Erdbebenwarnung für jedermann Forscher bauen "Volks-Seismographen"

Ein billig zu produzierender Seismograph soll Menschen unabhängig von Telefon oder Fernsehen rechtzeitig vor schweren Beben warnen. US-Wissenschaftler registrierten mit einem Prototyp auch das schwere Seebeben vor Sumatra, bevor der Tsunami die Küsten verwüstete.

Als die Menschen am Indischen Ozean die Welle am Horizont erblickten, war es beinahe schon zu spät. Nur wer rechtzeitig die Gefahr erkannte und sich auf eine Anhöhe rettete, überstand den Tsunami unbeschadet. Nach den tödlichen Wellen diskutieren Wissenschaftler und Politiker weltweit über den Aufbau eines Tsunami-Warnsystems in Südostasien - US-Forschern schwebt jedoch eine weitaus simplere Lösung vor: ein Volks-Seismograph, mit dem jedermann starke Beben messen könnte.

Randall Peters, Physik-Professor an der Mercer University, kennt sich sehr gut aus, wenn es um die genaue Messung von Schwingungen geht. Das von ihm gemeinsam mit dem Nasa-Forscher James Shirley entwickelte Gerät misst Erschütterungen, deren Amplitude 3000 Mal geringer ist als ein Haar. Der Seismograph arbeitet nach dem Prinzip eines Senkbleis, wie es Maurer beim Ausrichten von Wänden einsetzen, und nutzt patentierte, so genannte symmetrische differential-kapazitive Sensoren. Mit einer ähnlichen Technik arbeiten Halbleiterschwinger, die zur Überwachung von Maschinen dienen.

Geschätzter Preis: 100 Dollar

Der Volks-Seismograph ließe sich nach Angaben der Forscher billig produzieren - Peters schätzt die Gesamtkosten auf 100 US-Dollar, wovon rund 15 Dollar auf den Sensorchip entfallen würden. Das Gerät soll in der Lage sein, stärkere Beben weltweit zu registrieren. Das Seebeben vor Sumatra der Stärke 8,9 beobachtete der Seismograph-Prototyp als zwei Stunden andauernde Schwingungen, die sich deutlich vom Grundrauschen abhoben. Das Gerät stand an der Mercer University in der Stadt Macon im US-Bundesstaat Georgia.

Die Ergebnisse zeigten, dass das Gerät als Vulkanausbruch- und Erdbeben-Detektor für jedermann in Frage komme, sagte Peters. Der Seismograph eigne sich jedoch nicht für wissenschaftliche Zwecke, sondern eher als Warnsystem, betonte der Physiker. Es könne benutzerfreundlich konstruiert werden und beim Überschreiten einer gewissen Schwingungsamplitude Alarm schlagen.

Zweifel am Nutzen des Geräts

Der Volks-Seismograph könnte tatsächlich als billiges Tsunami-Warngerät fungieren, weil sich seismische Wellen wesentlich schneller ausbreiten (bis zu 7000 Meter pro Sekunde) als ein Tsunami (maximal 200 bis 300 Meter pro Sekunde). So bleibt in der Regel genügend Zeit, um sich in Sicherheit zu bringen. Der Seismologe Birger Lühr vom Geoforschungszentrum Potsdam bezweifelt jedoch, ob das Gerät tatsächlich Hilfe bieten könnte. "Wenn ich Ausschläge sehe, dann kann ich diese nicht interpretieren", sagte er gegenüber SPIEGEL ONLINE. Aus aufgetretenen Schwingungen könne man ein Beben nicht lokalisieren, dafür seien mehrere, vernetzte Seismographen erforderlich. "Das mag ein spannendes Spielzeug für interessierte Laien sein, mehr jedoch kaum."

Seismograph-Entwickler Peters lässt derartige Zweifel nicht gelten. Man müsse die Schwelle für den Alarm nur hoch genug einstellen, um Fehlalarme zu vermeiden. Erst bei starken Bewegungen, die auf Beben aus der Region zurückzuführen sind, würde der Seismograph akustische Warnsignale geben.

Billig-Seismographen, wie der von Peters vorgstellte Prototyp, haben durchaus eine Einsatzberechtigung, wie Geophysiker Lühr einräumt. Am Potsdamer Geoforschungszentrum denkt man beispielsweise darüber nach, einfache Messgeräte großflächig zu verteilen und zu vernetzen. "Wir könnten so schneller die Schäden eines Bebens abschätzen, weil wir zügiger ein Bild von seiner Verteilung hätten." Als 1999 die Erde in der Türkei wackelte und ganze Dörfer verwüstet wurden, habe es Wochen gedauert, so Lühr, bis das Ausmaß des Bebens bekannt gewesen sei. Bei Hilfsaktionen für Verschüttete verbleibe nur wenig Zeit, um Überlebende zu retten - ein enges Netz von Sensoren könnte den Weg zu den am schwersten betroffenen Gebieten weisen.

Die Idee, Wohnungen mit Seismographen auszustatten, hatte bereits vor einigen Jahren der deutsche Geophysiker Hans-Joachim Kümpel. Er ließ sich ein Bett patentieren , das bei einem Erdbeben automatisch Schutzbügel ausfährt und Airbags aufbläst, um den Schlafenden vor herunterstürzenden Steinen zu schützen.

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