Essay zur Klimadebatte Die Welt beneidet uns

Ein Scheitern des Kopenhagener Gipfels wäre ein Erfolg, der Klimaschutz sollte vertagt werden: Mit seinem SPIEGEL-Essay hat der dänische Statistiker Bjørn Lomborg für Aufsehen gesorgt. Der RWE-Innogy-Vorstandschef Fritz Vahrenholt widerspricht: Nie waren die Chancen für eine globale Einigung besser.
Offshore-Windkraftanlage vor Rostock: Deutsche Führungsrolle bei grünen Technologien

Offshore-Windkraftanlage vor Rostock: Deutsche Führungsrolle bei grünen Technologien

Foto: Z1017 Bernd Wüstneck/ dpa

Erderwärmung

Die wichtigste Klimakonferenz der letzten zehn Jahre kann nicht mehr scheitern. Denn noch vor Abschluss der Verhandlungen ist das Welttreffen in Kopenhagen längst ein großer Erfolg für die Menschheit: Das Ziel, die auf zwei Grad Celsius zu begrenzen, wird von kaum noch einem Land ernsthaft in Zweifel gezogen. Die Ausgangslage für Klimaschutzmaßnahmen ist heute besser, als sie es vorher jemals war. Fast alle Staaten haben in unterschiedlicher Form Maßnahmen zur Emissionsminderung angekündigt - sieht man einmal von den Ölförderstaaten ab, die die größten Profiteure eines Scheiterns von Kopenhagen wären.

Zugegeben: Bei dem Tauziehen um die Lastenverteilung wird mächtig getrickst und getäuscht. So entpuppt sich die bis 2020 angekündigte 17-prozentige Emissionsminderung der USA bezogen auf 2005 als eine mickrige Zwei-Prozent-Einsparung, wenn man sie auf das von den Europäern herangezogene Basisjahr 1990 herunterrechnet. Auch China wartet mit einer nur scheinbar eindrucksvollen Zahl auf: 40 Prozent Minderung - allerdings bezogen auf das fiktive Bruttosozialprodukt im Jahre 2020. Tatsächlich kündigen die Chinesen also einen massiven Mehrausstoß an. Und die von den Russen in Aussicht gestellte Emissionsminderung um 30 Prozent verlangt ihnen überhaupt keine Anstrengungen ab, da sie schon weit mehr davon durch den Strukturwandel nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion eingespart haben.

Emission

Kyoto

Trotz alledem fühlen sich die Staaten immerhin zunehmend aufgefordert, überhaupt Minderungsziele zu nennen. Schon das allein ist ein wichtiger Schritt nach vorn. Kopenhagen wird dazu führen, den Druck international weiter zu verstärken und eine gemeinsamere Sprache zu sprechen. Speziell die deutsche Seite geht dabei durchaus mit gutem Beispiel voran. Die Ankündigung, die CO2- um 40 Prozent zu verringern, könnte Vorbildcharakter für andere Länder haben. Deutschland ist zudem einer der wenigen Staaten, die das frühere Klimaabkommen von tatsächlich eingehalten haben - auch wenn wir natürlich erheblich von der Abwicklung der alten DDR-Industrie profitiert haben.

Deutschlands Einsparungen können das Klima kaum verbessern

Klima

Das indes wird von jeglicher deutscher Einsparung kaum beeinflusst werden. Denn ob Deutschland im Jahre 2020 rund 100 Millionen Tonnen CO2 mehr oder weniger ausstößt, ist für die Erwärmung folgenlos, kommen doch allein aus China bis dahin etwa vier Milliarden Tonnen hinzu. Auch pro Kopf wird China 2020 Deutschland beim CO2-Ausstoß überholen.

Kohlendioxid

Offshore

Der entscheidende Beitrag, den Deutschland zur Lösung des Klimaproblems zu leisten vermag, besteht ohnehin darin, Innovationen voranzutreiben. Unser Land ist schon heute führend darin, verbrauchsarme Maschinen und Produkte zu entwickeln, Verfahren zur Abscheidung von , hocheffiziente Windkraftanlagen sowie immer bessere Speichertechniken. Abgesehen von dänischen Firmen sind deutsche Unternehmen beispielsweise derzeit die einzigen, die Anlagen für große -Windparks bauen können. Kein Amerikaner, kein Chinese, kein Engländer ist heute dazu in der Lage.

Energien

Der dänische Statistiker Bjørn Lomborg liegt falsch, wenn er glauben machen will, dass das Zeitalter der erneuerbare noch in weiter Zukunft liegt. Der Wechsel zu einer neuen Energietechnologie benötigt etwa 30 Jahre. Das galt für die Kernenergie, das gilt auch für die alternativen Energieträger. Die Windenergie etwa hat nach 15 Jahren einen Reifegrad erreicht, der uns erwarten lässt, dass sie in den nächsten Jahren auch ohne Subventionen im direkten Wettbewerb mit Kohle, Gas und Atomkraft bestehen kann. Werden von den Ingenieuren neue Speichermethoden entwickelt, um die wetterbedingten Schwankungen auszugleichen, dann kann allein die Windenergie dafür sorgen, dass wir unsere nationalen Klimaschutzziele erreichen.

Höchstes Ziel ist die Minderung des Kohlendioxid-Ausstoßes

Biomasse

Die ist ebenfalls nahe dran, mit den konventionellen Energieträgern konkurrieren zu können. Entscheidend ist dabei nur, wie sich der Preis für die fossilen Energieträger entwickelt: Bei Ölpreisen über 150 Dollar wird Biomasse ohne Subventionen auskommen. Ihr Potential wird nur begrenzt durch die nutzbare landwirtschaftliche Fläche. In Deutschland können Sprit, Strom und Biogas vom Acker schon bald einen Anteil von fünf bis zehn Prozent an unserer Energieproduktion haben. Die Nutzung der Sonnenenergie hingegen wird sich in den nächsten Jahrzehnten auf die solare Wärmeversorgung konzentrieren.

Die Welt beneidet uns um das, was deutsche Maschinenbauer und Elektroingenieure entwickelt haben. Doch ohne ein internationales Emissionshandelssystem bleiben all die schönen Erfindungen folgenlos. Erst der weltweite Emissionshandel würde die notwendigen Leitplanken setzen, um CO2-arme Technologien überall auf dem Planeten zum Einsatz zu bringen. Für uns ist es geradezu überlebenswichtig, CO2 mit unseren begrenzten Finanzmitteln und gleichzeitig mit dem größtmöglichen Effekt zu mindern. Nur so werden wir es schaffen, bis 2050 den Kohlendioxid-Ausstoß zu halbieren.

Kurzatmige und teure Showeffekte wie Glühlampenverbote, Photovoltaikdächer im Nebelland Deutschland oder Wasserstoffautos helfen nicht, die Erderwärmung zu bremsen. Ein alle Sektoren und Regionen umfassendes Emissionshandelssystem hingegen würde automatisch sicherstellen, dass die günstigsten Wege zur Vermeidung von CO2 beschritten würden: die Dämmung von Häusern, die Modernisierung von Gas- oder Kohlekraftwerken, der großflächige Einbau von Wärmepumpen.

Zukunftstechnologien bedürfen starker Förderung

Doch wie kommen Zukunftstechnologien wie Offshore-Windparks, Elektroautos oder gar Fusionsreaktoren auf den Markt? Der Emissionshandel allein reicht nicht aus. Zum Anschub der Zukunftstechnologien brauchen wir Förderinstrumente, wie wir sie in Deutschland mit dem Energie-Einspeisungsgesetz (EEG) erfunden haben. Der Stromkunde bezahlt solidarisch dafür, dass neue Technologien im Bereich erneuerbarer Energien eingesetzt werden. Es ist ein Erfolgsmodell, welches Deutschland zu einem der wichtigsten Windkraftmärkte weltweit gemacht hat. Mit unserer installierten Leistung sind wir in Europa Spitze. Ohne das EEG gäbe es heute keine Multimegawattmaschinen für die Offshore-Windenergie aus Deutschland.

Aber auch das EEG setzt falsche Anreize, die uns alle sehr viel Geld kosten. Für die Förderung von Photovoltaik etwa bezahlt der deutsche Stromkunde zwei Milliarden Euro im Jahr - und das 20 Jahre lang. 40 Milliarden Euro werden so für Solarzellen auf Siliziumbasis verschwendet, die niemals in Deutschland wettbewerbsfähigen Strom produzieren werden. Auf diese Weise werden für die kommenden Jahrzehnte mit finanziellem Aufwand Strukturen etabliert, die uns beim Klimaschutz nicht voranbringen. Dieses Geld könnte wesentlich besser angelegt und ein Zigfaches an CO2-Einsparung geleistet werden.

Wäre es nicht besser, dort in Photovoltaik oder solarthermische Kraftwerke zu investieren, wo die Sonne dreimal so häufig scheint und die Kosten für die Erzeugung somit nur ein Drittel betragen? Europäische Stromkunden wären sicher eher bereit, eine Anschubfinanzierung für das ambitionierte Desertec-Projekt zu leisten, das Sonnenstrom in Nordafrika erzeugen soll. Viel sinnvoller wäre es zudem, endlich Speichermöglichkeiten zu schaffen für den witterungsabhängigen Windstrom. Eine Möglichkeit bestünde darin, so schnell wie möglich eine große Flotte von Elektroautos auf die Straße zu bringen. Nachts könnten sie den Windstrom zu günstigen Preisen aufnehmen und speichern.

Laufzeitverlängerungen für Atomkraftwerke ermöglichen Investitionen

Die Bundesregierung setzt sich hier leider kaum anspruchsvolle Ziele: Die geplanten eine Million Elektroautos bis 2020 sind zu wenig. Wir dürfen uns keinen neuen visionären Zukunftstechniken verschließen. Der Fusionsreaktor zum Beispiel scheint völlig vergessen; die Forschung daran wird von staatlicher Seite viel zu wenig unterstützt. Wer sagt uns, dass er nicht irgendwann entscheidend zur Lösung unserer Energieprobleme beitragen wird? Der Haushalt für Energieforschung ist in den neunziger Jahren mit einem Federstrich auf rund 400 Millionen Euro halbiert worden. Das kann sich eine Industrienation wie Deutschland nicht leisten. Wir brauchen eine massive Expansion der Energieforschung ohne Denkverbote.

Um all diese Aufgaben zu lösen, bedarf es großer finanzieller Anstrengungen. Viel zu viel Geld ist schon in die Photovoltaik-Entwicklung versenkt worden. Es ist höchste Zeit, diese Mittel in neue und bessere Zukunftstechnologien umzulenken.

Darüber hinaus war es klug von der Bundesregierung, die Kernenergie als Lastesel für die neuen Technologien zu entdecken. Eine Laufzeitverlängerung der von vielen so verhassten Atomkraftwerke setzt dafür Milliarden frei. Zudem sind Reaktoren wesentlich flexibler hoch und herunter zu fahren als die meisten anderen Kraftwerkstypen. Damit sind sie die ideale Ergänzung für die stark witterungsabhängigen Windkraftanlagen. Wer Kernkraftwerke abschaltet, gefährdet den Ausbau der Windenergie.

Klimawandel

Wenn die Bedrohung durch den groß genug ist, wird sich noch so manches neue Bündnis ergeben, von dem wir heute nur träumen können. Es ist die Aufgabe der Politik, aus diesen Träumen Realität werden zu lassen.

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