EU-Gesundheitspolitik Brüsseler Kadaververbot treibt Bären in den Hunger

Kadaver von Nutztieren müssen schnellstmöglich entsorgt werden: So will es die EU seit der BSE-Panik. Jetzt liegt kaum noch Aas auf Europas Weiden - weshalb geschützte Tiere leiden. Einer neuen Studie zufolge hungern immer mehr Bären, Wölfe und Geier.

In manchen Regionen Europas - auf der Iberischen Halbinsel zum Beispiel, im Norden Italiens und in Osteuropa - gibt es sie noch: Geier und Steinadler, Wölfe und Bären. Sie fangen Ratten und Schlangen oder was sich sonst fressen lässt. Da das Frischfleischangebot nicht reicht, sind sie auch auf die Kadaver verendeter Wild- und Nutztiere angewiesen. "Streng geschützt" sind sie von Amts wegen, und die EU gibt jährlich viele Millionen Euro für sie aus. Doch nun sind diese seltenen Tiere existenziell bedroht, und das ausgerechnet durch eine Verordnung aus den Brüsseler Amtsstuben - gut gemeint, aber nicht gut gemacht.

Das Schriftstück – Verordnung 1774/2002 – stammt aus dem Jahr 2002. Damals grassierte die BSE-Angst in Europa. Niemand konnte sicher sein, ob nicht auch Menschen dem "Rinderwahn" zum Opfer fallen könnten. Viele neue Vorschriften wurden erlassen, um die Bevölkerung so weit wie möglich zu schützen.

So wurde auch angeordnet, dass verendete Rinder, Schafe, Ziegen oder Pferde fortan in Tierkörperbeseitigungsanlagen entsorgt werden müssen.

Tierkadaver blieben früher einfach liegen

Vor allem in den südlichen Ländern rund ums Mittelmeer war das nämlich bis dahin gar nicht üblich. Tiere, die auf einsamen Bergweiden oder in entlegenen Hochlandtälern starben, ließ man dort einfach liegen oder brachte sie, in Spanien zum Beispiel, auf eigens dafür vorgesehene Kadaverplätze, sogenannte "muladares". Adler, Geier und Wolf, so noch vorhanden, freuten sich über das Aas – und ganz besonders der Braunbär.

Der hat vor seinem Winterschlaf im Herbst und noch mehr danach, im Frühjahr, große Schwierigkeiten, Futter zu finden. Aas ist deshalb für ihn "überlebenswichtig", so das Resümee einer Studie der deutschen "Stiftung Europäisches Naturerbe (Euronatur)" und der spanischen Tierschutzorganisation Fapas.

Aas aber ist seit der EU-Verordnung 1774/2002 knapp. In den Braunbären-Revieren im spanischen Asturien etwa werden seither jährlich über 4000 Rinderkadaver in Tierkörperbeseitigungsanlagen entsorgt, die vorher auf den Wiesen liegenblieben. Damit fehlen jährlich 210 Tonnen bester Nahrung für Aasfresser. Die Folge sei, so die Euronatur-Forscher, "eine bedrohliche Zunahme an unterernährten Bärenjungen".

Auch Adler und Geier leiden unter EU-bedingtem Futtermangel. Das immerhin haben die Brüsseler Verordnungsverantwortlichen relativ schnell erkannt und schon im Mai 2003 in einer Ausnahmeregelung erlaubt, Tierkadaver auf speziellen, eingezäunten Futterplätzen auszulegen. Da es aber nur wenige solcher Futterstationen gibt – Tausende wären nötig – finden auch Adler und Geier nicht mehr genug Nahrung. Viele Gänsegeier aus Spanien hat der Hunger in die Fremde getrieben.

In Deutschland, Belgien und Frankreich wurden Schwärme der großen Aasfresser, deren Spannweite fast drei Meter erreichen kann, gesichtet. Ins Schlaraffenland aber führt auch diese weite Reise nicht, denn auch dort gibt es zu wenige Futterplätze. Immerhin erweitern die Geier so den Lebensraum für ihre Art und senken die Aas-Nachfrage in ihrer angestammten Heimat.

Für Bären ist das kein Ausweg. An die umzäunten Vogelfutterplätze kommen sie nicht ran, 1000-Kilometer-Reisen schaffen sie nicht. An sie hat in den Brüsseler Vorschriftenschreibstuben niemand gedacht. Anfang Dezember haben die Tierschützer von Euronatur und ihre spanischen Fapas-Kollegen deshalb den zuständigen EU-Kommissaren Markos Kyprianou und Stavros Dimas die Ergebnisse ihrer Studie zugeschickt und "dringend" Korrekturen an der Verordnung 1774/2002 gefordert. Diese "würden in keiner Weise die Sicherheit der Bevölkerung vor Seuchen gefährden".

Bei Pferden, Eseln und Maultieren etwa sei kein einziger Fall einer BSE-Infektion bekannt. Ihre Kadaver könnten risikolos auf den Weiden bleiben. Aber auch tote Rinder könnten problemlos, wie eh und je, auf die traditionellen Kadaverplätze in Spanien gelegt werden, sofern in der Herde kein BSE-Fall aufgetreten und das verendete Tier nicht älter als zwei Jahre sei.

Bis heute haben die EU-Kommissare auf den Brandbrief der Tierschützer nicht reagiert.

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