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11. September 2014, 09:43 Uhr

Energie-Studie

China überholt Öko-Spitzenreiter Deutschland

Von Jan Oliver Löfken

Noch gilt Deutschland weltweit als Vorbild beim Öko-Strom. Doch 2014 wird ausgerechnet China diese Rolle übernehmen - das Land mit dem höchsten CO2-Ausstoß überhaupt.

Hamburg - Strom aus Wind, Sonne und Wasser boomt in China wie in keinem anderen Land der Welt. Deutschland, bisher der unbestrittene Spitzenreiter, wird seine führende Position in Kürze einbüßen. Zwar deckten die deutschen Ökostrom-Kraftwerke im ersten Halbjahr 2014 etwa 31 Prozent der Stromerzeugung, gut sechs Prozent mehr als im Vorjahr. Doch China liefert sich - mit knapp 30 Prozent im vergangenen Jahr - ein Kopf-an-Kopf-Rennen mit Deutschland.

Da die Ausbaudynamik im Reich der Mitte deutlich größer als hierzulande ist, wird sich China 2014 voraussichtlich die Spitzenposition sichern. Diesen Trend analysierten nun zwei australische Energieexperten in der aktuellen Ausgabe der Fachzeitschrift "Nature" und sehen in Zukunft eher China als Deutschland als Vorbild für eine globale Energiewende.

"Andere Länder sollten China folgen und die Märkte für Wasser-, Wind- und Solarkraftwerke stärken, um die Kosten der Erneuerbaren zu reduzieren", sagen John A. Mathews von der Macquarie University in Sydney und Hao Tan von der University of Newcastle in Callaghan.

Die nackten Zahlen unterstützen diese Sicht. So installierte China im vergangenen Jahr im Bereich der Erneuerbaren erstmals mehr Kraftwerksleistung als bei nuklear und fossil betriebenen Anlagen zusammen. Allein die Leistung aus Windrädern verfünffachte sich seit 2009 auf knapp 80 Gigawatt im vergangenen Jahr.

Noch mehr Dynamik zeigt der Ausbau von Photovoltaik-Kraftwerken, deren Leistung sich zwischen 2010 und 2013 von 0,8 auf mehr als 18 Gigawatt vervielfachte. In Deutschland summiert sich die Leistung aller Solaranlagen bisher etwa auf das Doppelte.

Deutsches EEG als Vorbild

Bis 2017 will die chinesische Regierung 550 Gigawatt Leistung aus allen erneuerbaren Energien erreichen. In Anbetracht des Ausbautempos ein durchaus realistisches Ziel. Zum Vergleich: In Deutschland waren Ende 2013 Ökostrom-Kraftwerke mit insgesamt etwa 84 Gigawatt Leistung installiert. Mit der Novelle des Erneuerbaren-Energie-Gesetzes (EEG), die am 1. August in Kraft trat, ist der weitere jährliche Ausbau von Solar- und Windparks an Land auf jeweils 2,5 Gigawatt gedeckelt.

"China ist sich nach dem rasanten Wirtschaftswachstum seiner Umweltprobleme bewusst - und nun machen sie eine schnelle Energiewende", sagt Hans-Josef Fell, der bis 2013 als energiepolitischer Sprecher für die Grünen/Bündnis 90 im Bundestag saß und das deutsche EEG wesentlich initiiert hat.

In absoluten Zahlen hat China Deutschland schon lange überholt. Allerdings leben in China derzeit 1.351 Millionen Menschen, in Deutschland knapp 82 Millionen. Das macht einen direkten Vergleich der Energielandschaften unmöglich. Mehr als 5000 Terawattstunden Strom erzeugen chinesische Kraftwerke jährlich, gut achtmal so viel wie hiesige Anlagen.

CO2-Ausstoß wird sinken, prophezeien Forscher

Zudem steht in China der Neuaufbau von Kraftwerksleistung im Mittelpunkt, Deutschlands Energiewende dagegen ist ein Umbauprojekt, bei dem Kernkraft- und Kohlestrom durch Wind- und Solarstrom ersetzt werden soll. Und natürlich kann ein Ausbau von Kraftwerken und Stromnetzen in einer strikt staatlich gesteuerten Wirtschaft ohne Rücksicht auf die Bürger sehr viel schneller und unkomplizierter erfolgen als in einer Demokratie.

Wegen des stark wachsenden Strombedarfs hält China aber auch dreckige Weltrekorde. So verfeuert das Land knapp ein Viertel der pro Jahr global geförderten Kohle und führt mit einem Anteil von über 26 Prozent die Liste der Staaten mit den höchsten Kohlendioxid-Emissionen an. Deutschland rangiert bei gerade mal 2,5 Prozent. Zudem deckt Wasserkraft über die Hälfte der CO2-freien Stromerzeugung in China. Ökologische Folgen von gigantischen Wasserkraftwerken wie beispielsweise am Drei-Schluchten-Staudamm spielen in der chinesischen Energiepolitik bisher eine untergeordnete Rolle.

John Mathews und Hao Tan sind dennoch vom chinesischen Energieweg überzeugt. Sie sehen weiter sinkende Kosten für Wind- und Solarkraftwerke als wichtigsten Motor für die saubere Energieversorgung der Zukunft. Zwei Gründe machen sie wesentlich für den Grünstrom-Boom in China verantwortlich: zum einen Fördermodelle etwa mit festen Einspeisevergütungen nach Vorbild des deutschen EEG. Zum anderen die Dynamik der industriellen Massenproduktion, dank derer die Fertigungskosten etwa für Solarmodule seit 2008 um über 80 Prozent gefallen seien.

Der deutsche Weg bereitete zwar den Einstieg in eine globale Energiewende. Für den weiteren Ausbau dagegen komme günstigere Produktion und harter Wettbewerb zwischen den Anlagenbauern eine bedeutendere Rolle zu. Den Untergang der deutschen Solarindustrie im Blick, halten die Chinesen hierfür offenbar die größten Trümpfe in der Hand. "Die Energiepolitik sollte sich auf die Förderung von Handel und Wettbewerb für klimafreundliche Technologien konzentrieren", betonen die australischen Wissenschaftler und kritisieren die Einfuhrzölle, die EU und USA auf chinesische Solarpaneele erheben.

Dank sinkender Installationskosten und mehr globalen Wettbewerbs werde sich laut Mathews und Tan der Rückgang der CO2-Emissionen ganz von selbst einstellen. Ob dieser Weg schnell genug zum Erfolg führt, um die Folgen des Klimawandels in möglichst engen Grenzen zu halten, bleibt allerdings fraglich. Bis zum Jahr 2035 könnte der weltweite CO2-Ausstoß jährlich um 1,1 Prozent weiter ansteigen. Und auch dafür ist China mit Hunderten Kohlekraftwerken mit noch Jahrzehnte langer Laufzeit wesentlich mit verantwortlich.

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