Extremwetterkongress Die kommenden Katastrophen

Im Juli offenbarte sich die Wucht des Klimawandels bei der Flutkatastrophe im Ahrtal. Fachleute warnen nun vor Hitzewellen und mehr Starkregen in Deutschland. Und sie fordern Klimaschutz-Investitionen – sonst werde es teuer.
Die Zahl der Extremwetterereignisse in Deutschland wird weiter zunehmen

Die Zahl der Extremwetterereignisse in Deutschland wird weiter zunehmen

Foto: Boris Jordan / Getty Images

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Zehn Wochen nachdem Fluten und Schlammlawinen  in zwei deutschen Bundesländern ganze Ortschaften weggerissen haben, warnen Forscherinnen und Forscher: Die Zahl der Extremwetterereignisse in Deutschland nimmt zu. Flutkatastrophen wie die aus dem Juli 2021 werden wahrscheinlicher. Und sie werden häufiger.

Klimakrise

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Die Ursache dieser Katastrophen ist die Klimakrise, verursacht und vorangetrieben durch die Treibhausgasemissionen der Menschen.

In Hamburg findet derzeit der Extremwetterkongress 2021  statt. An diesem Freitag diskutieren führende Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, wie sich Extremwetterereignisse durch den Klimawandel verändern. Zum Auftakt der Tagung haben der Deutsche Wetterdienst und der Extremwetterkongress Hamburg zusammen ein Faktenpapier veröffentlicht: »Was wir heute über das Extremwetter in Deutschland wissen«  fasst den aktuellen Kenntnisstand zu Extremwetterereignissen in Deutschland zusammen.

Der Klimawandel verändert das Wetter in Deutschland

Die Fachleute halten darin fest: In Deutschland wird die Zahl einiger extremer Wetterereignisse wie Hitzewellen in Zukunft zunehmen: »Infolge der rasch fortschreitenden Erwärmung des Klimasystems gibt es inzwischen eine deutliche Zunahme extrem hoher Temperaturen, in einigen Gegenden Deutschlands sind lang anhaltende Phasen mit Tageshöchsttemperaturen von 30 Grad Celsius und darüber ein neues Phänomen«, heißt es in dem Bericht.

Andere Extremwetterereignisse, wie etwa strenge Fröste, würden hingegen seltener. Die Folgen dieser Entwicklung bewerten die Autorinnen und Autoren als »sehr gravierend«.

Und die Erderwärmung vollzieht sich in Deutschland schneller als in anderen Teilen der Welt: Seit Beginn der flächendeckenden Wetteraufzeichnungen 1881 ist die Temperatur nach Angaben des Deutschen Wetterdienstes um 1,6 Grad Celsius gestiegen – deutlich stärker als im weltweiten Durchschnitt. Das sei allerdings nicht verwunderlich, erklären die Autorinnen und Autoren, da sich Landregionen generell schneller erwärmten als Meeresregionen.

Das Tempo des Temperaturanstiegs habe in Deutschland in den vergangenen 50 Jahren deutlich zugenommen: Über die Zeitspanne zwischen den Jahren 1881 und 2020 gerechnet wurde es in Deutschland jedes Jahrzehnt 0,12 Grad Celsius wärmer. Doch in den vergangenen 50 Jahren, also seit 1971, lag die Erwärmungsrate bereits bei 0,38 Grad Celsius pro Dekade – mehr als der dreifache Wert.

Hitzerekorde fallen verlässlich jedes Jahrzehnt aufs Neue: Seit den Sechzigerjahren sei in Deutschland jedes Jahrzehnt deutlich wärmer gewesen als das vorherige. Das vergangene Jahrzehnt, 2011 bis 2020, sei im Schnitt zwei Grad Celsius wärmer gewesen als die ersten Jahrzehnte zu Beginn der Aufzeichnungen bis 1910. Neun der zehn wärmsten Jahre seit 1881 seien erst im neuen Jahrtausend aufgetreten.

Die Zahl der Hitzewellen hat in mehreren deutschen Städten sichtlich zugenommen.

Die Zahl der Hitzewellen hat in mehreren deutschen Städten sichtlich zugenommen.

Foto: DWD

Die Ursache ist für die Autorinnen und Autoren eindeutig: »Eine derart außergewöhnliche Häufung von Rekordjahren der Temperatur ist nur durch die menschengemachte globale Erwärmung erklärbar. Zufällige Schwankungen oder natürliche Einflüsse, wie Vulkane oder Schwankungen der Sonnenstrahlung, fallen als Erklärung für den weltweiten Temperaturanstieg aus«, schreiben sie.

Bis zu 20 zusätzliche heiße Tage in Süddeutschland

In vielen Regionen Deutschlands komme es seit den Neunzigerjahren zu einer »massiven Häufung von Hitzewellen«, heißt es in dem Bericht weiter. Bei ungebremstem Treibhausgasausstoß werde für den Zeitraum zwischen 2031 und 2060 eine weitere Zunahme um fünf bis zehn heiße Tage im Jahr in Norddeutschland und zehn bis zwanzig heiße Tage in Süddeutschland erwartet.

Die zunehmende Hitze hat Folgen: Das Waldbrandrisiko nimmt zu, die Böden sind teilweise viel zu trocken, die Pegel der Flüsse sinken so weit, dass Binnenschiffe nicht mehr fahren können.

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Starkregenereignisse könnten bedingt durch die Klimakrise ebenfalls häufiger werden. Für einen endgültigen Beleg gibt es dem Bericht zufolge bislang aber nicht genügend Daten. Radaraufzeichnungen aus den vergangenen 20 Jahren deuteten jedoch darauf hin, dass die Häufigkeit sogenannter Starkniederschlagsereignisse in einigen Regionen deutlich zunehmen.

Somit werden Katastrophen wie die aus dem Juli dieses Jahres wahrscheinlicher. An einem einzigen Tag waren in der Region um die Flüsse Ahr und Erft mehr als 90 Liter Regen pro Quadratmeter gefallen. Auch in Belgien verursachte Stark- und Dauerregen Überschwemmungen – und mindestens 220 Menschen starben.

In den rot und violett gefärbten Gebieten war die Niederschlagsmenge Mitte Juli besonders groß

In den rot und violett gefärbten Gebieten war die Niederschlagsmenge Mitte Juli besonders groß

Foto: DWD

Den Einfluss des Klimawandels auf die Flutkatastrophe in Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen hatte ein internationales Team von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern anschließend untersucht . Die Hauptschwerpunkte der Studie lagen dabei auf den zwei besonders von den extremen Regenfällen betroffenen Gebieten, den Regionen um die Flüsse Ahr und Erft, und der Region um den Fluss Maas in Belgien.

Das Ergebnis zeigte: Die Wahrscheinlichkeit, dass es zu ähnlich extremen Regenfällen kommt, erhöht sich durch den Klimawandel um das 1,2- bis 9-fache. Die Intensität dieser extremen Niederschläge habe – durch die menschengemachte globale Erwärmung – in der Region zwischen 3 und 19 Prozent zugenommen.

Die Schäden sind teuer

Auch die Zahl heftiger Gewitter nimmt zu. Angaben von Versicherungsgesellschaften zeigen: Die Summen, die für Schäden nach schweren Gewittern in Europa gezahlt werden, wachsen seit Jahrzehnten kontinuierlich an.

Das Kostenargument führt auch die Ökonomin Claudia Kemfert an, wenn sie für mehr Klimaschutz wirbt. Kemfert leitet die Abteilung Energie, Verkehr und Umwelt am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung in Berlin. Sie sagte dem SPIEGEL: »Die finanziellen Risiken des Klimawandels werden unterschätzt. Und sie nehmen weiter zu.«

Allein die Kosten für den Wiederaufbau in den Gebieten der Flutkatastrophe würden mit 30 Milliarden Euro beziffert, so Kemfert. »Wir müssen uns klarmachen: Klimawandel kostet, Klimaschutz spart Kosten. Jeder Euro, der in Klimaschutz investiert wird, spart 15 Euro, die sonst durch Klimaschäden verursacht werden«, sagt die Wirtschaftswissenschaftlerin.

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Und sie ruft dazu auf, die Risiken der Klimakrise ernst zu nehmen und sich darauf vorzubereiten. »Wir müssen uns leider darauf einstellen, dass Klimakatastrophen mehr werden. Schließlich erleben wir jetzt die Auswirkungen der vergangenen Jahrzehnte. Wir müssen unbedingt versuchen, einen weiteren exponentiellen Anstieg der Treibhausgasemissionen – und damit auch der Extremwetterereignisse – zu verhindern.«

»Nicht nur in Deutschland ist es vor allem die Zivilgesellschaft, die verstanden hat.«

Claudia Kemfert, Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung

Die Intensität der Katastrophe im Ahrtal habe selbst Klimaforscher und -forscherinnen überrascht, sagt Kemfert weiter und bezeichnet die Ereignisse aus dem Sommer als Weckruf: »In dem Moment, in dem man den Klimawandel fühlt, wird die Bedrohung deutlicher.«

Was muss also passieren? Die Ökonomin sieht zum einen baulichen Veränderungsbedarf: Städte müssten sich architektonisch besser auf Extremwetterereignisse vorbereiten. Zum anderen sieht sie die nationale und internationale Politik in der Pflicht: »Bisher ist die Politik nicht wirklich aktiv geworden. Nicht nur in Deutschland ist es vor allem die Zivilgesellschaft, die verstanden hat. Und die Änderungen will.«

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