Erdgasspeicher bei Berlin Sandstein soll CO2-Grab werden

Ein ehemaliger Erdgasspeicher bei Berlin soll mit Kohlendioxid gefüllt werden. Wissenschaftler wollen so herausfinden, ob sich das Klimagas dauerhaft im Untergrund einlagern lässt. Sie hoffen auf einen sicheren CO2-Speicher für Jahrhunderte.

Ketzin/Potsdam - Vor den Toren Berlins bereiten Forscher seit 2004 das Projekt CO2SINK vor. Ihr Ziel ist es, ab 2006 einen ehemaligen Erdgasspeicher im brandenburgischen Ketzin zu Testzwecken mit Kohlendioxid aufzufüllen. "Wir wollen mit dem Projekt zeigen, dass CO2-Speicherung im Untergrund ökonomisch und ökologisch eine Option für den Klimaschutz ist", sagt Professor Guenter Borm vom Geoforschungszentrum Potsdam, der die Arbeiten koordiniert.

Das Potential der Anlagen ist nach Ansicht des Fachmanns groß, auch wenn es nicht für kleine Quellen wie Autoabgase geeignet ist. In Deutschland setzen aber allein die Kohlekraftwerke als Hauptverursacher über 250 Millionen Tonnen CO2 jährlich in die Atmosphäre frei. "Über 90 Prozent davon könnten durch die Abtrennung und Speicherung eingespart werden", betont Borm. Ob die Technik praxistauglich ist, will das Forscherteam jetzt herausfinden.

Dazu soll das Gas über ein Bohrloch rund 700 Meter tief in den Ketziner Untergrund geleitet werden. "Das CO2 wird direkt in den Schilfsandstein injiziert und soll in den Poren des Gesteins gespeichert werden", erläutert der Geoingenieur. "Dort kann sich das Gas sammeln. Die darüber liegenden Ton- und Lehmschichten sorgen dafür, dass es nicht entweichen kann."

Zur Sicherheit werden rund um die Anlage Sensoren installiert, die die CO2-Werte überwachen. Seit über einem Jahr zeichnen die Mitarbeiter zum Vergleich die natürlichen Werte in der Region auf. Das nötige Gas für den Großversuch kommt per Bahn oder Tankwagen tiefgekühlt nach Ketzin. Es stammt aus der Wasserstoffproduktion.

"Wir müssen es vor Ort auf 35 Grad erwärmen und unter Hochdruck in den Untergrund einbringen", sagt Borm. Über zwei Jahre hinweg sollen täglich bis zu vier Lkw-Ladungen versenkt werden, das entspricht täglich rund hundert Tonnen CO2. Zum Vergleich: Ein Durchschnittsauto pustet laut Borm jährlich etwa 1,6 Tonnen Kohlendioxid in die Umwelt.

"Unterirdische Speicher reichen für Jahrhunderte"

Wenn das Kohlendioxid in den Untergrund geleitet wird, beginnt für die Wissenschaftler der spannende Teil des Projekts. Mithilfe von Messgeräten in zwei weiteren Bohrlöchern analysieren sie das Geschehen im Untergrund. Dafür stehen elektrische Tomografiemethoden zur Verfügung, die Bilder aus der Tiefe liefern. "So sehen wir, wie sich die Gaswolke entwickelt", sagt Borm. Beispielsweise möchten die rund 40 beteiligten Forscher herausfinden, wie schnell sich das Kohlendioxid ausbreitet, welche Wege es untertage bevorzugt und ob es sich im vorhandenen Wasser löst. Darüber gibt es bislang nur Spekulationen. "Nur wenn wir wissen, wie sich das Gas genau in der Tiefe verhält, ist später eine kommerzielle Nutzung der Technologie möglich", so der Fachmann.

Das Interesse an dem Projekt ist groß. Mittlerweile haben sich 17 Partner angeschlossen, darunter auch Kraftwerksbetreiber. Zudem wird die Untersuchung, die fast 20 Millionen Euro kostet, von der Europäischen Union mit 8,7 Millionen Euro gefördert.

Ein Einsatz der Technik wäre ab 2015 denkbar - vorausgesetzt, die Berechnungen der Wissenschaftler erweisen sich in der Realität als richtig. "Unsere größte Sorge ist, dass der Speicher das Gas nicht aufnimmt und wir es gar nicht unter die Erde bekommen", sagt Borm.

Was passiert langfristig mit dem versenkten CO2?

Ist die Idee hingegen praxistauglich, könnte eine völlig neue Generation von emissionsarmen Kraftwerken und Fabriken entwickelt werden. Sie zweigen das CO2 direkt im Entstehungsprozess ab, im Idealfall würde die Tiefspeicherung direkt unter dem Kraftwerk erfolgen. "Nach unserer Kenntnis reicht der Platz in unterirdischen Speichern weltweit für Jahrhunderte", sagt Borm.

Trotz des Optimismus der Forscher beurteilen Umweltschützer den Ansatz der CO2-Speicherung auch kritisch. So wird das Projekt immer wieder mit dem Vorwurf konfrontiert, dass die neue Technologie die alten Industriestrukturen hoffähig mache - und somit die Entwicklung regenerativer Energiequellen behindere. "Ich denke aber, dass ein mehrgleisiger Weg in die Zukunft der richtige ist. Unser Ansatz ist eher eine Brückentechnologie, bis andere Methoden der emissionsarmen Energieerzeugung ausreichend zur Verfügung stehen", sagt Borm.

Unklar ist zudem, was später mit dem gespeicherten Gas geschehen soll. So hoffen die Wissenschaftler zum einen, dass sich Teile des Kohlendioxids auf natürliche Weise abbauen. Zudem setzen sie auf spätere Technologien, die den Rohstoff umweltfreundlich nutzen. Aber auch eine langsame, kontrollierte Freisetzung wäre langfristig denkbar. "Denn klimaschädigend ist CO2 nur, wenn es in großen Mengen in die Atmosphäre entweicht - wie derzeit durch Kohlekraftwerke und Raffinerien", betont Borm.

Kai Gerullis, ddp

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