Satellitenaufnahmen Rodungen in der EU nehmen stark zu

In der EU werden Forschern zufolge immer mehr Waldflächen gerodet - ein Grund ist ausgerechnet die hohe Nachfrage nach nachhaltigen Rohstoffen. Die steigende Abholzung könnte nun die Klimaschutzziele gefährden.
Laut Satellitenbildaufnahmen könnten bis zu 50 Prozent mehr Bäume gerodet werden

Laut Satellitenbildaufnahmen könnten bis zu 50 Prozent mehr Bäume gerodet werden

Foto: Martin Schutt/ dpa

Der Holzeinschlag in den Ländern der EU hat sich deutlich erhöht, berichten Forscher der Gemeinsamen Forschungsstelle der Europäischen Kommission im Fachblatt "Nature" . Grund für die zunehmende Abholzung ist laut den Forschern die gestiegene Nachfrage an nachhaltigen Roh- und Brennstoffen.

Mehr als ein Drittel der Landfläche in der EU ist mit Wald bedeckt. Bäume speichern etwa zehn Prozent des in der EU ausgestoßenen Kohlendioxids. Die zunehmende Abholzung könnte diese Pufferwirkung gefährden, schreiben die Forscher. In diesem Fall müssten die EU-Staaten ihre Emissionen zusätzlich mindern, wenn sie wie vereinbart bis zum Jahr 2050 klimaneutral werden wollen. So sieht es der Green Deal vor.

Für ihre Analyse hatten die Forscher Satellitenbilder aus den Jahren 2004 bis 2018 ausgewertet. Demnach wurden allein zwischen 2016 und 2018 schätzungsweise 49 Prozent mehr Bäume in der EU gefällt als im Zeitraum zwischen 2011 und 2015. Die Aufnahmen hatten eine Auflösung von 30 Metern, sodass auch kleine Rodungsflächen erkennbar waren.

Die Rodungen bedeuten nicht, dass automatisch auch die Waldfläche schrumpft. In der Regel müssen gerodete Flächen wieder aufgeforstet werden. Waldflächen abzuholzen, um daraus Ackerflächen zu machen, ist in den meisten Ländern verboten.

Für den Anstieg der Rodungen um fast 50 Prozent sehen die Forscher drei mögliche Gründe:

  • Die Wälder Europas werden älter, wodurch mehr erntereife Bäume gefällt werden. Dieser Grund kann laut den Forschern aber höchstens zehn Prozent des beobachteten Anstiegs erklären.

  • Auch Waldbrände oder Sturmschäden können zu Holzverlusten führen - einen Teil dieser Schäden haben die Forscher herausgerechnet. Allerdings ließen sich solche natürlichen Störungen nicht in jedem Fall erkennen.

  • Den größten Einfluss hat laut den Forschern die gestiegene Nachfrage nach Holz, die auch internationale Statistiken bestätigen.

Waldfläche in Deutschland gewachsen

Rodungen in Schweden und Finnland machten laut der Analyse mehr als 50 Prozent des Anstiegs aus. Auf Polen, Spanien, Frankreich, Lettland, Portugal und Estland entfielen zusammen rund 30 Prozent. In Deutschland haben die Waldflächen dagegen zwischen 2016 und 2018 im Vergleich zum Zeitraum 2004 bis 2015 sogar um 7 Prozent zugenommen. Nur Belgien (18 Prozent) und die Niederlande (9 Prozent) hatten höhere Zuwachsraten.

Satellitenbildauswertungen von Waldflächen sind jedoch mit Unsicherheiten verbunden. Zuverlässiger wären Waldinventuren, bei denen Bäume einzeln erfasst werden. Diese werden jedoch meist nur alle zehn Jahre durchgeführt und dann auch längst nicht für alle Waldflächen.

"Die aufgezeigte Zunahme von Holznutzungen in europäischen Wäldern erscheint sehr drastisch, die Zahlen sind in der Tat überraschend und werfen Fragen auf", sagt Marcus Lindner vom European Forest Institute (EFI) in Bonn, der nicht an der Studie beteiligt war.

Laut Statistiken hat die Holznutzung zwischen 2016 und 2018 nur bis zu 25 Prozent zugelegt, also weniger als die Hälfte der Menge, von der die Studie ausgeht. Vor allem die Zuwächse in Nordeuropa seien überraschend, so Lindner. Weitere Vergleiche könnten zeigen, ob die Schätzungen der Studie womöglich zu hoch sind.

"Erreichung der Klimaziele nicht allein dem Wald überlassen"

Ein Grund für die zunehmenden Rodungen könnte auch der Borkenkäferbefall in Fichtenwäldern sein. Hunderttausende Hektar Waldfläche mussten europaweit laut Lindner gefällt werden, um die weitere Ausbreitung der Käfer zu verhindern, auch in Deutschland. Zusätzlich belasten der Klimawandel und die extreme Trockenheit die Wälder.

"Diese Waldschäden wirken sich ohne Zweifel auf die Kohlenstoffbilanz der Wälder aus", sagt Lindner. Dadurch könnten einige Wälder sogar zu mehr Emissionen führen als sie speichern. Wie sich der Waldverlust mittelfristig auswirkt, hängt auch davon ab, wie das Holz genutzt wird. "Verbleibt es im Wald, wird es in wenigen Jahren zersetzt sein und das CO2 in die Atmosphäre zurückgeben", so Lindner.

Setzt sich der Trend der zunehmenden Abholzung fort, sagt auch Almuth Arneth vom Karlsruher Institut für Technologie (KIT), könnte sich das negativ auf die CO2-Bilanz europäischer Wälder auswirken. "Unabhängig davon", argumentiert die Ökosystemforscherin, "muss man auch bei dieser Studie mal wieder darauf hinweisen, dass die Erreichung der Klimaziele nicht dem Wald überlassen werden kann, sondern auf einer schnellen Dekarbonisierung der Wirtschaft fußen muss." Das würde die Abkehr von Kohle, Öl und Gas bedeuten.

koe/dpa
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