Historisches Fossil Die Abschiebung von Dippy Diplodocus

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Dippy der Diplodocus gehört seit 1905 zu den berühmtesten Fossilien des Londoner Naturkundemuseums. Jetzt soll er weichen - und die Wellen der Empörung schlagen hoch: Eine Petition soll diese Ikone der Paläontologie retten. Dass die nur eine Kopie ist, interessiert niemanden.

Seit mehr als einem Jahr ist bekannt, dass das Natural History Museum in London (NHM) seine große Eingangshalle bis 2017 neu gestalten will. Dass im Zuge dieser Umgestaltung nun aber ausgerechnet das Diplodocus-Skelett Dippy seinen Platz für einen Blauwal räumen soll, hat in Großbritannien zu Protesten geführt. Bis Freitagmittag hatten rund 22.000 Unterstützer eine Petition unterzeichnet, mit der Dippys Abschiebung doch noch verhindert werden soll - die Zahl der Unterstützer steigt weiter.

Dippy ist eines dieser Skelette, das jeder schon einmal gesehen hat, selbst wenn er nie in London war: In der Mitte einer mächtigen, im viktorianischen Stil gestalteten Halle stehend ist es Dippy, der den Besucher empfängt und umgehend in ehrfürchtiges Staunen versetzt.

Es ist nicht nur die schiere Größe des 26 Meter langen Knochengerüsts, die einen ganz eigentümlichen Reiz entfaltet. Die Kombination der Architektur des ausgehenden 19. Jahrhunderts - die Halle wurde 1881 eröffnet - mit dieser Art der Giganten-Präsentation trägt dazu bei: Das ist wie eine Zeitreise.

Es ist gerade die Unmodernität dieses Arrangements, die uns fasziniert. Es ist der Zauber einer Zeit, als Gelehrte in dafür absurd ungeeigneter Kleidung mit primitiven Mitteln im Fels kratzten und so die Fundamente eines neuen Weltbilds zutage förderten.

Skelette wie Dippy markieren eine Stein gewordene Zäsur in unserer kulturellen Entwicklung, die Ablösung des Glaubens durch die Wissenschaft. Sie sind die Monumente einer Zeit, als wir uns von magisch-religiösen Vorstellungen vom Entstehen der Welt lösten und erkannten, dass wir und unser Heute das Produkt einer seit Milliarden Jahren laufenden Entwicklung sind. Deshalb sind solche ikonischen Skelette mehr als nur ein Denkmal ihrer selbst - sie stehen für den Moment, als uns staunend und erkennend die Augen aufgingen. Kann so etwas je ausgedient haben?

Dippy, der Promi: bekannt aus Film und Fernsehen...

Auf einer weit profaneren Ebene ist Dippy schlicht und ergreifend äußerst prominent. Ganze Generationen kennen Dippy von Besuchen in London, aber auch von Fotos und aus Film und Fernsehen. Es gibt kaum ein Dinosaurier-Skelett, das uns allen vertrauter ist. Dippy in "seiner" Halle war Kulisse zahlloser Werbespots, TV- und Filmproduktionen.

Einmal war er sogar Hauptdarsteller. 1975 brachte Disney die Komödie "Wer hat unseren Dinosaurier geklaut?" in die Kinos. Neben Peter Ustinov spielte Dippy hier eine Hauptrolle als Versteck für einen Mikrofilm, den der chinesische Geheimdienst zu ergattern sucht.

Dass die Agenten in dieser Story wenig Ahnung von Sauropoden haben und statt Dippy versehentlich einen Apatosaurus klauen (ein in jeder Hinsicht schwerwiegender Fehler), sorgt dafür, dass man sich ausgiebig an Dippy und der Museumshalle erfreuen kann - immer wieder kehrt die Kamera dorthin zurück.

All das hat dazu beigetragen, dass Dippy auf jedem Foto wirkt wie ein alter Bekannter. Doch der ist nicht das, was wir glauben.

Dippy, die "Fälschung"

Anders als bei Saurier-Fossilien sonst üblich, weiß man bei Dippy bis auf Jahr und Monat genau, wie alt er ist: "Geboren" wurde das Skelett 1904 als Gipsabdruck eines 1899 gefundenen Diplodocus-Skeletts, das bis heute im Carnegie Museum of Natural History in Pittsburgh, USA, zu sehen ist. Dieses Original genießt dort eine ähnliche Popularität wie seine Kopie in London.

Daran, dass Dippy also gar kein Original ist, hat auch das Londoner NHM jetzt noch einmal erinnert: Dippy sei reiner Gips, und der sei zunehmend marode. Außerdem werde die Skelett-Replik keineswegs dauerhaft eingelagert, sondern restauriert und dann wieder ausgestellt - nur an anderem Ort, und vielleicht ginge Dippy sogar auf Tour.

Das klang gut, konnte Dippys Fans aber kaum beruhigen. Die Frage von Original oder Fälschung ist offenbar wenig relevant. Den Fans kommt es darauf an, Dippy genau da zu sehen, wo er nunmal steht. Nur daran macht sich die Einzigartigkeit des Skeletts fest.

Denn selbst Gips-Dippy ist durchaus nicht der einzige seiner Art. Carnegies Diploducus war 1899 eine weltweit gefeierte Sensation: Ein derart vollständig erhaltener Sauropode war bis dahin nicht gefunden worden. Kein Wunder, dass Carnegie in den folgenden Jahren quasi in Serie Gips-Kopien fertigte - zehn Stück wurden produziert und ausgeliefert, und vier davon sind noch immer zu sehen.

Dippys Gips-Klone sorgen nicht nur in London für das große Wow! Auch der Diplodocus im Field Museum in Chicago ist wie der im Naturkundemuseum von Madrid eine Dippy-Kopie.

Für viele von uns ist der nächste Dippy nur einen Katzensprung entfernt, und in Deutschland steht sogar ein Original: Im Senckenberg-Museum in Frankfurt am Main ist ein echtes Fossil zu sehen.

* Korrektur: Ursprünglich hatten wir das Senckenberg-Exemplar ebenfalls als Kopie eingestuft. Das ist nicht richtig: Die Dippy-Kopie ging nach Berlin, während in Frankfurt ein vom American Museum of Natural History zur Verfügung gestelltes Original landete - Frankfurt profitierte von einer Fehde zwischen den Leitern der Carnegie- und AMNH-Museen.



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7 Leserkommentare
maier-pf 30.01.2015
rompipalle 30.01.2015
Das Pferd 31.01.2015
Johannes Vogel 31.01.2015
suomi15 31.01.2015
maier-pf 01.02.2015
nilaterne 28.02.2015

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