Erstes Tiermodell Forscher züchten Maus mit schizophrenem Verhalten

Bis heute ist nicht klar, welche Ursachen Schizophrenie hat - und wie man die Krankheit am besten behandelt. Forscher haben nun eine genetisch veränderte Maus gezüchtet, die von Geburt an schizophrene Verhaltensweisen an den Tag legt. An ihr wollen sie die Wirksamkeit von Medikamenten untersuchen.

Labormaus: Ein ausgeschaltetes Gen macht das Tier schizophren
dpa

Labormaus: Ein ausgeschaltetes Gen macht das Tier schizophren


Washington - Schizophrenien verändern die Art zu denken. Die Patienten leiden unter Wahnvorstellungen oder Realitätsverlust, sie nehmen die Umgebung anders wahr als gesunde Menschen. Die Krankheit ist für die Wissenschaft besonders rätselhaft. Die Ursache von Schizophrenie ist bis heute unklar, über ihre Entstehung gibt es viele Theorien - und viele Ansätze zur Behandlung. Jetzt sollen Mäuse helfen, die Behandlung von Schizophrenie-Patienten zu verbessern.

US-Wissenschaftler haben Mäuse mit gentechnischen Verfahren in diesen Krankheitszustand versetzt. Bisher existierten keine Modelle, mit deren Hilfe Mediziner Therapien gegen die psychischen Störungen entwickeln können, an denen ein Prozent der Weltbevölkerung leidet.

Mit den Tieren können Wissenschaftler nun die Wirksamkeit von Medikamenten überprüfen. Um die Psyche der Maus zu beeinträchtigen, schalteten sie ein Gen aus, das als eine Art Bremse in Hirnzellen funktioniert: Das Gen spielt bei komplexen Denkvorgängen und Entscheidungen über angemessenes Sozialverhalten eine wesentliche Rolle. Die Neurobiologen zerstörten damit die kritische Balance von Anregung und Hemmung spezieller Nervenzellen, mit denen das Gehirn die Flut eingehender Informationen für Entscheidungen verarbeitet.

Schizophrenie-Mäuse brauchten deutlich länger für Lernvorgänge

Die sogenannten Pyramidenzellen werden von vorgeschalteten Zellen, den Interneuronen, durch biochemische Stoffe gemanagt. Indem sie bei diesen Kontrolleuren das Gen ErbB4 ausschalteten, verloren die Interneuronen ihren dämpfenden Einfluss auf die Pyramidenzellen. Die Folge: Die Tiere zeigten typische schizophrene Verhaltensweisen wie motorische Unruhe oder veränderte Wahrnehmung. Ihr Kurzzeitgedächtnis war beeinträchtigt, und sie fielen durch eine erhöhte körperliche Unruhe auf.

In den Experimenten sammelten die Forscher um Lin Mei vom Medical College of Georgia genaue Informationen über die unkontrollierten Verhaltensweisen der gestörten Tiere. Die Ergebnisse haben sie jetzt im Fachmagazin "Proceedings of the National Academy of Sciences" vorgestellt.

Beispielsweise lernten zwei Gruppen von normalen und psychisch beeinträchtigten Mäusen, dass sie in jedem der acht Gänge einer kleinen Kammer einen Leckerbissen fanden. Trippelten sie aber nach wenigen Sekunden in den gleichen Arm, gingen sie leer aus. Die Schizophrenie-Mäuse brauchten deutlich länger für den Lernvorgang, und sie vergeudeten auch viel Zeit damit, herumzuschnüffeln und leere Gänge erneut zu kontrollieren.

"Wir glauben, dass die gestörten Mäuse uns helfen, bessere Therapien zu entwickeln. Wir testen auch bereits die Wirksamkeit der am Markt erhältlichen Medikamente", berichtet der Studienautor Mei. So wurden in einem Versuch die Vergleichsgruppen darauf trainiert, dass auf ein leises Geräusch ein lautes folgt. Die Tiere zeigten sich über das Folgegeräusch stets überrascht, bis ihnen der Wirkstoff Diazepam verabreicht wurde, ein Psychopharmakon zur Behandlung von Angstzuständen.

cib/ddp

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Seite 1
Kurt W., 30.12.2009
1. Ach was
Zitat von sysopBis heute ist nicht klar, welche Ursachen Schizophrenie hat - und wie man die Krankheit am besten behandelt. Forscher haben nun eine genetisch veränderte Maus gezüchtet, die von Geburt an schizophrene Verhaltensweisen an den Tag legt. An ihr wollen sie die Wirksamkeit von Medikamenten untersuchen. http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/0,1518,669483,00.html
"Schizophrenien verändern die Art zu denken. Die Patienten leiden unter Wahnvorstellungen oder Realitätsverlust, sie nehmen die Umgebung anders wahr als gesunde Menschen." Hört sich verdammt nach unserer Regierung an! Viel Glück und schnelles Arbeiten.
juergen brosius 30.12.2009
2. mal wieder ein hueftschuss
Fuer viele neuropsychiatrische erkrankungen wird es nie ein adaequates mausmodell geben koennen.
bdepalma 30.12.2009
3. Fragwürdig
Bisher hat die Schizophrenie-Forschung ja nur Neuroleptika hervorgebracht, die das Gehirn gewissermaßen in seiner Gesamtheit blockieren - sehr zur Qual der Betroffenen. Was Versuche an Mäusen daran ändern sollen, ist mir leider schleierhaft: Wie können die Forscher zum Beispiel feststellen, ob eine Maus an Wahnvorstellungen leidet? Kann sie überhaupt Wahnvorstellungen haben? Oder ist das nur dem Menschen zueigen? Drei durchaus ernst gemeinte Fragen.
kleinchaos 30.12.2009
4. Diazepam
ohje, ein süchtigmachendes Medikament. So kann man die Menschen auch bei der Stange der Pharmaindustrie halten. Besonders nett was man bei wikipedia dazu findet: Es ist bekannt, dass es bei Verwendung von Diazepam zu paradoxen Reaktionen wie Ruhelosigkeit, Agitation, Reizbarkeit, Aggressivität, Wahnvorstellungen, Wutausbrüchen, Alpträumen, Halluzinationen, Psychosen, auffälligem Verhalten und anderen Verhaltensstörungen kommen kann. Beim Absetzen von Diazepam können Rebound-Symptome auftreten. Die ursprünglichen Symptome, die zur Behandlung mit Diazepam führten, können verstärkt auftreten http://de.wikipedia.org/wiki/Diazepam Nix dagegen, dass man Kranken versucht zu helfen. Grad psychische Krankheiten sind sehr schwierig zu behandeln. Aber grad bei psychisch Kranken wird sehr oft der Teufel mit Beelzebub versucht auszutreiben
FNagel 30.12.2009
5. Na klar.
Zitat von sysopBis heute ist nicht klar, welche Ursachen Schizophrenie hat - und wie man die Krankheit am besten behandelt. Forscher haben nun eine genetisch veränderte Maus gezüchtet, die von Geburt an schizophrene Verhaltensweisen an den Tag legt. An ihr wollen sie die Wirksamkeit von Medikamenten untersuchen. http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/0,1518,669483,00.html
Klar ist doch noch nicht einmal, was man mit "Schizophrenie" überhaupt meint. Die Wikipedia definiert sie denn auch nicht als "Krankheit", sondern als "Diagnose", die z.B. dann gestellt wird, wenn aus einer der verschiedenen umfangreichen Listen möglicher Symptome "über einen Zeitraum von mindestens einem Monat (beinahe ständig) mindestens ein Symptom aus den Gruppen (a) bis (d) oder wenigstens zwei Symptome aus den Gruppen (e) bis (h) zutreffen." Logisch, daß denn auch noch diskutiert wird, ob es sich überhaupt "um eine einzige Krankheitseinheit (Entität) handelt". http://de.wikipedia.org/wiki/Schizophrenie
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