Artenvielfalt Liebe Leserin, lieber Leser,


hatten Ihre Kinder schon einmal Läuse? Ekeln Sie sich vor Silberfischen in der Badewanne? Dann wissen Sie: Insekten gehören nicht zu den Tieren, die uns in Entzücken versetzen. Gegen die Kulleraugen von Hundewelpen oder den Watschelgang der Pinguine kommt schwer an, wer sechs Beine und kein Fell hat, dafür aber als Schädling, Krankheitsüberträger oder schlicht als eklig gilt.

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Heft 2/2019
Das neue Berufsleben - zwischen Freiheit und Selbstausbeutung

Dabei sind Insekten ganz und gar tolle Tierchen - darf ich mal eben schnell ihren Ruf retten?

Insekten kommen in Lebensräumen zurecht, die keinem Säugetier zugänglich sind, es gibt sie in schillernden Farben oder mit bizarrem Gehörn, sie beschützen ihren Nachwuchs oder rollen Mistkugeln von einem Tausendfachen ihres Körpergewichts über Stock und Stein, sie gründen komplexe Staaten und verteidigen ihre Bauten. Kurzum: Wer eintaucht in die Welt der Krabbler und Schwirrer, dem erschließt sich ein Fest des Lebens, ein Kosmos voller Superlative der Biologie.

Getty Images

Vor allem aber sind Insekten unverzichtbare Mitglieder fast jedes Ökosystems. Sie bestäuben Nutzpflanzen und zerlegen Totholz, sie ernähren sich von anderen Insekten und dienen so als natürliche Schädlingsbekämpfer.

Ich bin selbst Naturwissenschaftlerin, war immer schon beeindruckt von der Vielfalt der Insekten, und jede meiner Bienen- oder Käfer-Recherchen für den SPIEGEL zeigte mir ein neues Faszinosum. Erst vorige Woche beschrieb mein Kollege Johann Grolle, Wissenschaftskorrespondent in Boston, die verblüffenden Fähigkeiten von Termiten.

Und ja, es stimmt, manche Sechsbeiner übertragen Krankheiten. Aber solchen Gefahren kann nur begegnen, wer sich auskennt mit der Biologie, die ihrem Verhalten zugrunde liegt.

Bloß wird es immer schwieriger, Menschen für Insekten zu begeistern - oder überhaupt Wissen über die Tiere zu verbreiten; das zeigt eine neue Studie zweier US-Wissenschaftlerinnen.

Kiran Gangwani und Jennifer Landin haben Biologie-Einführungsbücher für amerikanische Collegestudenten ausgewertet und sind auf einen bemerkenswerten Insektenschwund gestoßen. Im Lauf der vergangenen hundert Jahre verdrängt durch die attraktiveren Wirbeltiere und neue Forschungsthemen, bleibt den mehr als eine Million bisher entdeckten Insektenarten gerade mal 0,6 Prozent des Inhalts solcher Lehrwerke gewidmet.

Mehr staunen, weniger ekeln - das ist es, was Erzieher, Lehrer, Eltern, Forscher und Journalisten eigentlich vermitteln sollten, wenn es um die Welt der kleinen Sechsbeiner geht. Aber dazu muss das Wissen über sie an den Schulen gelehrt werden.

Der Mensch schützt nur das, was er kennt - und bestenfalls liebt.

Meinen Kindern habe ich von jeder meiner Insekten-Recherchen berichtet, meine Tochter durfte mit zum Interview mit einem Imker, damit sie ihre Angst vor den Bienen verliert, die so viel mehr können als stechen. Und wenn ein Silberfisch in unserer Wanne sitzt, dann kann er dort bleiben, zumindest bis zum nächsten Bad. Nur Kopfläuse, die wollen wir nicht.

Herzlich

Ihre Julia Koch

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Abstract

Meine Leseempfehlungen dieser Woche

  • Eine unterschätzte Gefahr für die Artenvielfalt, diesmal geht es um Wirbeltiere, sind Hochspannungsleitungen und Weidezäune. Vögel, Affen, gar Elefanten fallen dieser unbeabsichtigten Hinrichtung durch Stromschlag scharenweise zum Opfer.
  • Auch Väter kriegen den Babyblues: Unter einer postnatalen Depression der Väter leiden vor allem deren Töchter, berichten Wissenschaftler von der britischen University of Cambridge. Ihren Beobachtungen zufolge litten Mädchen, deren Vater von der Schwermut nach der Geburt betroffen waren, später selbst häufiger unter Depressionen als Gleichaltrige, bei denen dies nicht der Fall war.
  • Zusammen mit Francis Crick entschlüsselte er einst den Aufbau der menschlichen Erbsubstanz; zuletzt fiel Nobelpreisträger James Watson, 90, durch rassistische Äußerungen auf. Wissenschaftler, die Watson im Lauf seiner Karriere kennenlernten, stellen nun Mutmaßungen an, was ihn dazu brachte.
  • Die Diskussion über die Freigabe von Cannabis könnten Erkenntnisse der Europäischen Beobachtungsstelle für Drogen und Drogensucht befeuern. Danach ist in den vergangenen Jahren der Gehalt an Tetrahydrocannabiol (THC) im Haschisch gestiegen. Mehr THC kann gefürchtete Nebenwirkungen des Kiffens befördern, etwa Angstzustände und Psychosen.
  • Wer schwere körperliche Arbeit verrichten muss, wünscht sich mitunter Superkräfte. Die hat die US-amerikanische Robotic-Firma Sarcos jetzt im Programm: Das Exoskelett soll das Heben und Bewegen von bis zu 90-Kilo-Lasten zum Kinderspiel machen. Da ist es beinahe schade, dass seine Träger den "Guardian XO" beim Verlassen ihres Arbeitsplatzes ablegen müssen.
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Quiz

"42: Answer to the Ultimate Question of Life, the Universe, and Everything" (Douglas Adams)

Welches ist das schwerste Insekt?

Von welchen Insekten gibt es die meisten Arten?

Was fressen Hornissen?

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Bild der Woche

Eine dunkle Seite des Mondes gibt es nicht, die Sonne erreicht auf dem Mond jedes Kraterchen. "Dunkel" ist Chiffre für "unbekannt", weil von der Erde abgewandt. Luna incognita. Am Donnerstag ist erstmals eine Sonde dort gelandet. Die chinesischen Forscher, die "Chang'e-4" steuern, erhoffen sich Einblicke in die Urzeit unseres Sonnensystems. Dort, im Funkschatten, können Radioteleskope noch tiefer ins Universum schauen.

CNSA/HANDOUT/EPA-EFE/REX

Boston Bite

Unser SPIEGEL-Wissenschaftskorrespondent Johann Grolle berichtet aus Harvard und beißt sich einmal in der Woche an einem erstaunlichen Fakt fest.

"Die hohe Kunst der Wissenschaft bestehe darin, die Unbefangenheit zu wahren, erklärte mir der Astrophysiker Avi Loeb während unseres SPIEGEL-Gesprächs. Im Alltag kämen wir nur zurecht, wenn wir davon ausgehen, dass sich das, was wir kennen, in der Zukunft wiederholt. Mit anderen Worten: dass das Morgen dem Gestern ähnlich ist. Ganz anders in der Wissenschaft: Wer sich ins Unbekannte vortastet, der tut gut daran, dies ohne vorgefasste Meinung zu tun. 'Die größten Fehler unterlaufen Menschen, wenn sie glauben, Antworten zu kennen, ehe sie die Fakten betrachtet haben', meint Loeb."


Die SPIEGEL+-Empfehlungen aus der Wissenschaft


* Quiz-Antworten: Die Riesenweta ("Giant Weta"), eine in Neuseeland beheimatete Langfühlerschrecke, ist das wohl schwerste Insekt der Welt. Ein tragendes Weibchen kann bis zu 70 Gramm wiegen. / Die artenreichste Insektengruppe sind die Käfer. Von ihnen gibt es nach heutiger Kenntnis rund 380.000 Arten. / Hornissen ernähren sich vorwiegend von Fliegen - darunter viele von Menschen wenig geschätzte Arten wie Bremsen, Schmeiß- und Stubenfliegen.

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insgesamt 33 Beiträge
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Seite 1
rudolfsikorsky 05.01.2019
1.
Bis vor zwei , drei Jahren dachte ich noch ok , in Deutschland gibt es keine Wildniss mehr , keine oder kaum noch Megafauna wie Elch , Wildpferd , Wisent oder Bär , aber zumindest den Vögeln und Insekten geht es prächtig. Weil Deutschland ist ja grün und überall gibt es Natur und Landschaftsschutzgebiete , Naturparke und Biosphärenreservate. Deswegen war es ein grosser Schock für mich als in den Medien verlautet wurde, das überall die Vögel und Insekten ausgerottet wurden. Die Bestände sind um 60 , 70 bei manchen Arten sogar um 90 Prozent eingebrochen , innerhalb weniger Jahre. Schuld ist ohne jeden Zweifel die industrielle Landwirtschaft. Das ist eine Katastrophe des Lebens wie seit 65 mill. Jahren nicht mehr. Und das sterben geht ungebremst weiter so das wir in 20 Jahren, also noch zu unser aller Lebenszeit, erleben müssen , wie Vögel und Insekten in Deutschland vollständig aussterben. Der stumme Frühling und der stumme Sommer ( was das summen und zirpen der Insekten oder das Konzert der Frösche am abend angeht ) wird kommen und ist vielegorts schon heute so. Dabei ist es so einfach , das sterben der Vögel und Insekten sofort zu beenden. Man muss einfach nur Wildniss zulassen , Unkraut stehen lassen , aufhören mit dauerndem Rasenmähen und Hecke schneiden, Laub und Totholz einfach liegenlassen, heimische Pflanzen und Gehölze anpflanzen und vor allem Abkehr von industrieller Land und Forstwirtschaft und zwar auf der Stelle. Alexander Gerst hat völlig recht. Es sieht ganz danach aus das wir den Planeten zerstören und zwar nur aus purer Dummheit , Faulheit und reiner Gier nach Geld , unsere Enkel werden uns verfluchen.
kraftmeier2000 05.01.2019
2. @rudolfsikorski,
schön geschrieben, und ich kann den Text voll unterschreiben. Es ist schon grausam wie nur um der Profit willens alles was "stört" Platt gemacht wird, auch von Bauern und deren Interessenvertretern in der Politik (Glyphosat), die dem tierischen Leben keinen Raum mehr lassen, wier für unseren Teil haben auf einem kleinen Balkon einen kleines Insektenhotel, und beim Frühstück dort dürfen diese auch gerne mit essen, und uns ist es immer eine Freude Wespen und Co. dort zu sehen und zu beobachten. Leider wird das nicht reichen, wenn man in der Politik nicht komplett umsteuert.
rambazambah 05.01.2019
3. Bewahren
ich kann mich den Vorrednern nur anschließen. Unser Garten liegt direkt am Wald- Feldrand und ist von einer Natursteinmauer umgeben. Hier ist das ganze Jahr über was los. Gut, im Moment schlafen fast alle, nur die Singvogelgang ist hier: Kohl- und Blaumeisen, Spatzen, Rotkehlchen, Amseln und Eichelhäher. Im Sommer kommen dann noch Raben und Milane dazu und ein nerviges Taubenpaar, das sich mehr zofft als alles andere. Wir haben ein paar Blindschleichen, Smaragdeidechsen und Kröten. Jede Menge Mäuse tummeln sich in der Natursteinmauer. Unsere Katze sorgt dafür, dass sie nicht übehand nehmen, lässt aber - zum Glück - die Vögel und Kriechtiere in Ruhe. Trotz vieler Möglichkeiten haben wir noch ein großes Insektenhotel, welches zur Zeit voll belegt ist. Bin mal gespannt, was da im Frühling alles schlüpft. An manchen Tagen im Frühjahr und Sommer haben wir bis zu 20 Schmetterlinge jeglicher Coleur hier, sowie Libellen, Mai- und Junikäfer und sonsitge Brummsummsels. Die Wespen und Hornissen haben hier genug Nahrung an Mücken und kleinen Käfern. Weinbergschnecken und Schnegel machen den Igel happy und die dicke, fiese Trichternetzspinne wird auch immer größer. Gestochen wurde ich letzten Sommer 1 Mal. Die Waldbewohner (Rehe, Hirschkühe, Fuchs, Marder, Wiesel, Dachs), die ab und an mal vorbeischauen, tun dies meist ohne Angst, mit Neugierde und auch ohne etwas "Schlimmes" zu tun. Sie wissen, dass wir ihnen nichts tun und selbst unsere Katze kuckt den Fuchs nur desinteressiert an. Große Augen hat sie nur bei den beiden Hirschkühen gemacht, die nur wenige Meter vor uns standen. Ganz im Ernst: Ich tue alles, um das zu bewahren. Wir pfegen und kultivieren unseren Garten, aber verwenden kein Gift und nur Naturdünger (Pferdemist). Jeder, der im Sommer eine Weile in unserem Garten verbringt, genießt die Natur, die Vögel, die Pflanzen, den Duft und die Ruhe. Ja, das alles im Einklang zu erhalten, den Tieren und Pflanzen Nahrung, Platz, Brut- und Nistplätze zu bieten und dabei einen gepflegten, ordenlichen Garten zu haben, ist Arbeit, aber sie ist es wert.
oseberg 05.01.2019
4. Ekel-Hype
Immer wieder zu finden in bekannten Internet-Info Portalen, diffamierende Negativ-Bezeichnungen, wie: "Eklige Spinnen, eklige Ratten und Mäuse, eklige Silberfischen", ect. Mir scheint, da wird ein künstlicher Ekelhype erzeugt, um daraus finanziellen Profit zu generieren, - von wem?, von Interessensgruppen wie zB. der "Schädlingsbekämpferindustrie". Merke: Der Mensch ist der größte Schädling.
augu1941 05.01.2019
5.
@1 Je mehr man dramatisiert und übertreibt, desto geringer die Wirkung: "Und das sterben geht ungebremst weiter so das wir in 20 Jahren, also noch zu unser aller Lebenszeit, erleben müssen , wie Vögel und Insekten in Deutschland vollständig aussterben". Das Leben auf Äckern ohne Unkraut dank Herbizidspritzung wird tatsächlich immer weniger, dafür wird die Artenvielfalt in Städten und Umland immer größer, in Gärten, in Parkanlagen, auf Friedhöfen, auf unbebauten Grünflächen in Gewerbegebieten; ein Aussterben von Vögeln und Insekten steht uns nicht bevor. Vor meinem Küchenfenster sehe ich mehrmals am Tag einen großen Schwarm Spatzen vorbeifliegen oder im Hof kurz auf Futtersuche gehen (niemals ein einzelner Spatz), im Garten sehe ich nach Winterende sehr viele verschiedene Wildbienen, Feuerwanzen, unterschiedliche Libellen überm Teich..... Einzig die Ohrenkneifer sind seit Jahren verschwunden, warum weiß ich auch nicht.
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