Manipulierte Pflanzen Europäischer Gerichtshof blockiert den Einsatz neuer Gentechnikverfahren

Auch gentechnisch veränderte Pflanzen, die sich kaum von Züchtungen unterscheiden, fallen in Europa unter das Gentechnikrecht. Das hat der Europäische Gerichtshof entschieden.
Gentechnisch veränderter Maiskolben (Symbolbild, Archiv)

Gentechnisch veränderter Maiskolben (Symbolbild, Archiv)

Foto: Patrick Pleul/ dpa

Der Europäische Gerichtshof (EuGH) blockiert in einem Grundsatzurteil den Weg für den breiten Einsatz eines Gentechnikverfahrens, mit dem sich Pflanzen erzeugen lassen, die Züchtungen ähneln. Mit der sogenannten Mutagenesetechnologie manipulierte Pflanzensorten gelten rechtlich als gentechnisch verändert, wie der Luxemburger EuGH mitteilte .

In der Folge müssten die auf diesem Wege bearbeiteten Pflanzen auch als "gentechnisch veränderte Organismen" (GVO) gekennzeichnet werden. Die EU macht in dem Bereich strenge Auflagen. Die Pflanzen müssen umfassend geprüft werden, bevor sie in den Verkehr gebracht werden dürfen und im Supermarkt gekennzeichnet werden.

Konkret dreht sich der Fall um die sogenannte Genscheren- oder Mutagenesetechnologie, mit der das Erbgut von Pflanzen schneller und gezielter verändert werden kann als bisher. Geklagt hatte ein gentechnikkritischer französischer Bauernverband. Ein französisches Gericht bat daraufhin das EuGH um Hilfe und wollte wissen, wie die europäischen Regeln zur Gentechnik auf bestimmte neue Verfahren anzuwenden sind.

Keine fremde DNA im Erbgut

In der entsprechenden EU-Richtlinie aus dem Jahr 2001 sind gentechnisch veränderte Organismen (GVOs) definiert als Organismen, deren genetisches Material so verändert worden ist, wie es auf natürliche Weise nicht möglich ist. Ältere Mutageneseverfahren, die als sicher gelten, sind von den strengen GVO-Regeln ausgenommen. Dabei werden Änderungen im Erbgut erreicht, ohne dass fremde DNA eingefügt wird.

Auch die neuen Genscheren können eingesetzt werden, ohne, dass Fremd-DNA zum Einsatz kommt. Die Richter kamen dennoch zu dem Schluss, dass mit den neuen Mutageneseverfahren erzeugte Produkte größere Risiken aufweisen als Züchtungen und sie deshalb genau geprüft werden müssten.

Veränderung wie in der Natur

Die Veränderung der Pflanzen erfolgt, indem die Genscheren DNA zielgerichtet an einer bestimmten Stelle schneiden. Diesen Schaden versuchen zelleigene Reparaturmechanismen zu beheben. Dabei kann es allerdings zu Fehlern kommen, sodass Mutationen im Erbgut entstehen, die schließlich die Eigenschaften der Pflanze verändern.

DNA-Brüche und die zugehörige Genreparatur kommen auf Feldern und Wiesen jeden Tag ganz natürlich vor. Sie sind auch die Grundlage der Evolution und die Basis für Züchter, um neue Sorten zu entwickeln. Im Vorfeld hatten Beobachter deshalb damit gerechnet, dass der EuGH die Pflanzen als nicht gentechnisch verändert einstufen würde (mehr zu den Hintergründen lesen Sie hier).

Entsprechend schockiert reagierten Wissenschaftler in Europa auf das Urteil: Der Präsident der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina, Jörg Hacker, sagte: "Das EuGH-Urteil weist in eine andere Richtung als diejenige, welche die Leopoldina und zahlreiche andere Forschungsinstitutionen seit langem vorgeschlagen haben." Demnach solle nicht das Züchtungsverfahren für den Gesetzgeber ausschlaggebend sein, sondern das Produkt.

Methoden wie die Genschere Crispr gelten als besonders günstig und effizient. Kritiker forderten im Vorfeld des Urteils, dass für solche Verfahren ausnahmslos die GVO-Regeln gelten und berufen sich auf das Vorsorgeprinzip, nach dem Schäden für die Umwelt im Voraus vermieden werden sollen.

Der Generalanwalt des EuGH, Michal Bobek, hatte diese Argumentation allerdings abgelehnt, weil es dazu konkreter Hinweise auf ein Risiko bedürfe. Diese gebe es aber nicht, argumentierte er.

Der Deutsche Bauernverband fürchtete im Vorfeld, dass im Agrarbereich wichtige Züchtungsoptionen fehlen, wenn die Verfahren streng reguliert würden.

jme//AFP/Reuters/dpa
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