Erdbebenrisiko Die Schwerkraft weist den Weg

Wenn abtauchende Erdplatten und eine deutlich verminderte Erdanziehungskraft zusammenkommen, steigt das Risiko eines Erdbebens stark an. Die neue Erkenntnis könnte helfen, schwere Erdstöße besser vorherzusagen.

Die besonders erdbebengefährdeten Gebiete sind auf dem Globus nicht sonderlich schwer auszumachen: Überall, wo sich eine Erdplatte unter die andere schiebt, ist das Erschütterungsrisiko hoch. Wann das Beben einsetzt und wie kräftig es ausfallen könnte, bleibt allerdings ein Rätsel.

Teh-Ru Song und Mark Simons vom California Institute of Technology in Pasadena haben jetzt einen natürlichen Faktor entdeckt, der bei der Prognose besonders starker und gefährlicher Erdbeben helfen könnte. Dazu haben die Geologen, wie sie im Wissenschaftsmagazin "Science" schreiben, drei der schlimmsten Erdstöße untersucht, die die Erde im vergangenen Jahrhundert erschüttert haben:

  • das Seebeben vor der Halbinsel Kamtschatka, das 1952 mit bis zu 13 Meter hohen Wellen nicht nur große Teile der sowjetischen Küste, sondern sogar Hawaii in Mitleidenschaft zog;
  • das Erdbeben von Chile, bei dem 1960 mehr als 2000 Menschen starben und über zwei Millionen obdachlos wurden;
  • das mit 9,2 Punkten auf der Richterskala stärkste jemals in Nordamerika registrierte Beben, das 1964 viele Orte und einen großen Teil der Küstenflotte im Süden Alaskas zerstörte.

Als die Wissenschaftler die Lage der Epizentren genauer analysierten, stellten sie einen überraschenden Zusammenhang fest: Offensichtlich traten die gewaltigen Erdstöße nicht allein an Stellen auf, an denen eine Erdplatte unter einer anderen abtaucht. Zusätzlich befand sich das Erdbebenzentrum auch an einem Ort, an dem die Gravitationskraft deutlich niedriger war als anderswo auf der Erde.

In Regionen mit überdurchschnittlich starker Erdanziehungskraft stellten die Forscher dagegen vergleichsweise geringe seismische Aktivitäten fest. Eine starke Gravitationskraft registrieren Wissenschaftler immer dann, wenn in einer Region die Dichte von Erdmantel und Erdkruste höher ist als in der Umgebung. Eine geringere Dichte vermindert dagegen die Anziehungskraft - und erhöht offensichtlich das Erdbebenrisiko.

Auf der Basis ihrer Beobachtungen haben die Forscher für verschiedene Gebiete der Erde die Gefahr eines Erdstoßes neu berechnet und dabei auch simuliert, in welcher Tiefe die Spannungen auftauchen dürften. Für eine detaillierte Einschätzung des Erdbebenrisikos müssten allerdings die Verläufe der bisherigen Beben und die Variationen in der Erdanziehungskraft noch genauer untersucht werden.

Alexander Stirn

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