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15. Februar 2009, 19:42 Uhr

Evolutionslehre

Die kruden Thesen deutscher Anti-Darwinisten

200 Jahre Darwin - und noch immer wehren sich Kreationisten, Öko-Esoteriker, Homöopathen gegen die Evolutionstheorie, auch in Deutschland. Ulrich Kutschera erklärt, wie Pseudowissenschaftler die Erkenntnisse des genialen Biologen missdeuten.

Vor zehn Jahren wurde der 1998 veröffentlichte Videofilm des Berliner Produzenten Fritz Poppenberg mit dem Titel "Hat die Bibel doch Recht? Der Evolutionstheorie fehlen die Beweise" mit dem so genannten "KEP-Medienpreis Goldener Kompass" ausgezeichnet. Die Laudatio auf diesen "Dokumentarfilm" hielt der bibeltreue Mathematiker John Lennox von der britischen Oxford University.

Wachsfigur des jungen Darwin (in Lissabonner Ausstellung): Wissen und Glauben immer strikt trennen
REUTERS

Wachsfigur des jungen Darwin (in Lissabonner Ausstellung): Wissen und Glauben immer strikt trennen

In dieser Produktion behaupten die beiden Intelligent-Design-Kreationisten Wolf-Ekkehard Lönnig vom Kölner Max-Planck-Institut für Züchtungsforschung und Siegfried Scherer von der TU München, die in ihren staatlich finanzierten Elite-Biodepartements gefilmt wurden, dass es bis heute keine Beweise für Darwins Theorien zum Artenwandel und die Makroevolution gäbe. Aus dieser Falschaussage wird dann die Schlussfolgerung gezogen, dass eine intelligente Macht (also der biblische Gott beziehungsweise Designer) die Arten erschaffen habe.

In einem Filmabschnitt werden Konzentrationslager und dort inhaftierte Juden gezeigt und diese Verbrechen gegen die Menschlichkeit auf Charles Darwins Deszendenztheorie sowie die Schriften von Ernst Haeckel zurückgeführt. Noch im Darwin-Jahr 2009 steht dieses didaktisch geschickt produzierte Machwerk, das inzwischen als mehrsprachige DVD lieferbar ist, in Poppenbergs "Verkaufs-Hitliste" auf Platz 2 - Kreationismus Made in Germany ist noch immer ein Exportschlager gewisser deutscher "Kulturschaffender". Es sei an dieser Stelle erwähnt, dass die im Film beworbene Kreationisten-Fibel "Evolution - ein kritisches Lehrbuch" von Reinhard Junker und Siegfried Scherer noch in diesem Jahr in einer 7. Auflage erscheinen soll.

Die interdisziplinäre Anti-Darwin-Bewegung 2009

"Der beste Film über Intelligent Design, den ich gesehen habe" - mit diesen Worten zitierte Poppenberg jüngst Professor Hartmut Ising, um unter der Rubrik "Darwin-Jahr" für einen neuen Film zu werben. Mit derartigen titelgeschmückten Sprüchen wird Seriosität vorgetäuscht und einem Laienpublikum das Dogma des Intelligent Design, das schon Charles Darwin (1809 - 1882) im Jahr 1859 widerlegt hat, als moderne wissenschaftliche Theorie verkauft.

Zwar sind Lönnig und Scherer, Poppenbergs Kronzeugen des ID-Kreationismus, infolge einer kontinuierlichen Aufklärungsarbeit der Arbeitsgemeinschaft Evolutionsbiologie im Deutschen Biologenverband in den letzten Jahren nicht mehr in Kreationisten-Filmen aufgetreten. Aber die Neuproduktion mit dem Titel "Dem Geheimnis des Lebens nahe" belegt, dass die deutsche Anti-Darwin-Kampagne noch immer zahlreiche Anhänger findet. Aktuelle Buch-Bestseller eines phantasiebegabten Bauingenieurs und eines esoterisch angehauchten Mediziners mit Titeln wie "Darwins Irrtum" beziehungsweise "Abschied vom Darwinismus", in denen der britische Naturforscher für das Böse in der Welt verantwortlich gemacht wird, unterstützen die derzeitige interdisziplinäre Anti-Evo-Bewegung.

Von Darwin und Haeckel zum Oxymoron "Sozial-Darwinismus"

Einen Tag nachdem Poppenbergs Firma "Drei Linden Film" ihre Neuproduktion angekündigt hatte, lief auf dem ZDF-Bildungskanal "3sat/nano extra" ein Beitrag, der teilweise an das eingangs zitierte Kreationisten-Video erinnerte. In dieser durchaus informativen 45-Minuten-Sendung, die am 15. Januar 2009 unter dem Titel "Darwins langer Schatten" ausgestrahlt wurde, wird die These verbreitet, Ernst Haeckel sei "zur Verbindung von Darwin und den Nazis" geworden.

Ähnlich wie in Poppenbergs Hitlisten-Video aus dem Jahr 1998 wurde auch hier dem Zuschauer suggeriert, es gäbe eine direkte Verbindung zwischen Charles Darwins völlig unpolitischer Abstammungslehre über Ernst Haeckels Schriften hin zur Rassenideologie der Nationalsozialisten. Dieser konstruierte Zusammenhang wurde durch Interviews mit zwei Geisteswissenschaftlern, einem Sozialethiker und einem Soziologen unterfüttert. Ein renommierter Biologe und Wissenschaftshistoriker aus dem Haeckel-Haus in Jena, der zur dargestellten Thematik gehaltvolle Werke publiziert hat [1, 2], durfte ergänzende Sätze beisteuern.

In diesen Darstellungen fehlte allerdings eine wichtige Sachinformation. Ein zentraler Punkt der NS-Ideologie war bekanntlich der Antisemitismus. Weder in den Werken Darwins noch in den Schriften Haeckels finden sich judenfeindliche Sätze. Darwin hat sich ab 1860 in Briefen über die deutsche Falschübersetzung seines Begriffs "Struggle for Life" als "Kampf ums Dasein" beschwert und darauf hingewiesen, dass es bei diesem Wettbewerb im Hinterlassen von Nachkommen einerseits um die Konkurrenz um begrenzte Ressourcen geht, andererseits aber auch die Kooperation eine zentrale Rolle spielt.

So ist beispielsweise in Darwins "Kampf ums Dasein" die wenig aggressive Pflanzenwelt eingeschlossen, aber auch der Eltern-Altruismus (etwa die Jungenfütterung) als eine Methode zur Sicherung des Lebenszeit-Fortpflanzungserfolgs hervorgehoben. Bei Ernst Haeckel (1834 bis 1919) - der im Gegensatz zu Darwin durchaus problematische Thesen zur menschlichen Gesellschaft publiziert hat, die zum Teil in der Tat von Nazi-Ideologen vereinnahmt wurden - stehen in den entsprechenden Stammbäumen die Semiten (und somit Juden) auf derselben "hohen Stufe" wie die Arier [2, 4]. Antisemitische Passagen und Parolen konnte ich in Haeckels Werken nicht finden.

Bedenken wir weiterhin, dass sich die Nazis in ihren Hauptschriften weder auf Darwin noch auf Haeckel berufen und in den dreißiger Jahren sogar Haeckels Monistenbund verboten haben, so erscheint die These von "Darwins langem politischen Schatten" mehr als fragwürdig [1, 2, 3, 4]. Der nach 1900 populär gewordene Begriff Sozialdarwinismus ist, nebenbei bemerkt, eine in sich widersprüchliche Wortkombination, über die Darwin entsetzt gewesen wäre. Eine Politisierung seiner aus Beobachtungen an Pflanzen und Tieren abgeleiteten Theorie der Deszendenz mit Modifikation durch natürliche Selektion hat er ausdrücklich abgelehnt.

Darwins Artenbuch und die naturalistische Evolutionsbiologie

In populären Artikeln, den Schriften der eingangs erwähnten ID-Kreationisten und Schulbüchern wird noch immer die These vermittelt, die 1942 von Julian Huxley (1887 bis 1975) etablierte Wissenschaftsdisziplin Evolutionsbiologie sei nichts anderes als eine "Ein-Mann-Ideologie" aus dem 19. Jahrhundert - sie wird oft mit dem Schlagwort "Darwinismus" gleichgesetzt. Der Begriff hat aber zwei verschiedene Bedeutungen. Im weiteren Sinne umfasst er alle Hauptaussagen in Darwins "Artenbuch" (On the Origin of Species, 1859; 6. Auflage 1872) und steht somit für fünf logisch separate theoretische Konzepte [5, 6].

Im engeren Sinne ist der "Darwinismus" ein veraltetes Synonym für das Konzept der natürlichen Selektion, das heißt Darwins fünfte und wichtigste Theorie. Evolutionsbiologen sprechen heute allerdings nicht mehr vom "Darwinismus", sondern vom Darwin-Wallace-Prinzip der natürlichen Selektion. Darwins fünf Artenbuch-Theorien wurden um 1900 von August Weismann zum Neo-Darwinismus weiterentwickelt, aus dem dann zwischen 1930 und 1950 die Synthetische Theorie der biologischen Evolution hervorgegangen ist [1,3,5,6 ].

Seit dem Jahr 2000 liegt die Erweiterte Synthetische Theorie vor, ein Synonym für die interdisziplinäre Wissenschaftsdisziplin Evolutionsbiologie [5, 6]. Die modernen Evolutionary Sciences sind somit als ein System verschiedener Theorien aus den Bio- und Geo-Wissenschaften zu verstehen, die den realhistorischen Prozess der Evolution der Organismen, der stattgefunden hat und andauert, erhellen und erklären, auch wenn noch viele Fragen offen sind.

Bis wohin erstreckt sich heute Darwins langer naturwissenschaftlicher Schatten?

Der geniale Universalbiologe und Geologe hatte mit seinem Artenbuch nicht nur die klassische Evolutionsforschung etabliert, sondern in weniger bekannten Werken auch die Systematik, Tierpsychologie, Bodenbiologie, Entwicklungsphysiologie der Pflanzen, Blütenbiologie und andere Teilgebiete der Life Sciences mitbegründet - sein langer Schatten ist dort überall noch erkennbar [6].

Darwins größter Verdienst ist aber meiner Ansicht nach in seinem philosophischen Imperativ zu sehen, der sinngemäß wie folgt umschrieben werden kann: Die auf Fakten basierenden Naturwissenschaften müssen von religiös-esoterischen, nicht überprüfbaren Glaubensinhalten frei gehalten werden. Würde diese von Darwin vor 150 Jahren geforderte strikte Trennung von Wissen und Glauben heute zur Allgemeinbildung gehören, so hätten die eingangs beschriebenen ID-Kreationisten, wie auch die Öko-Esoteriker, Homöopathen und andere Pseudowissenschaftler, nicht noch immer gläubige Anhänger. Wir können auch heute noch viel vom 200 Jahre alten Geburtstagskind Charles Darwin lernen!


[1] Junker, T., Hoßfeld, U. (2001) Die Entdeckung der Evolution. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt.
[2] Hoßfeld, U. (2005) Geschichte der biologischen Anthropologie in Deutschland. Franz Steiner Verlag, Stuttgart.
[3] Junker, T. (2004) Die zweite Darwinsche Revolution. Geschichte des Synthetischen Darwinismus in Deutschland 1924 bis 1950. Basilisken-Presse, Marburg.
[4] Kutschera, U. (2007) Streitpunkt Evolution. Darwinismus und Intelligentes Design. 2. Auflage. Lit-Verlag, Münster.
[5] Kutschera, U. (2008) Evolutionsbiologie. 3. Auflage. Verlag Eugen Ulmer, Stuttgart.
[6] Kutschera, U. (2009) Tatsache Evolution. Was Darwin nicht wissen konnte. Deutscher Taschenbuch Verlag, München.

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