Erdbebengefahr in Kalifornien Geologen befürchten 1800 Tote und 200 Milliarden Dollar Schäden

Kalifornien rüstet sich für "The Big One": Ein mittelschweres Beben könnte im Süden des Landes 600.000 Gebäude beschädigen, wie eine neue Studie ergab. Die Folge: 1800 Tote und 50.000 Verletzte. In einer großen Übung wollen Sanitäter und Rettungskräfte die Katastrophe durchspielen.

Dass es kommt, gilt fast schon als sicher: das nächste große Erdbeben in Kalifornien, auch als "Big One" bezeichnet. Die Frage ist nur, wann die Erde nahe des San Andreas Grabens so heftig wackeln wird, dass Tausende Gebäude einstürzen und selbst Los Angeles in Mitleidenschaft gezogen werden wird.

Mehr als 300 Seismologen, Ingenieure und Statiker haben nun die möglichen Folgen dieses gefürchteten Horrorbebens für Kalifornien kalkuliert, in der nach Aussage des US Geological Survey (USGS) bislang umfangreichsten Analyse . Die Forscher sind dabei davon ausgegangen, dass das Epizentrum nahe des Salton See südöstlich von Los Angeles liegt - in einem Teilstück des San Andreas Grabens, das als besonders gefährlich gilt. Die Stärke des simulierten Bebens beträgt 7,8, was etwa der Magnitude der jüngsten Erdstöße in der chinesischen Provinz Sichuan entspricht, bei denen letzten Schätzungen zufolge 56.000 Menschen ums Leben gekommen sind.

Laut dem "Shakeout Scenario" würde ein solches Beben in Kalifornien 1800 Tote fordern, es gäbe 50.000 Verletzte. Den ökonomischen Schaden bezifferten die Experten auf 200 Milliarden US-Dollar. "Das ist kein Worst-Case-Szenario", betonte David Applegate vom USGS, "es ist eher ein realistisches Szenario". Zehn Millionen Menschen würden die heftigen Stöße spüren, so auch im Zentrum von Los Angeles.

Folgende Ergebnisse brachten die Simulationen und Schadenskalkulationen:

  • Alle nicht verstärkten gemauerten Gebäude in bis zu 25 Kilometern Entfernung von dem gefährdeten Teilstück des San Andreas Grabens werden vollständig zerstört, dabei sterben viele Bewohner. Insgesamt 600.000 Gebäude werden beschädigt, darunter auch aus Stahl gebaute Hochhäuser. Die Schäden an Gebäuden summieren sich auf 33 Milliarden Dollar.
  • Wichtige Verbindungen in Südkalifornien werden unterbrochen, darunter die Interstate Highways 10 und 15 sowie Strom- und Wasserleitungen und Telefonkabel.
  • Die langfristig schwerwiegendsten Folgen betreffen die Wasserversorgung. Die Schäden an den Leitungen werden in einigen Regionen so groß sein, dass das gesamte System ersetzt werden muss. Einige Gebäude müssten bis zu sechs Monate ohne Wasser auskommen. Die Schäden an Leitungen summieren sich auf 50 Milliarden Dollar.
  • Feuer, die infolge des Bebens ausbrechen, verdoppeln die Schäden. Die Forscher rechnen mit 1600 Brandherden in ganz Südkalifornien. Finanzielle Schäden infolge der Brände: 87 Milliarden Dollar.
  • Zwei Drittel aller Krankenhausbetten in den Counties Los Angeles, Orange, Riverside und San Bernadino stehen nicht mehr zur Verfügung. Chaotische Zustände dürften herrschen, wenn zugleich die rund 50.000 Verletzten behandelt werden müssen.
  • Das Netz der State Highways, der vom Bundesstaat Kalifornien betriebenen Autobahnen, übersteht die Erdstöße weitgehend unbeschadet - auch wegen der aufwendigen Verstärkungen gegen Bebenschäden, die sechs Milliarden Dollar gekostet haben. Einige Brücken müssen jedoch gesperrt werden. Die erforderlichen Reparaturen dürften in den Folgejahren zu höheren Brückenmauts führen.

Die Experten haben jedoch auch eine gute Nachricht: Die Schäden seien vorhersehbar und oft auch vermeidbar. Sie empfehlen den Bürgern der gefährdeten Gebiete, ihre Häuser zu verstärken und somit erdbebensicher zu machen. Zudem sollten in jedem Haus ausreichende Wasserreserven und ein Feuerlöscher vorhanden sein.

Um auf "Big One" vorbereitet zu sein, plant Kalifornien im November eine große Katastrophenschutzübung, die auf dem jetzt von Forschern vorgestellten Szenario basiert.

Die Experten des US Geological Survey gehen davon aus, dass Kalifornien in den nächsten 30 Jahren mit "Big One" rechnen muss. Laut einer im April veröffentlichten Studie liegt die Wahrscheinlichkeit für einen schweren Erdstoß der Stärke 6,7 bis zum Jahr 2038 bei 99,7 Prozent. Ein noch schwereres Beben der Stärke 7,5 oder mehr sei zu 46 Prozent wahrscheinlich, meinen die Wissenschaftler.

Der Großraum Los Angeles ist nach den Berechnungen der Seismologen etwas stärker gefährdet als die Region um San Francisco im Norden des Staates. Aber die Werte unterscheiden sich nur minimal: Für die Bay Area um San Francisco sehen die Forscher die Wahrscheinlichkeit für ein Beben der Stärke 6,7 bei 63 Prozent, in Los Angeles liegt der Wert vier Prozentpunkte höher.

Sollte der Norden Kaliforniens schwer erschüttert werden, dann könnte dies paradoxerweise sogar schwerwiegende Folgen für die Bewohner im Süden des Bundesstaats haben. Auch im Gebiet östlich von San Francisco gilt die Wasserversorgung als Achillesferse: Ein Beben in der Region könnte Los Angeles trockenlegen, wenn dabei Deiche brechen und der Ozean riesige Landflächen überflutet.

hda

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