Erdbebenland Italien Katastrophe in Europas Risikozone

Die Gefahr durch Erdbeben ist in Italien höher als in jedem anderen Staat des Kontinents: Fast das ganze Land ist eine einzige Plattengrenze. Schwere Nachbeben sind zu erwarten, weitere Katastrophen geologisch programmiert - Menschen und Behörden sind zu wenig vorbereitet, kritisieren Experten.

Die Liste schwerer Beben in Italien ist lang. 1783 starben schätzungsweise 50.000 Bewohner Kalabriens infolge von Erdstößen. 1693 wackelte die Erde im Süden des Landes - weit mehr als hunderttausend Menschen kamen damals in Catania auf Sizilien und Neapel zu Tode, ähnlich viele wie 1908 bei einem Beben der Stärke 7,5 in der Straße von Messina. Zur eigentlichen Katastrophe kam damals noch ein Tsunami.

Der Süden Italiens ist am schlimmsten betroffen (siehe Grafiken). Doch auch in Mittelitalien, wo ein Beben der Stärke 5,8 an diesem Montagmorgen viele Menschen getötet hat, wackelt die Erde immer wieder. In der Region müsse man im Schnitt alle zehn Jahre mit einem Erdbeben der Stärke 6 und mehr rechnen, sagt Jochen Zschau, Chef der Sektion Erdbebenrisiko und -frühwarnung am Geoforschungszentrum Potsdam (GFZ).

Seinen Angaben zufolge erlebte die Region 1915 ihr verheerendstes Erdbeben. Eine Stärke von 7,5 auf der Richterskala (mehr auf SPIEGEL WISSEN...)  soll es laut historischen Aufzeichnungen gehabt haben - rund 29.000 Menschen starben damals. Zuletzt gab 1997 in Zentralitalien ein ähnlich starkes Beben wie das aktuelle, mit einer Stärke von 6,4.

Zschau erwartet weitere Erschütterungen in naher Zukunft. Nach dem jetzigen Hauptbeben müsse noch Wochen oder gar Monate mit Nachbeben gerechnet werden - und "diese können durchaus eine Stärke von 5 und mehr erreichen".

Das hohe Bebenrisiko in praktisch ganz Italien hat einfache geologische Ursachen. Von Süden drückt die afrikanische Platte gegen den europäischen Kontinent. Die besonders gefährliche Kollisionslinie liegt nahe Sizilien und Kalabrien. Auch im Norden Italiens ächzt und knirscht es in der Tiefe: In der sogenannten alpinen Subduktionszone verkeilen sich Platten.

"Ganz Italien ist gewissermaßen eine Plattengrenze", sagt Rainer Kind, Erdbebenexperte am GFZ, zu SPIEGEL ONLINE. Die Adria sei so etwas wie ein Sporn der afrikanischen Platte. "Da gibt es immer wieder starke Erdbeben."

Das seismische Risiko ist seinen Angaben zufolge in Griechenland zwar noch höher als in Italien, dort gebe es mehr Beben - "aber diese finden meist im Meer statt und sind deshalb weniger gefährlich".

Dass Erdstöße in Italien häufig viele Tote und Verletzte fordern, führt man am GFZ auch auf mangelnde Vorsichtsmaßnahmen zurück. Viele Häuser in den betroffenen Regionen würden trotz der bekannten Gefahr keineswegs erdbebengerecht gebaut.

"Es ist Aufgabe der Regierung, dies zu ändern. Aber auch das Bewusstsein der Bevölkerung muss geschärft werden", sagt Jochen Zschau. Leider vergäßen die Bewohner der gefährdeten Gebiete schnell die Gefahren. "Wichtig ist, dass sich die Menschen immer bewusst sind, dass sie mit Risiken leben."

Offenbar wegen baulicher Mängel war im Oktober 2002 im Ort San Giuliano di Puglia ein Schulgebäude eingestürzt und hatte 27 Erstklässler unter sich begraben. Das Haus hätte das vergleichsweise leichte Beben der Stärke 5,4 eigentlich unbeschadet überstehen müssen.

SPIEGEL WISSEN: Erdbeben in Italien

hda/dpa
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