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04. September 2010, 16:28 Uhr

Erdstöße in Neuseeland

Warum die Menschen dem Beben entkamen

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Das Beben in Neuseeland ähnelte verblüffend dem auf Haiti: Es hatte dieselbe Stärke, ereignete sich flach unter der Erde nahe einer Großstadt und entstand auf ähnliche Weise. Doch diesmal starben nicht Hunderttausende Menschen, es blieb bei Gebäudeschäden - das hat Gründe.

Hamburg - Ein starkes Erdbeben hat in Neuseeland große Zerstörungen angerichtet; mehrere Menschen wurden verletzt. Schwer getroffen wurde die Stadt Christchurch im Südosten des Landes, wo etliche Häuser einstürzten. In der mit 400.000 Einwohnern größten Stadt der Südinsel wurde der Notstand ausgerufen. Die Stadt habe gewackelt wie von einem riesigen Eisberg getroffen, sagte der Bürgermeister von Christchurch, Bob Parker. Das Beben war auf der gesamten Südinsel des Landes zu spüren.

Das Beben traf die Stadt um halb fünf Uhr morgens. Viele Bewohner liefen in Schlafanzügen auf die Straße. Andere wurden nach Angaben der Feuerwehr in ihren beschädigten Häusern eingeschlossen. Das Strom- und Mobilfunknetz brach zusammen, Trümmer verschütteten Autos und blockierten Straßenzüge. Auch die Gas- und Wasserversorgung wurde unterbrochen. Plünderungen wurden gemeldet. Nach ersten Schätzungen entstand durch die Erdstöße ein Schaden von 1,1 Milliarden Euro.

Und doch: Angesichts der Stärke der Erdstöße muss von einem glimpflichen Ausgang gesprochen werden. Das Beben schüttelte Städte mit ähnlicher Wucht wie jenes in Haiti im Januar, als 260.000 Menschen starben. Beide Naturereignisse ähnelten sich wie Geschwister:

Der Vergleich beweist: Die Neuseeländer verdanken ihr Überleben der Architektur ihrer Häuser. Zwar begünstigte der Zeitpunkt des Bebens in der Nacht den Ablauf - zur Hauptverkehrszeit wären vermutlich viele auf den Straßen von Trümmern getroffen worden. Viele Häuser wurden schwer beschädigt. Doch entscheidend war, dass die meisten Bauten stehenblieben, die Bewohner nicht verschüttet wurden.

Seit 1855, als ein Starkbeben die Hauptstadt Wellington verwüstete, gelten in Neuseeland Vorschriften für erdbebensicheres Bauen. In Haiti jedoch wurden die meisten Bauten ohne Vorsichtsmaßnahmen errichtet.

Hundertmal größeres Risiko

Die glimpflichen Folgen des schweren Bebens der Stärke 7,0 in Neuseeland belegen ein fatales Gesetz: Naturkatastrophen suchen zumeist arme Länder heim. Die Wahrscheinlichkeit, in einem Entwicklungsland durch ein Naturereignis zu sterben, sei etwa hundertmal größer als in reichen Staaten, hat der Geologe John Mutter von der Columbia Universität in New York berechnet.

In wirtschaftlich starken Nationen werden hohe Summen in die erdbebensichere Architektur der Gebäude investiert. In Neuseeland wurden die Bestimmungen stetig verschärft. Nach dem Wellington-Beben 1855 gab es die Maßgabe, möglichst Holzhäuser zu bauen. Deren Einsturz ist weitaus weniger gefährlich als herabstürzender Beton.

Mitte des letzten Jahrhunderts verbesserten sich die technischen Möglichkeiten, auch Betongebäude mit Stahlstreben zu stabilisieren. Gerade an der Universität in Christchurch haben Ingenieure die architektonischen Möglichkeiten verbessert; die Uni erlangte internationales Renommee.

Der Kollaps muss verhindert werden

Insbesondere größere Gebäude wie Krankenhäuser, Schulen, Hotels und Geschäftsgebäude müssen gesichert werden. Denn große offene Räume im Erdgeschoss müssen viele Stockwerke tragen, schon leichte Erschütterungen können solche Hochhäuser einstürzen lassen.

Seit den sechziger Jahren wurden die Baugesetze in Neuseeland kontinuierlich verschärft. Die wichtigste Maxime der aktuellen Bestimmungen von 1992 lautet: Schwere Schäden im Beton lassen sich bei Starkbeben nicht verhindern - aber der Kollaps eines Gebäudes muss verhindert werden. Die Vorsorge hat nun Tausenden das Leben gerettet.

Auch die neuseeländischen Versicherungsgesetze tragen der Gefahr Rechnung. Beim Abschluss nahezu jeder Versicherung fallen Erdbebenabgaben an. Mit ihnen sollen im Ernstfall Schäden rasch behoben werden. Die Aufräumarbeiten in Christchurch haben bereits begonnen.

Nun geht es darum, die wirtschaftlichen Folgeschäden in Grenzen zu halten. Hier sind auch reiche Länder gefährdet: Auch wenn Gebäude standhalten - nach starken Erdbeben wie jetzt in Neuseeland fallen oft Kommunikations- und Verkehrswege aus.

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