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Istanbul: Gefahr aus dem Untergrund

Foto: David Cannon/ Getty Images

Erdbebenrisiko in Istanbul Die Katastrophe wird tatsächlich kommen

Rund 15 Millionen Menschen leben in der größten Metropole der Türkei - in extrem erdbebengefährdetem Gebiet. Bei starken Erdstößen könnte es Zehntausende Tote geben.

Er wird unweigerlich kommen, der Tag, für den Murat Nurlu plant. Niemand kann wissen, wann genau es so weit ist. Aber dann wird kaum etwas in Istanbul noch so sein wie es einmal war. Viele Menschen werden am Ende dieses Tages gestorben sein, noch viele mehr verletzt, Häuser werden dem Erdboden gleichgemacht sein, Brücken eingestürzt, Wohnungslose werden durch zerstörte Straßen ziehen.

Die türkische Megacity befindet sich in geologisch extrem problematischem Gebiet. Unmittelbar vor den Toren der Stadt, unterhalb des Marmara-Meeres, verläuft die sogenannte Nordanatolische Verwerfungszone. Dort haben sich die eher kleine Anatolische Erdplatte im Süden und die weit größere Eurasische Erdplatte im Norden ineinander verhakt .

Eigentlich würden sich die Platten im Untergrund mit etwa zwei Zentimetern pro Jahr aneinander vorbeibewegen wollen - doch weil das offenbar seit einem Erdbeben von 1766 nicht möglich ist, staut sich immer mehr Energie im Untergrund auf .

Die Gefahr verheerender Tsunamis

Über kurz oder lang wird sich diese Energie entladen, dann könnten sich die Platten um ganze fünf Meter auf einmal vorwärtsbewegen . Vielleicht entlädt sich die Spannung mit einem einzigen infernalischen Ruck, vielleicht gibt es auch mehrere etwas schwächere Beben , bei denen dann aber womöglich das Risiko von verheerenden Tsunamis höher wäre.

Anatolische Platte, Nordanatolische Verwerfungszone und Erdbebenverteilung

Anatolische Platte, Nordanatolische Verwerfungszone und Erdbebenverteilung

Foto: GFZ

In jedem Fall sind katastrophale Folgen zu erwarten, wenn sich die Spannung im Boden löst. Die Frage ist nur, wann dies geschieht. Nurlus Aufgabe als Chef der Katastrophenschutzbehörde AFAD ist es, Antworten auf die drängenden Fragen zu finden: Welche Verwüstungen kann solch ein Erdstoß in der 15-Millionen-Metropole genau anrichten? Mit welchen Opferzahlen ist zu rechnen? Und wie können die Überlebenden am besten versorgt werden?

Die Behörde will den Kampf im Fall der Fälle aus einem gut ausgerüsteten Hauptquartier führen, mit eigener Energieversorgung, Wasser und Lebensmitteln für zwei Wochen. Man hat Depots mit Hilfsgütern in verschieden Stadtteilen angelegt, will im Fall eines Bebens gar mithilfe von Echtzeitkarten schnell die schwersten betroffenen Gebiete identifizieren.

Dramatisch, erschreckend, fürchterlich - das sind die realistischen Szenarien

Bei einem Workshop in dieser Woche präsentierte der AFAD-Chef ein durchaus dramatisches Szenario: Ein Beben der Magnitude 7,6 könnte demnach 26.000 bis 30.000 Todesopfer fordern, weitere 60.000 Schwerverletzte könnten zu versorgen sein. Das allein klingt schwer vorstellbar, doch es gibt sogar noch extremere Szenarien. Sie gehen von bis zu 90.000 Todesopfern aus . Neben San Francisco und Tokio gehört Istanbul zu den am stärksten durch ein Erdbeben gefährdeten Städten der Welt.

Aussichtsplattform eines Hochhauses in Istanbul (Archivbild)

Aussichtsplattform eines Hochhauses in Istanbul (Archivbild)

Foto: Lefteris Pitarakis/ AP

Doch dass die Bewohner bei einem Beben rechtzeitig einen Hinweis auf die unmittelbar drohende Gefahr bekommen, ist unwahrscheinlich. "Die Warnzeit liegt in der Größenordnung von wenigen Sekunden", sagt Marco Bohnhoff vom Deutschen GeoForschungsZentrum (GFZ) in Potsdam. Das Problem: Die geologische Störungszone befindet sich - im Gegensatz etwa zu Mexico-Stadt, wo es ebenfalls regelmäßige Erdbeben gibt - in unmittelbarer Nähe der Metropole. "Da schafft man es nicht, noch irgendjemand aus dem Haus zu scheuchen", so Bohnhoff.

"Problem der nationalen Sicherheit"

Das "Istanbul Earthquake Early Warning and Rapid Response System", kurz IEEWRRS, verschickt auch gar keine Warnhinweise an die Öffentlichkeit - zumindest sollen aber zum Beispiel möglichst viele Gasleitungen noch automatisch geschlossen  oder Ampeln auf Rot geschaltet werden. Wenn alles nach Plan läuft.

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Istanbul: Gefahr aus dem Untergrund

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Der Bauingenieur Sükrü Ersoy von der Yildiz Teknik Üniversitesi nannte die Bebengefahr auf dem Workshop in dieser Woche ein "Problem der nationalen Sicherheit" . Dabei gilt der türkische Katastrophenschutz als vergleichsweise gut organisiert, Istanbul ist allemal besser vorbereitet als ebenfalls erdbebengefährdete Großstädte wie Teheran in Iran oder Quito in Ecuador.

Prestigeträchtige Bauprojekte wie die neue Bosporus-Brücke, der ebenfalls neue Tunnel unter der Meerenge, aber auch der neue Flughafen bekommen von Fachleuten gute Noten beim Erdbebenschutz. Auch die türkischen Bauvorschriften sind nach Ansicht von Experten durchaus ambitioniert, vergleichbar mit denen in Kalifornien oder Japan.

Helfer bei Erdbebenübung in Istanbul (Archivbild)

Helfer bei Erdbebenübung in Istanbul (Archivbild)

Foto: ? Fatih Saribas / Reuters/ REUTERS

Allerdings erfüllt nur ein Bruchteil der Gebäude in der Stadt die Vorschriften. Selbst neu gebaute Hochhäuser drohen so bei einem Beben einzustürzen. Der türkische Ingenieur- und Architektenverband warnte im vergangenen Jahr, in Istanbul seien zwei Millionen Wohnungen gefährdet .

Außerdem seien viele Flächen, die eigentlich als Sammelpunkte nach einem Erdbeben vorgesehen waren, längst bebaut, etwa mit Einkaufs- und Geschäftszentren. Von 470 Sammelpunkten stünden 300 in Wahrheit nicht mehr zur Verfügung. Dabei sollten auf diesen Flächen die Menschen nicht nur kurzfristig Schutz finden, sondern im Fall der Fälle sogar Containerdörfer für Wohnungslose errichtet werden.

Eine Lücke von 30 Kilometern

Zusammen mit Kollegen hat Geoforscher Bohnhoff den Untergrund vor Istanbul mit Seismometern untersucht, die sie in 300 Meter tiefen Bohrlöchern versenkt haben. Die Daten der Forscher zeigen eindrücklich: Südlich von Istanbul gibt es eine 30 Kilometer lange Lücke im Untergrund, wo sich die Spannung zwischen den Erdplatten lange Zeit nicht entladen hat. Dort wird er wohl seinen Ausgang nehmen , der nächste mächtige Erdstoß.

Doch was wird dann passieren? Nun, womöglich wird Istanbul zumindest etwas Glück im Unglück haben. Denn die Bruchausbreitung, so legen es jedenfalls die aktuellen Erkenntnisse der Geoforscher nahe, könnte von der Stadt weg in östlicher Richtung verlaufen. Darauf deuten die Daten zahlreicher kleinerer Erdbeben in der Region hin. Sie scheinen zu belegen, dass westlich von Istanbul die zwei Erdplatten zumindest partiell langsam aneinander vorbeikriechen können - und damit zumindest ein Teil der Spannung abgebaut wird. Östlich der Metropole fehlen diese Beben dagegen komplett. Dort droht nach aktuellem Stand die größte Gefahr .

Dass Istanbul wohl als nächstes dran ist, belegen auch die schwersten Erdstöße der jüngeren türkischen Geschichte. Sie ereigneten sich beinahe auf den Tag genau vor 19 Jahren, als am 17. August 1999 ein Beben der Stärke 7,5 die dicht besiedelte Region um Izmit erschütterte, rund 100 Kilometer von Istanbul entfernt. Damals waren um die 18.000 Menschen gestorben, etwa 250.000 verloren ihr Zuhause.

Die betroffene Region liegt auch an der Nordanatolischen Verwerfungszone. An ihr entlang hatten sich über die Jahre die Zentren der schweren Beben von Osten nach Westen bewegt - von 1939 in der Osttürkei bis 1999 in Izmit. Westlich davon liegt nun Istanbul. Doch wann könnte die Katastrophe nun dort auftreten? Einer Schätzung zufolge liegt die Wahrscheinlichkeit für ein Beben der Magnitude 7 oder mehr bis zum Jahr 2040 bei ungefähr 50 Prozent .

Istanbul muss und wird sich vorbereiten. Dem großen Beben wird die Stadt kaum entgehen können.

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