Erwärmung Neue Wälder können Erde aufheizen

Bäume können den Klimawandel nicht nur bremsen - sie können ihn auch beschleunigen. Einer neuen Studie zufolge kommt es bei Aufforstungs-Projekten auf den Standort an: Ist er falsch gewählt, wird es noch wärmer.


Der moderne Klima-Ablasshandel wird immer verlockender, sowohl für einzelne Menschen als auch für ganze Staaten: Umweltschädliches Verhalten, so die Idee hinter Strategien wie dem Emissionshandel, ist erlaubt - solang man es mit Wohltaten so weit ausgleicht, dass unter dem Strich keine Kohlendioxid-Emissionen übrig bleiben. Für Privatpersonen heißt das etwa: Ich darf meinen Geländewagen weiterhin guten Gewissens fahren, wenn ich nur genügend Bäume pflanze.

Regenwald an der Amazonas-Mündung: In den Tropen haben Bäume einen abkühlenden Effekt, weil aus ihnen aufsteigende Dunstwolken Sonnenlicht reflektieren
NASA

Regenwald an der Amazonas-Mündung: In den Tropen haben Bäume einen abkühlenden Effekt, weil aus ihnen aufsteigende Dunstwolken Sonnenlicht reflektieren

Doch das könnte ein gefährlicher Trugschluss sein, wie Wissenschaftler jetzt herausgefunden haben. Denn beim Pflanzen von Bäumen kommt es auf den Standort an: Entstehen neue Wälder an der falschen Stelle, können sie die Erderwärmung sogar weiter anheizen, statt sie zu bremsen. Umgekehrt können Abholzungen in manchen Gebieten zur Abkühlung der Atmosphäre beitragen, schreiben die Forscher um Govindasamy Bala vom kalifornischen Lawrence Livermore National Laboratory im Fachblatt "Proceedings of the National Academy of Sciences".

Während die tropischen Regenwälder einen kühlenden Effekt hätten, könnten Wälder in schneereichen Regionen wie Sibirien oder Kanada das Gegenteil bewirken, heißt es in der Studie. Aufforstungsprojekte in nördlichen Regionen seien daher "kontraproduktiv".

"Unsere Studie zeigt, dass nur die tropischen Regenwälder einen großen Beitrag dazu leisten, die Erderwärmung zu bremsen", erklärte Bala. Die feuchtheißen Regenwälder der Tropen absorbierten nicht nur klimaschädliches Kohlendioxid (CO2), sondern produzierten auch Dunstwolken, die die Erdoberfläche vor weiterer Erwärmung schützten. Denn diese Wolken reflektieren Sonnenlicht, ähnlich wie Schnee- und Eisfelder.

In schneereichen Gebieten aber werden Sonnenstrahlen auf freien Flächen ohnehin vom Schnee reflektiert. Große Waldstrecken aber würden in solchen Regionen zur Erwärmung beitragen, warnen die Forscher: Sie absorbierten Sonnenstrahlen und erwärmten sich dabei, ohne einen Dunstwolken-Effekt wie in den Tropen zu entwickeln. Die CO2-Absorption der Bäume könne diesen Erwärmungs-Beitrag nicht kompensieren.

Die Forscher hatten die physikalischen und biogeochemischen Folgen der Entwaldung an Land, in der Atmosphäre und im Ozean per Computer simuliert. Als sie das Verschwinden des Waldes auf dem gesamten Globus modellierten, kam unter dem Strich eine Abkühlung heraus. Die Begrenzung der Entwaldung auf bestimmte Breitengrade ergab jedoch deutliche Unterschiede in der Wirkung.

Wälder in schneereichen Gebieten abzuholzen, steht den Forschern zufolge allerdings auf keinen Fall zur Debatte: "Die Zerstörung von Ökysystemen im Kampf gegen den Klimawandel wäre eine kontraproduktive und perverse Strategie", sagte der Klimaforscher Ken Caldeira. An der Studie wirkten unter anderem Wissenschaftler der Stanford University in Kalifornien und der französischen Universität Montpellier II mit.

mbe/AFP

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