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17. Oktober 2012, 14:59 Uhr

Algen statt Raps

EU-Kommission will Biosprit-Boom stoppen

Biosprit gilt längst nicht mehr als besonders ökologisch - jetzt versucht auch die EU-Kommission, den Boom der Treibstoffe zu stoppen. Negative Auswirkungen für Klima und Nahrungsmittelsicherheit sollen in Zukunft mehr beachtet werden, heißt es in einer Gesetzesreform.

Hamburg - Biotreibstoffe stehen seit Jahren in der Kritik. Für ihre Produktion werden Regenwälder gerodet, sie lassen die Lebensmittelpreise ansteigen, weil der Platz auf den Äckern knapp wird. Jetzt nimmt auch die EU-Kommission Abstand zu den einst hochgelobten Öko-Energiequellen: Die Brüsseler Behörde will die stark subventionierten Treibstoffe in Zukunft weniger fördern und negative Auswirkungen für Klima und Nahrungsmittelsicherheit stärker berücksichtigen.

Dafür müssen die Politiker vor allem bei den Plänen zum Klimaschutz umdenken: Kraftstoffe aus Nahrungspflanzen sollen weniger zum Erreichen der selbstgesetzten Klimaziele beitragen als bisher geplant. "Der Anteil von Biotreibstoffen aus Getreiden und anderen stärkereichen Feldfrüchten, Zucker und Ölpflanzen sollte im Jahr 2020 einen Anteil von fünf Prozent am Energieverbrauch im Verkehr nicht überschreiten", heißt es in einer Gesetzesreform, die Energiekommissar Günther Oettinger und Klimakommissarin Connie Hedegaard in Brüssel vorgestellt haben.

Algen und Abfall statt Raps und Getreide

Die EU-Staaten haben sich verpflichtet, im Jahr 2020 zehn Prozent der Energie im Verkehrssektor aus erneuerbaren Energien zu gewinnen. Nur noch die Hälfte davon soll von Biokraftstoffen stammen, für die Nahrungspflanzen verarbeitet werden. Außerdem schlägt die Kommission vor, Biosprit, der keine deutlichen Einsparungen an Treibhausgasen bringt, ab 2020 nicht mehr mit staatlichen Mitteln zu fördern. Stattdessen soll in Zukunft die Produktion von Kraftstoffen etwa aus Abfall oder Algen stärker unterstützt werden, die als wesentlich klimafreundlicher gilt.

Die Pläne gehen vielen Umweltschützern nicht weit genug. So gab die Behörde etwa keine genauere Bewertung der Klimafolgen verschiedener Biosprit-Sorten ab. Anders als zunächst geplant darf die Industrie weiter die Verwendung von Raps- und Sojaöl als klimaschonend geltend machen. Studien zufolge verursacht die Produktion von Biodiesel aus Ölsamen jedoch viermal so viele Treibhausgase wie die Herstellung des Ethanol-Anteils am Biosprit E10 aus Getreide oder Zucker.

Mit dieser Entscheidung kommt die EU den Herstellern von Biodiesel entgegen. Treibstofflieferanten sind dazu angehalten, bei ihren Kraftstoffen für den Verkehrsbereich bis zum Jahr 2020 sechs Prozent an Treibhausgasen einzusparen. Schlechter eingestufter Biosprit hätte dazu weniger beitragen können. In einem früheren Entwurf vom September dieses Jahres wollte die Kommission die Klimabilanz der einzelnen Biosprit-Sorten noch genau berechnen. Nach heftiger Gegenwehr der Industrie ist davon nun vorerst nicht mehr die Rede. Die Lieferanten sollen nur noch Daten liefern. Die EU-Staaten und das Europaparlament müssen den Plan billigen.

irb/dpa/Reuters

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