Julia Merlot

Entscheidung des EuGH zu Gentechnik Abschied von den Fakten

Der Europäische Gerichtshof hat entschieden, dass gentechnisch veränderte Pflanzen streng reguliert werden müssen, auch wenn sie sich nicht von Züchtungen unterscheiden. Ein trauriger Tag für alle, die Fakten vertrauen.
Getreidefeld in Schönefeld (Archiv)

Getreidefeld in Schönefeld (Archiv)

Foto: Paul Zinken/ dpa

Die Angst vor Gentechnik ist groß in Europa. Zuletzt hielten in einer Umfrage des Bundesumweltministeriums fast 80 Prozent ein Verbot in der Landwirtschaft für "sehr wichtig" oder "eher wichtig". Nun hat der Europäische Gerichtshof (EuGH) entschieden, dass selbst gentechnisch veränderte Pflanzen, die man nicht von Züchtungen unterscheiden kann, streng reguliert werden müssen .

Geklagt hatte eine Gruppe gentechnikkritischer Organisationen in Frankreich unter Berufung auf das Vorsorgeprinzip, nach dem Schäden für den Menschen und die Umwelt im Voraus vermieden werden sollen. Auch zahlreiche deutsche Interessensgruppen hatten daraufhin Ängste gegenüber der Technik geschürt.

Demnach dürfte das Urteil nun viele Menschen freuen. Tatsächlich ist es aber ein trauriger Tag für Europa. Es ist das Ende faktenbasierter Entscheidungen durch das oberste europäische Gericht. Die Entscheidung öffnet Faktenleugnern in allen Bereichen Tür und Tor.

Wenn wissenschaftliche Ergebnisse im Hinblick auf Gentechnik nichts wert sind, warum sollte man sich dann etwa beim Klimawandel danach richten? Oder in der Medizin? Oder beim Brückenbau?

Wie unterscheiden sich alte und neue Gentechnik?

Vor der Entwicklung neuer Genscheren wie Crispr war Gentechnik mit größeren Eingriffen ins Erbgut verbunden. Ganze Gene wurden entfernt oder stillgelegt sowie zum Teil artfremde Informationen eingebaut. Der Eingriff hinterließ stets Spuren in der Zelle, sodass die Organismen eindeutig als gentechnisch verändert zu erkennen waren.

Mit den neuen Genscheren ist das anders. Zwar lassen sich mit ihnen ebenfalls fremde Gene ins Erbgut einbauen. Es ist aber auch möglich, dass die Schere das Erbgut nur schneidet. Die Zelle versucht diesen Schnitt dann zu reparieren, wobei Fehler entstehen. Solche Mutationen kommen auch natürlich in Pflanzen vor, nur dass hier keine Schere die DNA schneidet, sondern zum Beispiel Sonnenstrahlen.

Weil Genscheren keine Spuren im Erbgut hinterlassen, unterscheiden sich mit ihnen behandelte Pflanzen schließlich nicht von natürlich mutierten oder gezüchteten Exemplaren.

In der Züchtung sind die Mutationen erlaubt

Die Faktenlage ist klar - und anders als vom EuGH dargestellt  und von einem Großteil der Bevölkerung befürchtet. Die Pflanzen, um die es geht, bergen keine größere Gefahr für Mensch und Umwelt als jeder herkömmliche Mais, Raps oder Apfel. Sie mutieren letztlich durch den gleichen - im Übrigen natürlichen - Mechanismus wie Züchtungen und sind deshalb auch nicht von diesen unterscheidbar.

Der einzige Unterschied besteht darin, dass bei der neuen Gentechnik gezielte Schnitte im Erbgut Ausgangspunkt für die Genveränderung sind. Auch Züchtungen basieren auf solchen Schnitten. Dort entstehen sie entweder natürlich, etwa durch Sonnenstrahlen, oder völlig unkontrolliert und in großer Menge durch andere Hilfsmittel. Dabei ist viel erlaubt:

  • Pflanzen dürfen radioaktiv bestrahlt werden - keine Gentechnik.
  • Genmutationen dürfen mithilfe von Chemikalien erzeugt werden - keine Gentechnik.

Der EuGH hält das für vertretbar. Die Zuchtmethoden hätten sich schließlich bereits als sicher erwiesen, so das Gericht. Böse formuliert: Ohne dass wir es merken, landen so jeden Tag radioaktiv manipulierte Pflanzen auf unserem Teller, ohne Sicherheitsprüfung in der Natur. Umwelt- und Verbraucherschützer interessiert das komischerweise überhaupt nicht.

Dabei fragt man sich: Warum sollten Pflanzen, deren Erbgut mit der neuen Technik kontrolliert verändert wird, gefährlicher sein, als mit Strahlung und Chemikalien behandelte Züchtungen? Es gibt schlichtweg keinen Grund.

Gentechnisch veränderte Pflanzen sind sicher, seit 20 Jahren

Selbst bei gentechnisch veränderten Pflanzen, denen fremde Gene eingesetzt werden, kommen führende Wissenschaftsorganisationen weltweit zu dem Schluss, dass sie sicher sind. Darunter befinden sich unter anderem die Weltgesundheitsorganisation (WHO) , die weltweit größte Wissenschaftsorganisation AAAS  und die American Medical Association . Mehr als hundert Nobelpreisträger fordern Gentechnik-Kritiker auf, ihren grundsätzlichen Widerstand gegen jegliche Form der Gentechnik aufzugeben.

Natürlich muss man deshalb nicht alles, was mit Gentechnik möglich ist, richtig und sinnvoll finden. Und Gentechnik wird auch nicht alle Probleme der Landwirtschaft lösen. In Anbetracht der Faktenlage ist aber anzuerkennen: Gentechnik ist per se nicht gefährlich. Statt sie in jeglicher Ausführung zu verteufeln, wären Entscheidungen anhand der konkreten Eigenschaften von Pflanzen sinnvoll.

So ließen sich etwa Pflanzen entwickeln, die mit geringerem Pestizideinsatz angebaut werden können. Mit ihnen könnte Deutschland den Umweltschutz voranbringen. Das Themenfeld wäre für Forschungsinstitute und mittelständische Pflanzenzüchter interessant. Warum aber sollten die sich die Arbeit machen, wenn davon auszugehen ist, dass die Produkte in Europa wegen der strengen Vorgaben und der allgemeinen Angststimmung nie angewendet werden?

Statt das Potenzial der Technik endlich zu nutzen, wird das neue Urteil nun weiter Ängste schüren, denn was streng reguliert ist, muss gefährlich sein. Und es lässt einen Schluss zu: Wer am lautesten schreit, bekommt recht. So ist das politische Klima heute. Inzwischen lassen sich selbst Gerichte davon beeindrucken.

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