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Philip Bethge

Erneuerbare Energien Die Bundesregierung ist auf dem Holzweg

Liebe Leserin, lieber Leser,

Wie klimafreundlich ist es, Holz zu verbrennen? Diese Frage bewegt derzeit den Deutschen Bundestag. Die Koalition hat sich gerade auf die Novelle des Erneuerbare-Energien-Gesetzes geeinigt. Demnach ist eine höhere Förderung von aus Biomasse erzeugtem Strom vorgesehen. Das jährliche Ausbauziel wird von derzeit 200 Megawatt auf 500 Megawatt gesteigert.

Zudem rät der Ausschuss für Wirtschaft und Energie des Bundestages dazu, jeweils eine Milliarde Fördermittel auszugeben, um Wärme »aus erneuerbaren Energiequellen einschließlich Biomasse« zu gewinnen und um Kohlekraftwerke auf »Gas- oder Biomasseverstromung« umzustellen.

Mit Biomasse sind dabei auch Bäume gemeint. Um komplette Kohlekraftwerke mit Brennstoff zu versorgen, müssten sie in großer Zahl gefällt werden. Eine gute Idee? Auf gar keinen Fall.

Holz ist in der EU als erneuerbare Energie klassifiziert, weil das beim Verbrennen entstehende CO₂ durch neues Baumwachstum wieder aus der Luft aufgenommen werden kann. Ein Nullsummenspiel also? Nur theoretisch. Es dauert viel zu lange, bis das freigesetzte Klimagas wieder in neuem Holz gebunden wird.

Holzeinschlag in den USA

Holzeinschlag in den USA

Foto: Dogwood Alliance

Die Verbrennung von Biomasse werde »den Kohlenstoffgehalt in der Atmosphäre und die Erwärmung für Jahrzehnte bis Jahrhunderte erhöhen«, notierten rund 800 Forscher in einem Brandbrief an das EU-Parlament . Auch der Forschungsverbund des European Academies Science Advisory Council (Easac) warnt: Die CO₂-Emissionen pro Stromeinheit, die aus Waldbiomasse erzeugt werden könnten, seien höher als die von Kohle. Daher sei es »unvermeidlich«, dass der Kohlendioxidgehalt in der Atmosphäre erhöht werde, sollte Kohle durch Holz als Brennstoff ersetzt werden.

Naturschützer wiederum befürchten Verluste bei der Biodiversität. »Im Südosten der USA und im Baltikum werden jetzt schon im großen Stil alte, naturnahe Wälder abgeholzt, um Pellets zu produzieren«, sagt Kenneth Richter vom Naturschutzbund Deutschland (Nabu), »die Gefahr ist groß, dass auch Deutschland beginnt, Pellets in großem Maßstab zu importieren.«

Zusammen mit anderen Umweltverbänden hat der Nabu kürzlich ein Positionspapier  mit dem Titel »Kein Raubbau im Wald für eine falsche Energiewende« veröffentlicht. Um den Rohstoffbedarf für die Holzbiomasse-Kraftwerke zu decken, würden die Betreiber bereits »auf globale Einkaufstour« gehen, heißt es darin. Auch für die deutschen Wälder sei eine erhöhte Holznachfrage keine gute Nachricht: »Gesteigerte Einschlagmengen würden die hiesigen Waldökosysteme weiter schwächen«, schreiben die Naturschützer. Der jährliche Holzzuwachs werde in Deutschland schon heute nahezu vollständig geerntet. Gleichzeitig fehle im Wald »Totholz als wichtiges Strukturelement für Artenvielfalt, Nährstoffverfügbarkeit und Humusaufbau«.

Das Abholzen von Urwäldern, selbst das Anpflanzen neuer Bäume eigens für die Wärme- oder Stromproduktion zerstört mehr als es rettet. Allenfalls Rest- und Abfallhölzer sind für die Verbrennung geeignet. Mahnung kann die Vergangenheit sein. Westeuropa war einst so gut wie entwaldet, weil vor allem Holz verfeuert wurde. Ab Mitte des 19. Jahrhunderts half die Kohle, die Wälder zu retten. Dass die Wälder jetzt die Kohlekraftwerke retten sollen, verzögert den konsequenten Ausbau von Wind- und Solarenergie.

Herzlich

Ihr Philip Bethge

(Feedback & Anregungen? ) 

Abstract 

Meine Leseempfehlungen in dieser Woche:

  • Acht Tage früher als geplant: Am Dienstag wurde bekannt, dass Europa schon am 21. Dezember über die Zulassung eines Impfstoffs entscheiden will. Die wichtigsten Fragen dazu beantwortet meine Kollegin Julia Merlot.

  • Eine Erfolgsstory made in Germany: Die Biontech-Gründer Uğur Şahin und Özlem Türeci haben in Rekordzeit einen Corona-Impfstoff entwickelt. Ihr nächstes Ziel ist ein Mittel gegen Krebs.

  • Wenn künstliche Intelligenz richtig Spaß macht: Die Blob-Opera  – Opern singen in Sekunden!

  • Wussten Sie, dass einmal Zähneputzen am Tag reicht? Ich habe es mir erklären lassen .

  • Ein Tiefseegraben im Pazifischen Ozean wird zur »Plastik-Falle«, berichten  Senckenberg-Forscher: im 8250 Meter tiefen Kurilen-Kamtschatka-Graben zwischen 14 und 209 Mikroplastikteilchen pro Kilogramm Sediment. 

  • Neue Schweine: Die US-Behörde FDA hat erstmals gentechnisch veränderte Borstentiere für die Medizin und den Verzehr zugelassen . Andere Forscher nutzen Gen-Editing, um Schweine vor einer tödlichen Pandemie  zu schützen. Könnte das auch beim Menschen funktionieren?

  • Überraschung: Forscher glauben, dass sie vor der Westküste Mexikos eine neue Walart entdeckt  haben.

  • Handybildschirme, die sich von selbst auflösen? Experten des Karlsruher Instituts für Technologie entwickeln  gedruckte Displays, die biologisch abbaubar sind.

  • Die New Yorker Polizei hat Roboterhunde angeschafft . »Digidog« kann Treppen steigen, Türen öffnen und Audio und Video übertragen.

Quiz*

  1. Welcher Anteil aller Landtiere und Landpflanzen der Erde lebt im Wald?

  2. Wie hoch ist der Prozentsatz moderner Medikamente, die ihren Ursprung in tropischen Waldpflanzen haben?

  3. Wie viele Menschen weltweit kochen noch mit Holz?

*Die Antworten finden Sie ganz unten im Newsletter.

Bild der Woche 

Foto: Patrick Hamilton / AFP

Als hätte Poseidon höchstselbst sein Schaumbad ausgeschüttet – so wirkte der Strand von Currumbin an der Ostküste Australiens in dieser Woche. Stürme hatten das Meer aufgewühlt. Der Schaum entsteht, wenn im Wasser ­gelöste organische Substanzen von starken Wellen aufgeschlagen werden. Gefährlich ist er nicht, wohl aber die in den dortigen Gewässern vorkommenden giftigen Seeschlangen, die mit ihm gestrandet sein können.

Fußnote  

6200 Wisente trotten wieder durch die Wildnisse Europas, vor allem in Polen, Russland und Belarus. Die Art lebte Mitte des 20. Jahrhunderts nur noch in Gefangenschaft, 1950 wurden erstmals Tiere aus­gewildert. Jetzt gibt es wieder 47 frei lebende Herden, von denen allerdings nur acht groß genug sind, um langfristig zu überleben, berichtet die Weltnaturschutzunion. Ideal für Wisente sind Schutzgebiete, die sowohl Wälder als auch Weideflächen umfassen, eine Kombination, die in Westeuropa kaum noch zu finden ist.

SPIEGEL+-Empfehlungen aus der Wissenschaft 

*Quizantworten (Quelle: FAO )
1) Wälder beherbergen mehr als die Hälfte der landlebenden Pflanzen- und Tierarten der Erde. Sie bedecken ein Drittel der weltweiten Landfläche.
2) Ein Viertel aller modernen Medikamente stammt aus tropischen Waldpflanzen, darunter zwei Drittel aller Krebsmedikamente. Sie haben einen Marktwert von 108 Milliarden US-Dollar pro Jahr.
3) 2,4 Milliarden Menschen nutzen Holzbrennstoffe zum Kochen von Mahlzeiten. Holzenergie ist damit ein wichtiger Faktor für die Ernährungssicherheit.

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