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13. Juni 2008, 11:13 Uhr

Essay von Josef H. Reichholf

Leben kämpft stets gegen das Gleichgewicht

Gestört dürfen sie nicht werden, die Gleichgewichte in der Natur. Werden sie zu sehr belastet, bricht der Naturhaushalt zusammen. Schon ein wenig zu viel, ist schnell zuviel. So besagen es die Prognosen zum Klimawandel für das Kohlendioxid, das in der aus Stickstoff, Sauerstoff und Wasserdampf bestehenden Luft nur mit einem Drittel eines Promilles enthalten ist. Um ein Fünftel des Drittelpromilles ist der Anteil durch unser Tun schon angestiegen. Kleine Ursachen, große Wirkungen!

Solch griffige Formulierungen sind immer dann besonders beliebt, wenn man eigentlich nicht genau genug – oder überhaupt nicht – Bescheid weiß, um was es geht. Dann verselbständigen sie sich, werden zum Begriff und, weil unverstanden, ganz selbstverständlich. So geschah es mit der schönen Vorstellung vom "Gleichgewicht im Haushalt der Natur". Alles sei darin mit allem verbunden und wohlausgewogen – gewesen, ehe der Mensch "eingegriffen" und so sehr "gestört" hat.

Worum handelt es sich aber wirklich bei diesem Gleichgewicht? Wie und durch wen wird festgestellt, ob es "funktioniert", also nur ein wenig hin und her schwingt wie die Waage der (blinden) Justitia, wenn sie Recht spricht? Und dann, hoffentlich, mit der richtigen Gewichtung auch das Gleichgewicht findet. Blumige Beschreibungen, mehr romantische Schilderungen als realitätsnahe Feststellungen, gibt es zuhauf davon. Konkretes ist dagegen kaum zu haben.

Die Natur hat keine Soll-Werte

Auf ganzer Bandbreite weiß vor allem das Spektrum der "im Grünen" Tätigen, wie das Gleichgewicht aussehen soll. Die Landwirtschaft meint, so müsse es sein, nämlich zugunsten der Nutzpflanzen und -tiere. Jagd und Fischerei meinen es ganz im Sinne ihrer Zielsetzungen anders, und Naturfreunde wiederum auf ihre Weise. Am meisten strapazieren Naturschützer ohne Beweise das Gleichgewicht in der Natur. Man braucht nur auf die "Störung" hinzuweisen. Diese ist schon per Gesetz "auszugleichen", auch wenn überhaupt nichts dazu nachweisbar ist und der Ausgleich vielleicht noch mehr "Eingriff" bedeutet. Die Natur wird nicht "gefragt". Sie bliebe auch stumm, denn sie ist, wie sie ist und ohne Meinung, wie sie sein soll.

Das legen allein Menschen fest, die "verändern" und dementsprechend ihren Zielwert (wieder) einstellen wollen. Die Natur hat keine Soll-Werte, weil ihr, abgesehen vom Menschen, niemand vorschreibt, wie sie sein soll. Sie ist nicht einmal aus den sogenannten Ökosystemen zusammengesetzt, die nicht gestört werden dürfen, weil sie sonst zusammenbrechen. Ökosysteme sind (für die ökologisch-wissenschaftliche Forschung allerdings sehr praktische und ergiebige) Konstruktionen - aber keine Funktionseinheiten der Natur. In der Natur sehen wir sie nicht. Es gibt keine Abgrenzungen, die das eine Ökosystem von einem anderen trennen.

Erfunden sind jene vermeintlichen Übereinstimmungen mit den Lebewesen, den Organismen, denen zufolge sie in den Wunschvorstellungen mancher Menschen zu Super-Organismen aufsteigen. Denn anders als die Organismen haben die Ökosysteme keine Abgrenzung von Innen und Außen. Eine solche nimmt lediglich die Forschung gegebenenfalls aus praktischen Gründen vor. Es fehlt ihnen jegliche zentrale Funktionssteuerung, ohne die Organismen in der Tat nicht leben könnten, weil sie sich gerade damit gegen das Außen absetzen müssen. Und Ökosysteme können sich auch nicht fortpflanzen.

Ungleichgewichte treiben die Systeme an

Infolgedessen nehmen die vermeintlichen Ökosysteme viele Zustände ein, ohne dass einer der richtige wäre. Einen solchen legen die Menschen fest, die diesen haben wollen. Die Ökosysteme bleiben auch nicht "stabil", sondern ändern ihre Zusammensetzung mit der Zeit durchaus ohne Zutun des Menschen. Könnten und "sollten" sie das nicht, gäbe es keine Evolution. Die Natur ist eben nicht aus Maschinen aufgebaut, die so zu laufen haben, wie sie konstruiert sind. Was in der Natur in Wirklichkeit "funktioniert", also die Vorgänge in Gang hält, sind deshalb auch nicht Gleichgewichte in Ökosystemen, sondern Ungleichgewichte, die solche offenen Systeme antreiben.

Wir fänden sie überall, würden wir nicht die Augen verschließen oder in ideologischer Sturheit darauf beharren, dass die Natur so zu sein hat, wie man sie sich vorstellt. Dabei geht so gut wie alles, insbesondere auch das, wovon wir Menschen leben, aus natürlichen oder künstlich verstärkten Ungleichgewichten hervor. Vertraut sind uns davon die Jahres- und Tageszeiten mit ihrem Wechsel, die umso stärkere "Spannungen" erzeugen, je größer die Unterschiede sind. Unsere klimatisch gemäßigten Breiten sind deshalb weit produktiver als die meisten tropischen Regionen, weil über die Jahreszeiten günstigere Produktionsbedingungen zustande kommen als bei immer gleicher Umwelt.

Schon im wechselfeuchten Klima mit Regen- und Trockenzeiten steigt die Nutzbarkeit, wie das reiche Tierleben in den Savannen zeigt. Das gilt global, aber im Kleinen genauso. Wenn sich nicht erst genügend große Überschüsse aufbauen können, fällt die spätere Nutzung schlecht aus. In der Natur entsteht allüberall zunächst "Kapital", bevor es umgesetzt und verwertet wird.

Im Einklang mit der Natur müssten Milliarden Menschen verhungern

Die Landwirtschaft macht sich dies schon lange zunutze. Sie baut nach jeder Ernte auf den Feldern neue Ungleichgewichte auf. Die Entwicklungen darauf überlässt sie jedoch möglichst nicht den Wechselfällen der Natur. Vielmehr steuert sie den weiteren Verlauf den eigenen Zielsetzungen gemäß. Nach der Ernte sorgt sie dafür, dass sich alles wiederholt, Zyklus für Zyklus. Und so werden stets wieder verwertbare Überschüsse produziert. Verluste sind dabei jedoch nicht zu vermeiden.

Wo aber Wesentliches in zu geringem Umfang vorhanden ist, drückt das die mögliche Leistung. Justus von Liebig hat dies schon vor mehr als einem Jahrhundert erkannt. Über die nach seinem "Minimumgesetz" entwickelte künstliche Düngung nach Bedarf sind die Erträge in der Landwirtschaft in ungeahnter Weise gesteigert worden. Das schwächste Glied bestimmt die Stärke der Kette und damit den Ertrag, der zustande kommt.

So verhält es sich auch in der vom Menschen nicht genutzten Natur. Mangel herrscht weithin vor; sei es Mangel an Wasser, an pflanzlichen Nährstoffen oder an Wärme oder an irgendetwas anderem, das wichtig wäre. Mit der Behebung des Mangels erzeugt die Landwirtschaft genau solche "Super-Organismen", die in der vom Menschen nicht gesteuerten Natur gar nicht vorhanden sind. Sie zieht Grenzen nach außen, steuert die inneren Vorgänge und sorgt für die Wiederholung, als ob es eine Fortpflanzung gäbe.

Längst hat die Landwirtschaft die Erfahrungen gemacht, dass nicht die beste Ausgeglichenheit die größten Leistungen zeitigt, sondern die günstigsten Spannungen, die aus Ungleichgewichten hervorgehen. Wo den Böden zu viel abgerungen wurde, ging ihre Leistungsfähigkeit zurück. Wo sie zu stark gedüngt worden sind, kam es zu ungünstigen, die Erträge wieder beeinträchtigenden Folgen.

Die Landwirtschaft verhält sich nicht grundsätzlich unnatürlich. Sie führte nur konsequent weiter, was in der Natur schon vorgezeichnet war. Es gibt Gebiete, in denen von Natur aus gute Böden und genügend Wasser zusammen mit günstiger Witterung hohe nutzbare Erträge liefern. Flussauen und Flussmündungen gehören dazu oder vulkanische Böden in feuchtwarmen Regionen.

Die Menschheit ist abhängig von Ungleichgewichten

Der Mensch steigerte die natürliche, meist aber zu geringe Produktivität vielerorts durch zusätzliche Düngung und hohen Einsatz von Energie. Die Leistungen einer solcherart gesteuerten Natur stiegen entsprechend an. Alles bewegt sich darin letztlich zwischen Überfluss und Mangel. Wo sich diese Schere weiter öffnen ließ, kamen höhere Erträge zustande. Vorbild war und ist also nicht die "sparsame Natur", die aufgrund des vorherrschenden Mangels gar nicht anders kann, als sich kaum zu verändern, sondern die hochproduktive Natur. Von ihr leben wir und mit uns die ganze Menschheit.

Als Jäger und Sammler im Gleichgewicht mit der Natur wären nur wenige Prozent der heutigen Menschheit existenzfähig. Wir Europäer würden, von seltenen Ausnahmen abgesehen, nicht dazu gehören. Die hier entwickelte Vorstellung vom "Einklang mit der Natur" ist schön und klingt edel. Sie ist und bleibt aber irreal. Genaugenommen ist sie menschenverachtend. Denn längst ist die Menschheit von Ungleichgewichten und von der Entfernung von der Natur abhängig - auf Gedeih und Verderb.

Im Einklang mit der Natur müssten Milliarden verhungern. Es bleibt der Menschheit daher gar nichts anderes übrig, als weiterhin neue Ungleichgewichte aufzubauen und zu nutzen. Dazu brauchen wir sinnvolle Grenzen und realistische Strategien. "Nachhaltigkeit" meint die richtige Richtung, ist aber zu vage. Denn benötigt werden vor allem hochgradig produktive Ungleichgewichte, die "nachhaltig" sind, also langfristig genug funktionieren. Wir kennen sie nicht, weil zu sehr nach den Gleichgewichten gesucht worden ist. Ohne greifbare und anwendbare Ergebnisse. Dabei gilt die Notwendigkeit von Ungleichgewichten sehr wahrscheinlich keineswegs für die Natur allein, sondern auch für die Menschenwelt ganz umfassend.

Seit jeher ist die Menschheit geprägt worden und durchsetzt von Ungleichgewichten. Aus ihnen ging das hervor, was wir Fortschritt zu nennen pflegen. Spannungen lieferten das Potential für die Veränderungen. Allzu oft wurden sie zu groß. Sie explodierten in Kriegen, Raubzügen und Unterdrückung. Die tragfähigen Grenzen kennen wir zu wenig. Die Vergangenheit experimentierte nach dem uralten Prinzip von Versuch und Irrtum. Die Irrtümer waren weitaus häufiger als die gelungenen Versuche. Dennoch brachte die Gesamtbilanz den Fortschritt. Sein Preis war hoch; zu hoch aus heutiger Sicht, weil wir meinen, es besser machen zu können. Das werden wir aber erst beweisen müssen.

Das paradiesische Schlaraffenland macht faul

Die Strategie des Gleichgewichts funktionierte bis in die Gegenwart nicht wirklich. Wir wissen, dass der scheinbar paradiesische Zustand des Schlaraffenlandes nur faul machen würde. Wo es nichts (mehr) zu gewinnen gibt, fehlt der Anreiz, mehr zu leisten. Wo alles ausgeglichen würde, käme die Kultur an ihr Ende. Auch sie entwickelt sich und schöpft Kraft aus Unterschieden, aus Spannungen. "Kräftegleichgewichte" in der Politik waren nie nennenswert von Dauer. Sie erwiesen sich nicht als stabil, sondern entgegen den Erwartungen als recht instabil. Pattsituationen in Regierungskoalitionen erstarren im Stillstand. Aber wer stillsteht, fällt zurück.

Dieses "Gesetz" gilt nicht nur im Wunderland der kleinen Alice, sondern auch in der großen Politik. Wer auf dem selbst gewählten Zustand beharrt, weil er diesen für den besten hält, wird von der Zeit und ihren Entwicklungen überholt. Der Zahn der Zeit nagt überall. Alles fließt, alles ändert sich. Diese Lebensweisheit kannten bereits die alten Griechen. Wir aber meinen, der Gegenwart Dauer verleihen zu können. Das Leben lehrt uns anderes. Es bleibt bestehen, weil es sich fern vom Gleichgewicht hält und immer wieder erneuert. Gerät es ins Gleichgewicht mit der Umwelt, bedeutet dies den Tod.

Das Leben kämpft daher beständig gegen das Gleichgewicht. Auch in uns selbst, die wir nicht altern wollen, wohl wissend, dass dies unmöglich ist. Das Leben stellt sich dem Zerfall durch den Aufbau immer neuer, immer kräftigerer Ungleichgewichte entgegen. Je weiter es sich vom Gleichgewicht entfernen kann, ohne sich selbst zu zerstören, desto leistungsfähiger wird es. Wie eine aufgeladene Batterie. Daher wäre es längst an der Zeit, sich den überlebensfähigen Ungleichgewichten zu widmen. Die gute alte Vorstellung vom Gleichgewicht hat ausgedient. Nicht nur in der Ökologie.

Zur Replik von Wolfgang Cramer

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