Domestizierung Wie der Wolf zum Hund wurde

Stammt er aus Europa oder doch aus Asien? Forscher diskutieren schon lange über die Domestizierung des Hundes. Nun gibt es einen neuen Beitrag zur Debatte.

Ein Husky neben einem ausgestopften Wolf (r.)
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Ein Husky neben einem ausgestopften Wolf (r.)


Heute gilt der Hund als der beste Freund des Menschen - soviel ist sicher. Vermutlich haben Jäger und Sammler irgendwann damit begonnen, Wölfe zu zähmen und so den Beginn der Entwicklung zum Hund eingeleitet. Doch unklar war bisher, wo diese Freundschaft begann. Darüber diskutieren Forscher schon lange.

Der bislang letzte Beitrag stammte von Wissenschaftlern der britischen Universität Oxford, sie sind der Meinung: Der Hund wurde an zwei Orten unabhängig von einander domestiziert - sowohl in Europa als auch in Ostasien. Eine neue Arbeit, an der auch Forscher der Universitäten in Mainz und Bamberg beteiligt waren, hält nun dagegen: Vorfahren aus nur einer Weltregion haben den Wolf gezähmt - und damit zum Hund gemacht. Bereits zuvor hatten Wissenschaftler um den Evolutionsgenetiker Olaf Thalmann behauptet: Der Hund stammt aus Europa und wurde damit an nur einem Ort gezähmt.

Der neuen Untersuchung zufolge lief der Übergang vom Wolf zum Hund vor 20.000 bis 40.000 Jahren ab, das geht aus einer genetischen Analyse imFachblatt "Nature Communications" hervor. Auch dieses Ergebnis unterscheidet sich von den vorigen. Denn ältere Studien gingen für diesen Vorgang vom Zeitraum von 19.000 bis 32.000 Jahren aus.

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Wo genau in Asien und Europa der Übergang vom Wolf zum Hund stattgefunden hat, konnten die Forscher allerdings nicht herausfinden - nur, dass es "in einem Landstrich, in einer Region war", sagt die Mainzer Forscherin Amelie Scheu.

Die Arbeit nahm DNA mehrerer Hunde aus der Jungsteinzeit unter die Lupe. Unter anderem sequenzierten die Forscher das Erbgut eines Hundes, der vor 7000 Jahren lebte und dessen Überreste bei Herxheim in Rheinland-Pfalz gefunden wurden. Auch 4700 Jahre alte Überreste eines Tieres aus der Kirschbaumhöhle in Oberfranken flossen in die Untersuchung ein. Zudem wurden die Daten eines 5000 Jahre alten Hundes aus Irland berücksichtigt.

Es zeigten sich große Übereinstimmungen der prähistorischen Hunde mit heute lebenden Tieren, schreiben die Forscher. "Wir schließen auf eine kontinuierliche Hundepopulation von der Jungsteinzeit bis zu heutigen Rassehunden", sagte Scheu. Zwar sähen Chihuahuas oder Deutsche Doggen sicherlich ganz anders aus als ihre Vorfahren vor Tausenden von Jahren. "Aber genetisch sind sie überraschend ähnlich."

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Die Forscher sequenzierten das komplette Genom der Hunde. Darin liege der große Unterschied zu älteren Studien, sagte der Evolutionsgenetiker Thalmann, der nicht an der Untersuchung beteiligt war. Er und seine Kollegen untersuchten vor vier Jahren mitochondriale DNA von Hunden, die viel weniger genetische Informationen enthält. "Die Aussagekraft ist um ein Vielfaches höher, wenn man nicht nur einen Datenpunkt hat, sondern sehr viele Punkte", sagte Thalmann.

Um die Zähmung geografisch und zeitlich weiter einzugrenzen, sei die Sequenzierung der Genome weiterer prähistorischer Funde aus Eurasien nötig, heißt es in der aktuellen Studie. Thalmann ergänzt, die neuen Erkenntnisse seien ein "großer Fortschritt" - dennoch aber nur ein kleiner Teil im großen Mosaik der Hundedomestizierung. "Wir sind noch weit davon entfernt, die ganze Komplexität zu verstehen."

Etwas weiter ist die Forschung bei Katzen: Erst kürzlich hatte ein DNA-Untersuchung gezeigt, dass die Tiere wohl in zwei Wellen gezähmt wurden. Die ersten Tiere gelangten aus dem Gebiet der heutigen Türkei vor 4400 Jahren vor Christus nach Südosteuropa. Im ersten Jahrtausend vor Christus kam dann eine weitere genetische Linie hinzu. So breiteten sich während des Römischen Reichs domestizierte Katzen aus dem Alten Ägypten aus. Sie erreichten Nordeuropa entlang der Handelsrouten im Mittelmeerraum. Heute findet sich das Genmaterial beider Linien in unseren Hauskatzen.

joe/dpa



insgesamt 18 Beiträge
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Brillalein 18.07.2017
1. Hmmmm.
Die haben also nur quasi europisches Material sequenziert. Und schließen daraus auf Hunde in China? Und machen damit nur eine Domestikationswelle fest? Für EUROPA mag das stimmen. Aber eben NUR für Europa. Nicht aber für Fernost.
frankvt 19.07.2017
2. Wer hat wen domestiziert?
Immer schön, Viertel-wissenschaftliche Beiträge zu lesen. Neue Ergebnisse, gut, wichtig vorzustellen, aber wie sieht es mit den Kenntnissen drum herum aus? Gerade beim Haushund handelt es sich um keinen klaren Fall menschlicher Domestication, was das wirklich spannende am Thema ist. Die Ursprünge der Abwandlung vom freien Wolf zum abhängigen Hund waren vielleicht gar nicht gezielt vom Menschen gesteuert, wie später beim Pekinesen oder Boxer oder oder. Was hat aus dem Wolf einen Gefährten des Menschen gemacht? Vor so langer Zeit, als Mensch ziemlich sicher noch nicht an Domestication gedacht hat. Tiefer gehende Gedanken / Kenntnisse würden der Spiegelredaktion gut tun. Oder das Resort Wissenschaft streichen. Da kann man ja dann gleich Boulevard lesen.
Miere 19.07.2017
3. Das sehe ich wie Brillalein.
Zumal Hunde jederzeit mit Wölfen gekreuzt werden können und konnten. Selbst angenommen, man hätte zuerst oder nur in Europa Wölfe gezähmt und zu Hunden gezüchtet, muss sich ja das Hundehalten über die ganze Welt ausgebreitet haben, und auf dem Weg von Europa über Ostasien nach Amerika, oder über Südasien nach Australien, oder durch den Mittleren Osten nach Afrika, können unterwegs immer wieder Wölfe eingekreuzt worden sein. Das würde ich jedenfalls erwarten. In eine Studie zur Herkunft des Hundes gehören auf jeden Fall auch Dingos, traditionelle mexikanische Rassen, und so weiter, soweit man davon alte Funde auftreiben kann.
Tiananmen 19.07.2017
4. Tja...
Der Einwand, dass hier nur Europäer untersucht wurden, drängt sich beim Lesen dieses Artikels auf und scheint berechtigt. Zudem sind das alles sozusagen "junge" Hünde. Dass die Domestikation bei ostasiatischen Tieren bis zu 40.000 Jahren zurückreichen soll, ist übrigens ganz sicher keine neue Aussage. Ich erinnere mich, das schon vor Jahren gelesen zu haben. Wenn ich mich nicht täusche, wurde als Ursprung eine Schakalart genannt. Ich bin kein Genetiker, aber ich kann mir vorstellen, dass bei einer so weit zurückreichenden Abstammungslinie die untersuchten Hunde bereits deshalb genetisch identisch waren.
Tiananmen 19.07.2017
5. Sie verwechseln da ziemlich viel...
Zitat von frankvtImmer schön, Viertel-wissenschaftliche Beiträge zu lesen. Neue Ergebnisse, gut, wichtig vorzustellen, aber wie sieht es mit den Kenntnissen drum herum aus? Gerade beim Haushund handelt es sich um keinen klaren Fall menschlicher Domestication, was das wirklich spannende am Thema ist. Die Ursprünge der Abwandlung vom freien Wolf zum abhängigen Hund waren vielleicht gar nicht gezielt vom Menschen gesteuert, wie später beim Pekinesen oder Boxer oder oder. Was hat aus dem Wolf einen Gefährten des Menschen gemacht? Vor so langer Zeit, als Mensch ziemlich sicher noch nicht an Domestication gedacht hat. Tiefer gehende Gedanken / Kenntnisse würden der Spiegelredaktion gut tun. Oder das Resort Wissenschaft streichen. Da kann man ja dann gleich Boulevard lesen.
Sie verwechseln da ziemlich viel. Nämlich zum Beispiel Domestikation und Zucht. Und ich bin sicher, dass vor 40.000 Jahren kein Homo wasauchimmerSapiensoderDenisova sich überlegt hat: heute ist ein schöner Tag, Wind ca. 5 km/h, Niederschlagswahrscheinlichkeit unter 10% und angenehme 25° C, also gehe ich hin und domestiziere einen Wolf, weil mir nach Hund ist. Wolf/Schakal wurde aufgrund seiner natürlichen Lebensweise zum treuesten Begleiter der Menschen. Einfach, weil er lernte, dass bei den umherziehenden Jägern (kein Kühlschrank, keine Mülleimer) immer mal wieder was zu holen war, einfacher und zuverlässiger als beim eigenständigen Jagen oder der Aas-Suche. Und sicher haben die (menschlichen) Jäger geschätzt, dass Jungtiere, die sie aufzogen, als Wächter gut zu gebrauchen waren. Auf Neudeutsch bezeichnet man das als eine Win-Win-Situation. Noch etwas, was Sie verwechseln: die Redaktion des SPON muss sich dazu keine "tiefer gehenden Gedanken" machen, sie berichtet lediglich über wissenschaftliche Artikel. Und über die Kenntnisse: wer im Blechhaus sitzt, soll nicht mit Büchsenöffnern werfen oder wie das heißt ;- )
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