Explodierte Bohrinsel Erdöl verseucht Louisianas Feuchtgebiete

Die Ölpest im Golf von Mexiko wird für Louisiana zum Alptraum: Erstmals wurden an der Küste des US-Bundesstaats große Mengen Öl gefunden - ausgerechnet in sensiblen Feuchtgebieten. Dem Ökosystem und der Fischereiindustrie droht eine Katastrophe.


Venice - "Wir alle haben uns vor diesem Tag gefürchtet", sagte Bobby Jindal. Jetzt musste der Gouverneur von Louisiana bekanntgeben, dass erstmals größere Ölmengen an den Küsten seines Bundesstaats angeschwemmt wurden. Es handele sich dabei nicht etwa um einen dünnen Ölfilm oder Teerklumpen. "Es ist eine große Ölmenge in unseren Feuchtgebieten", so Jindal. Und es müsse damit gerechnet werden, dass noch mehr braune Masse angespült werde. Das Öl stammt aus dem Bohrloch der BP-Förderplattform "Deepwater Horizon", die vor rund einem Monat explodiert war.

Das Marschland ist für seinen Artenreichtum bekannt und schützt die Küste vor Erosion. Darüber hinaus ist es eine wichtige Einnahmequelle: Hier werden Garnelen, Muscheln, Krabben und Fische gezüchtet, die Louisiana zu einem führenden Produzenten von Meeresfrüchten in den USA gemacht haben.

Das Erdöl in den Feuchtgebieten an der Südspitze des US-Staats beweise, dass die Behörden kaum eine Ahnung hätten, wo sich das unter der Wasseroberfläche treibende Öl befinde, kritisierte der Meeresbiologe Rick Steiner. "Ich bin mir sicher, dass eine große Menge des ausgetretenen Öls nie die Wasseroberfläche erreicht hat und dass die Regierung die Wolken unter Wasser nicht orten kann." Steiner ist emeritierter Professor der University of Alaska. Er hatte zuletzt eine Woche lang die Lage am Golf von Mexiko begutachtet.

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Golf von Mexiko: Öl erreicht Küste Louisianas
Mit seiner Einschätzung steht Steiner nicht allein. Andere Forscher haben Anfang der Woche in den Tiefen des Golfs von Mexiko Ölwolken entdeckt, die bis zu 16 Kilometer lang, sechs Kilometer breit und hundert Meter hoch waren. "Es gibt eine schockierende Menge Öl im tieferen Wasser", sagte Samantha Joye von der University of Georgia. Drei, vier, stellenweise sogar fünf Schichten von Ölverbindungen haben die Wissenschaftler zwischen Wasseroberfläche und Meeresgrund gefunden.

"Deepwater Horizon" - Protokoll einer Katastrophe

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Von den ersten Sicherheitsbedenken bis zur Öl-Katastrophe - SPIEGEL ONLINE rekonstruiert das Desaster um die Bohrplattform "Deepwater Horizon".

Interaktive Zeitleiste: Zwölf Jahre bis zum Untergang - das Drama im Golf von Mexiko...

Seit dem Untergang der "Deepwater Horizon" strömen jeden Tag Hunderttausende Liter Öl ins Meer. Der Ölmulti BP teilte zwar mit, er pumpe mittlerweile 3000 der rund 5000 Barrel Öl ab, die täglich aus dem leckgeschlagenen Bohrloch austräten. Das entspricht etwa 500.000 von 800.000 Litern. Doch Experten fürchten, dass pro Tag weit mehr Öl aus den zwei Lecks in 1500 Meter Tiefe austritt als von BP angegeben.

US-Behörden reden mit Kuba über Bekämpfung der Ölpest

Zudem räumte der US-Küstenwachenchef Thad Allen ein, dass die Eindämmung der Ölpest ungleich schwieriger verläuft als bei anderen Unglücken dieser Art. Es handle sich nicht um einen einzigen Ölteppich, der ständig größer werde. Vielmehr verteile sich das Öl unregelmäßig. "Im Grunde genommen versuchen wir, die ganze Küste auf einmal zu schützen", sagte Allen, der von US-Präsident Barack Obama als oberster Krisenmanager eingesetzt worden war, bei einer Anhörung vor dem US-Senat.

Am Dienstag wurde bekannt, dass das Öl inzwischen den sogenannten Loop Current erreicht hat - eine Meeresströmung, die die schädliche Brühe weit verbreiten könnte. Die Wassermassen strömen zuerst mit Macht nach Norden, vor dem Mississippi-Delta schlagen sie dann einen Haken im Uhrzeigersinn, um später erst nach Osten und dann schließlich wieder nach Norden zu wirbeln. Dieses mächtige marine Transportband dürfte nun auch Öl in bisher unbehelligte Küstenbereiche auf Kuba und im US-Bundesstaat Florida bringen.

Wie ernst die Lage ist, zeigt die Tatsache, dass die USA inzwischen mit Kuba über eine Kooperation bei der Bewältigung der Ölpest sprechen. Wie ein Beamter des US-Außenministeriums am Mittwoch sagte, gibt es Kontakte zwischen Vertretern beider Seiten auf der Ebene von Arbeitsgesprächen.

Für Florida hingegen gab die US-Küstenwache zunächst Entwarnung: Die kürzlich dort angespülten Teerklumpen stammten nicht aus der Ölquelle im Golf, wie Tests ergeben hätten. Die US-Wetter- und Ozeanbehörde NOAA teilte mit, dass das Öl wohl frühestens in zehn Tagen Florida erreichen werde. Die Experten hoffen, dass bis dahin große Teile des Öls im Meer abgebaut seien.

US-Innenminister Salazar räumt Mitschuld an Ölpest ein

BP-Ingenieure wollen frühestens am Wochenende einen ersten Versuch starten, das Bohrloch in 1500 Meter Tiere komplett zu schließen. Möglicherweise werde man auch bis Anfang kommender Woche warten, sagte BP-Manager Doug Suttles am Mittwoch. Bei der Methode, die Experten als "Top kill" bezeichnen, werden große Mengen schweren Schlamms unter hohem Druck in das Bohrloch gepresst. Anschließend soll die Quelle mit Zement endgültig abgedichtet werden.

Unterdessen hat US-Innenminister Ken Salazar eine Mitschuld der Regierung an der Ölpest eingeräumt. Sein Ministerium habe es versäumt, Tiefseebohrungen richtig zu überwachen und die Ölindustrie rechenschaftspflichtig zu machen, sagte er am Dienstag vor dem US-Kongress. Die ihm unterstellte Behörde für Mineralienförderung (MMS) werde nun in drei einzelne Organisationen zerteilt, solle mehr Kompetenzen erhalten, besser ausgestattet und unabhängiger werden, versprach er bei seinem ersten Auftritt als Zeuge seit der Explosion der "Deepwater Horizon" am 20. April.

mbe/Reuters/apn/dpa

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