrobeben Katastrophen vorherzusagen. Kommt es entlang einer Verwerfung wie etwa des kalifornischen San-Andreas-Grabens zu einer Häufung kleiner Erdstöße, so die Theorie, kann das Rückschlüsse auf ein baldiges großes Beben erlauben.

Noch vor wenigen Jahren hätte Keilis-Borok seinen wissenschaftlichen Ruf gründlich ruiniert, wenn er das "P-Wort" bloß in den Mund genommen hätte. Mittlerweile aber ist die Prognose von Erdbeben unter Geologen wieder zu einem weniger tabuisierten Thema geworden, was vor allem Keilis-Borok zugeschrieben wird - auch wenn längst nicht alle Forscher mit dem Vorgehen des 83-Jährigen einverstanden sind.

Prognose-Tabu bröckelt

Zwar sind die Vorhersagen noch immer viel zu ungenau, um an die gezielte Evakuierung von Städten auch nur zu denken. "Aber ich sehe keinen Grund, warum derart zuverlässige Prognosen nicht eines Tages möglich sein sollten", sagt Keilis-Borok. Und eine zunehmende Zahl von Forschern teilt diese Meinung.

Globale Erdbebenrisiken: Gefahr an Bruchstellen
GSHAP

Globale Erdbebenrisiken: Gefahr an Bruchstellen

Bisher ist die Statistik das einzige halbwegs zuverlässige Instrument zur Erdbebenprognose: Anhand der zeitlichen Abstände von Erdstößen entlang der Bruchzonen in der Erdkruste lässt sich ungefähr abschätzen, wann und wo ein Beben auftritt. Doch selbst hier sind sich die Forscher nicht immer einig, wie am Beispiel Kaliforniens deutlich wird. Manche Wissenschaftler glauben, dass sich die Erde hier alle 100 bis 150 Jahre heftig schüttelt. Da sich das letzte schwere Beben in Kalifornien 1857 ereignete, stünde der Sonnenstaat demnach kurz vor der nächsten Katastrophe.

Doch ein Team des US Geological Survey (USGS), des geologischen Dienstes der USA, ist erst im Mai dieses Jahres zu einem anderen Ergebnis gekommen: Die Forscher um Tom Fumal haben die Sedimente entlang der San-Andreas-Verwerfung auf Zeichen für schwere Erdstöße untersucht. Das Ergebnis: Die Ruhepausen zwischen großen Erdbeben betragen bis zu 200 Jahre. Die Wahrscheinlichkeit, dass es in Kalifornien innerhalb der nächsten 30 Jahre zu einem schweren Beben kommt, taxierten Fumal und seine Kollegen auf lediglich 20 bis 70 Prozent.

Noch in den siebziger Jahren waren die Wissenschaftler voller Enthusiasmus in Sachen Erdbebenprognose. Erst wenige Jahre zuvor hatte man entdeckt, dass die Erdkruste aus beweglichen tektonischen Platten besteht. Genaue Erdbeben-Warnungen schienen nur noch eine Frage der Zeit zu sein.



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