Erdstöße in Sichuan Schweres Beben überraschte Seismologen

Die Erdstöße waren verheerend - vorhersehen konnte das schwere Beben in der chinesischen Provinz Sichuan allerdings niemand. Dass die Erde in der Region immer wieder wackelt, ist jedoch kein Wunder: Zwei Kontinentalplatten drücken gegeneinander.

Über Jahrzehnte war es seismologisch gesehen ruhig in der Provinz Sichuan. Seit dem gestrigen Montag ist das anders: Erst bebte die Erde mit einer Magnitude von 7,8 bis 8,0 - und seitdem folgt Nachbeben auf Nachbeben. Dutzende solcher schwächerer Erdstöße haben Seismologen in den vergangenen 24 Stunden aufgezeichnet - und sie könnten noch über Monate andauern, wie Rainer Kind vom Geoforschungszentrum (GFZ) Potsdam sagt: "Diese Beben können Stärken bis 6,5 oder mehr erreichen." Sie seien besonders gefährlich, da angeknackste Gebäude dadurch einstürzen könnten.

Mehr als 10.000 Tote forderten die Erdstöße, es könnten sogar mehr als 20.000 werden, wenn die Rettungskräfte in ein paar Tagen Bilanz ziehen. "Das Beben kam völlig überraschend", sagt der GFZ-Seismologe Joachim Saul im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Man habe es nicht vorhersagen können. "In der Region treten schwere Beben auf, aber relativ selten", erklärt der Forscher. Das letzte größere mit 6800 Toten war 1933. 1974 forderte ein Beben der Stärke 6,8 etwa 300 Kilometer südlich an der Grenze Sichuan/Yunnan 20.000 Tote.

Dass die Erde in der Region wackelt, ist freilich kein Zufall. "Die Provinz Sichuan ist eine Quetschungszone", erklärt Saul. Die eurasische Platte und die indische drückten gegeneinander, kleinere Krustensegmente am Rande der Quetschungszone würden verkantet. So bauten sich Spannungen auf, die sich unvorhergesehen entladen könnten, so wie jetzt geschehen.

"Durch den Aufprall des indischen Subkontinents wird wie aus einer Zahnpastatube Krustenmaterial nach Südosten aus Asien herausgedrückt", erläutert Sauls Kollege Kind. Am Montag sei dadurch am Rande des Sichuan-Beckens die Erdkruste auf einer Länge von etwa 300 Kilometern und bis zu 20 Kilometern Tiefe gebrochen. Verschiebungen von bis zu neun Metern seien gemessen worden, an der Erdoberfläche waren es bis zu zwei Meter.

Trotz der vielen Opfer zählt Sichuan nicht zu den Hot Spots der Erdbebenforscher. "Die Region ist seismisch nicht so aktiv wie zum Beispiel Indonesien oder Kalifornien", erklärt Saul. Weltweit besteht für etwa 15 Prozent der Landflächen die Gefahr, von einem schweren Beben getroffen zu werden. Durchschnittlich sterben weltweit jedes Jahr rund 10.000 Menschen an den Folgen von Erdstößen.

Die Beben treten vor allem in Regionen auf, die als tektonische Plattenränder bezeichnet werden. Das sind Gebiete, in denen sich die Ränder riesiger Platten, aus denen die Erdkruste besteht, in ungleichmäßigen Schüben aneinander reiben. Die aktivste dieser Zonen verläuft rund um den Pazifischen Ozean. Dort ereigneten sich mehr als 90 Prozent aller weltweit gemessenen Erdbeben.

Seismologen sind derzeit dabei, die Hintergründe des schweren Bebens aufzuklären, zum Beispiel seine Tiefe. "Es könnten 10, aber auch 30 Kilometer sein", sagt Saul, dies lasse sich derzeit nur schwer bestimmen. "Fest steht aber, dass es ein flaches Beben war, wodurch in dem dicht besiedelten Gebiet die großen Schäden angerichtet wurden."

Der Potsdamer Seismologe Kind sieht Gefahren nicht nur in der Provinz Sichuan. "Auch unter Peking ist ein solch starkes Beben nicht ausgeschlossen", sagte Kind im Gespräch mit der Nachrichtenagentur dpa. Er könne allerdings nicht die Einschätzung eines chinesischen Experten bestätigen, wonach es derzeit "einen Trend hin zu Erdbeben in China und seinen benachbarten Ländern" gebe. So sei etwa auch die Gefahr für ein Beben in Peking jetzt nicht höher oder geringer als vor der Katastrophe, bei der am Montag Tausende Menschen starben.

Nach Kinds Einschätzung sind die Gebäude in den chinesischen Großstädten inzwischen viel erdbebensicherer gebaut als früher. "Wir wissen aber nicht, wie es in entlegenen Regionen aussieht." Weltweit ereignen sich laut Kind jährlich höchstens fünf bis sechs Erdstöße der Stärke 8,0 und mehr. Die Opferzahlen hängen entscheidend von der Bevölkerungsdichte und der Bauweise der Häuser ab.

Hätte ein Frühwarnsystem, wie es Japan in den vergangenen Jahren aufgebaut hat, geholfen? Prinzipiell wäre solch ein System auch in China möglich, sagt Saul. "Vor dem Eintreffen der zerstörerischen S-Wellen könnte man beispielsweise Züge stoppen, Brücken sperren, Ventile in Industrieanlagen und Gasleitungen schließen." Fraglich ist jedoch, ob sich Menschen dadurch hätten retten können, die von einstürzenden Gebäuden erschlagen wurden. In der Regel bietet ein solches Frühwarnsystem nur wenige Sekunden Zeit. Zudem bräuchte man ein dichtes Netz von Seismographen, das die Erdbebenwarncomputer permanent mit Daten versorgt.

Mit Material von dpa und AP

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