Erderwärmung und PR Stell dir vor, es ist Klimawandel, und keinen interessiert's

In den vergangenen Jahren ist ein regelrechter Hype um das Thema Erderwärmung entstanden. Kaum ein Politiker, Popstar oder Journalist, der nicht vor den Risiken für die Erde warnt. Was aber geschieht, wenn das öffentliche Interesse eines Tages schwindet?

Aus Wien berichtet


War das etwa abgesprochen? In Wien haben sich gerade 8000 Geoforscher der European Geosciences Union (EGU) versammelt, und just in diesen Tagen entbrennt unter Politikern der Alpenrepublik ein Streit darüber, wie das Land seine ehrgeizigen Ziele zur CO2-Reduktion erreichen soll. Österreich liegt derzeit etwa 30 Prozent über dem in Kyoto vereinbarten Ziel. Nun will ein Minister per Klimaschutzgesetz die Notbremse ziehen. Die eigene Arbeit als Gegenstand der Politik - was will man mehr als Wissenschaftler?

Über einen Mangel an öffentlicher Aufmerksamkeit brauchen sich Klimaforscher ohnehin nicht zu beklagen. Seit Jahren schon diskutieren Politiker, aber auch Schauspieler und Popstars über alle möglichen Wege zur Rettung des Klimas. Es gibt einen regelrechten Hype um das Thema. Die Frage ist allerdings: Wie lange hält er an?

Wenn man sich die Blitzkarriere des Themas Klimawandel anschaut und bedenkt, wie kurz die Halbwertzeit der öffentlichen Wahrnehmung mitunter sein kann, verheißt das nichts Gutes.

Die Klimaforschung befindet sich ohnehin in einem Dilemma: Als noch relativ junge Disziplin steht sie erst am Anfang. Die Modelle werden zwar ständig verbessert, doch präzise Prognosen für die Zukunft kann sie kaum liefern. Gleichzeitig verlangen Politik und die Öffentlichkeit nach konkreten Aussagen: Um wie viel Grad wärmer wird es in 50 Jahren auf der Erde sein? Was genau muss man dagegen tun?

Spannungen unter Wissenschaftlern

Auch wenn am Prinzip - mehr CO2 gleich steigende Temperaturen - kaum noch jemand ernsthaft zweifelt, sind zumindest die genauen Anstiegsraten ungewiss. Um die Unsicherheit der eigenen Prognosen begreifbar zu machen, stellen Wissenschaftler vom MIT die Erderwärmung sogar als Glücksrad dar: Treibhausspiel heißt die rotierende Scheibe, von der keiner genau weiß, in welcher Position sie sich im Jahr 2100 befinden wird.

Auch eine gewisse Tendenz zum Alarmismus ist zu erkennen. "Die Medien wollen das, sie wollen klare Aussagen", sagt Henk Brinkhuis von der Utrecht University im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Doch wenn ein Forscher eine solche deutliche Aussage treffe, könne ihn das in Schwierigkeiten bringen. "Journalisten befragen dann noch einen anderen Forscher, und der sagt, die getroffene Aussage wäre viel zu stark vereinfacht. Und schon haben wir Spannungen unter Wissenschaftlern."

Zudem beeinflusst der Mechanismus des Nachrichtenmarktes das Geschehen: plus zwei Grad Celsius bis 2010, plus vier oder plus sechs? Wer bietet mehr? Auch auf dem EGU-Treffen in Wien wurden wieder neue Studien zur Erderwärmung präsentiert, laut denen alles noch viel schlimmer kommen wird, als bislang angenommen.

Swetlana Jewrejewa etwa vom britischen Proudman Oceanographic Laboratory warnte vor einem drastischen Anstieg des Meeresspiegels bis zum Jahr 2100. Statt der vom Weltklimarat IPCC prognostizierten maximalen 59 Zentimeter könnten die Meere um 1,5 Meter steigen, berichtete Jewrejewa. Die Forscherin beruft sich dabei auf eine Langzeitreihe der Meeresspiegelhöhe der vergangenen 2000 Jahre, wollte aber Details ihrer Kalkulation nicht offenlegen, weil die Studie derzeit den Peer-Review-Prozess eines Fachmagazins durchläuft. Nur so viel: "Immer mehr Forscher glauben, dass die Meeresspiegel stärker ansteigen, als vom Weltklimarat IPCC berechnet."

Klimawandel zur Durchsetzung eigener Ziele nutzen

Wissen oder Glauben - im emotional diskutierten Klimawandel gerät das schon mal durcheinander. Erschwerend kommt hinzu, dass der Klimawandel längst keine alleinige Domäne der Forscher mehr ist. Die Erderwärmung entwickelt nicht nur in der Atmosphäre, sondern auch in den Köpfen der Menschen ihre Eigendynamik. "Viele wollen auf den Zug aufspringen, die ihre ganz eigene Agenda verfolgen", sagt der Utrechter Forscher Brinkhuis. Forschungsinstitute suchen nach lukrativen Aufträgen, Berater von Parteien und Unternehmen wollen sich profilieren. "Da geht es um öffentliche Aufmerksamkeit, aber auch um Geld."

Selbst Politiker seien Teil des Hypes, sagt Brinkhuis. Manchmal handelten sie zu schnell und verlören das Gesamtbild aus den Augen. "Denken Sie nur an die Debatte um den Biosprit der ersten Generation." In Deutschland wurden die ambitionierten Pläne zur erhöhten Beimischung von Bioethanol jüngst beerdigt - auch aus ökologischen Gründen.

"Der Hype der vergangenen Jahre war nötig", sagt Gerald Ganssen, Meeresbiologe von der Freien Universität Amsterdam, derzeit amtierender EGU-Präsident. "Über den Klimawandel wussten wir schon vor fünf Jahren Bescheid." Es habe aber zu lange gedauert, bis das Thema auf die politische Agenda gekommen sei. Ohne den Medienrummel wäre der Nobelpreis aber kaum an das IPCC gegangen. Insofern ist Ganssen zufrieden mit der Blitzkarriere des Themas Erderwärmung. Er hofft, dass Politiker aktuelle Forschungsergebnisse künftig schneller berücksichtigen - auch ohne das aufgebauschte Interesse der vergangenen Monate. Klimaschutz soll zum täglichen Brot der Politiker werden wie der Kampf gegen die Arbeitslosigkeit oder das Ringen um ein gerechteres Steuersystem.

Alles nur Spieltheorie?

Für Kommunikationsforscher bleibt die Erderwärmung auf jeden Fall ein spannendes Studienobjekt. Welche Kommunikationsstrategie ist aus Sicht der Geowissenschaftler die beste? Wie stark soll man dramatisieren, um die gewünschte Wirkung, also Maßnahmen zum Klimaschutz, zu erreichen? Müssen Schreckensszenarien her, weil jetzt und nicht erst in 20 Jahren gehandelt werden muss?

Der Schluss liegt nahe, dass Forscher lieber zu viel als zu wenig dramatisieren sollten. Schließlich wird eine zügige Reduktion des CO2-Ausstoßes kaum Schaden anrichten, auch wenn sich hinterher herausstellt, dass sie auch weniger groß hätte ausfallen können. Tut man hingegen zu wenig, und die Auswirkungen des CO2 stellen sich gleichzeitig als schlimmer heraus als bislang angenommen, dann stehen der Erde heiße Jahrzehnte bevor - im Grunde ist es simple Spieltheorie.

Freilich kann das gezielte Verbreiten immer neuer Horrorszenarien auch nach hinten losgehen. Zweifler am Klimawandel warten nur darauf, dass bewusste Übertreibungen publik werden, um so die gesamte Forschergemeinde zu diskreditieren.

Auch vielen Forschern ist nicht wohl bei dem Gedanken, einfach etwas dicker aufzutragen, um Gehör zu finden: "Als Wissenschaftler muss man vorsichtig sein", sagt Angelika Humbert, Expertin für das Schelfeis der Antarktis von der Universität Münster. "Es ist nicht gut, heute Aussagen zu treffen, die man in zehn Jahren wieder kassieren muss."



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