Artenvielfalt Liebe Leserin, lieber Leser,

hatten Ihre Kinder schon einmal Läuse? Ekeln Sie sich vor Silberfischen in der Badewanne? Dann wissen Sie: Insekten gehören nicht zu den Tieren, die uns in Entzücken versetzen. Gegen die Kulleraugen von Hundewelpen oder den Watschelgang der Pinguine kommt schwer an, wer sechs Beine und kein Fell hat, dafür aber als Schädling, Krankheitsüberträger oder schlicht als eklig gilt.

Dabei sind Insekten ganz und gar tolle Tierchen - darf ich mal eben schnell ihren Ruf retten?

Insekten kommen in Lebensräumen zurecht, die keinem Säugetier zugänglich sind, es gibt sie in schillernden Farben oder mit bizarrem Gehörn, sie beschützen ihren Nachwuchs oder rollen Mistkugeln von einem Tausendfachen ihres Körpergewichts über Stock und Stein, sie gründen komplexe Staaten und verteidigen ihre Bauten. Kurzum: Wer eintaucht in die Welt der Krabbler und Schwirrer, dem erschließt sich ein Fest des Lebens, ein Kosmos voller Superlative der Biologie.

Foto: (c) Harold Lloyd/ Getty Images

Vor allem aber sind Insekten unverzichtbare Mitglieder fast jedes Ökosystems. Sie bestäuben Nutzpflanzen und zerlegen Totholz, sie ernähren sich von anderen Insekten und dienen so als natürliche Schädlingsbekämpfer.

Ich bin selbst Naturwissenschaftlerin, war immer schon beeindruckt von der Vielfalt der Insekten, und jede meiner Bienen- oder Käfer-Recherchen für den SPIEGEL zeigte mir ein neues Faszinosum. Erst vorige Woche beschrieb mein Kollege Johann Grolle, Wissenschaftskorrespondent in Boston, die verblüffenden Fähigkeiten von Termiten .

Und ja, es stimmt, manche Sechsbeiner übertragen Krankheiten. Aber solchen Gefahren kann nur begegnen, wer sich auskennt mit der Biologie, die ihrem Verhalten zugrunde liegt.

Bloß wird es immer schwieriger, Menschen für Insekten zu begeistern - oder überhaupt Wissen über die Tiere zu verbreiten; das zeigt eine neue Studie  zweier US-Wissenschaftlerinnen.

Kiran Gangwani und Jennifer Landin haben Biologie-Einführungsbücher für amerikanische Collegestudenten ausgewertet und sind auf einen bemerkenswerten Insektenschwund gestoßen. Im Lauf der vergangenen hundert Jahre verdrängt durch die attraktiveren Wirbeltiere und neue Forschungsthemen, bleibt den mehr als eine Million bisher entdeckten Insektenarten gerade mal 0,6 Prozent des Inhalts solcher Lehrwerke gewidmet.

Mehr staunen, weniger ekeln - das ist es, was Erzieher, Lehrer, Eltern, Forscher und Journalisten eigentlich vermitteln sollten, wenn es um die Welt der kleinen Sechsbeiner geht. Aber dazu muss das Wissen über sie an den Schulen gelehrt werden.

Der Mensch schützt nur das, was er kennt - und bestenfalls liebt.

Meinen Kindern habe ich von jeder meiner Insekten-Recherchen berichtet, meine Tochter durfte mit zum Interview mit einem Imker, damit sie ihre Angst vor den Bienen verliert, die so viel mehr können als stechen. Und wenn ein Silberfisch in unserer Wanne sitzt, dann kann er dort bleiben, zumindest bis zum nächsten Bad. Nur Kopfläuse, die wollen wir nicht.

Herzlich

Ihre Julia Koch

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Abstract

Meine Leseempfehlungen dieser Woche

  • Eine unterschätzte Gefahr für die Artenvielfalt, diesmal geht es um Wirbeltiere, sind Hochspannungsleitungen und Weidezäune. Vögel, Affen, gar Elefanten fallen dieser unbeabsichtigten Hinrichtung durch Stromschlag  scharenweise zum Opfer.
  • Auch Väter kriegen den Babyblues: Unter einer postnatalen Depression der Väter leiden vor allem deren Töchter , berichten Wissenschaftler von der britischen University of Cambridge. Ihren Beobachtungen zufolge litten Mädchen, deren Vater von der Schwermut nach der Geburt betroffen waren, später selbst häufiger unter Depressionen als Gleichaltrige, bei denen dies nicht der Fall war.
  • Zusammen mit Francis Crick entschlüsselte er einst den Aufbau der menschlichen Erbsubstanz; zuletzt fiel Nobelpreisträger James Watson, 90, durch rassistische Äußerungen auf. Wissenschaftler, die Watson im Lauf seiner Karriere kennenlernten, stellen nun Mutmaßungen an, was ihn dazu brachte .
  • Die Diskussion über die Freigabe von Cannabis könnten Erkenntnisse der Europäischen Beobachtungsstelle für Drogen und Drogensucht befeuern. Danach ist in den vergangenen Jahren der Gehalt an Tetrahydrocannabiol (THC) im Haschisch gestiegen. Mehr THC kann gefürchtete Nebenwirkungen des Kiffens befördern, etwa Angstzustände und Psychosen.
  • Wer schwere körperliche Arbeit verrichten muss, wünscht sich mitunter Superkräfte. Die hat die US-amerikanische Robotic-Firma Sarcos jetzt im Programm: Das Exoskelett soll das Heben und Bewegen von bis zu 90-Kilo-Lasten zum Kinderspiel machen . Da ist es beinahe schade, dass seine Träger den "Guardian XO" beim Verlassen ihres Arbeitsplatzes ablegen müssen.

Quiz

"42: Answer to the Ultimate Question of Life, the Universe, and Everything" (Douglas Adams)

Welches ist das schwerste Insekt?

Von welchen Insekten gibt es die meisten Arten?

Was fressen Hornissen?

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Bild der Woche

Eine dunkle Seite des Mondes gibt es nicht, die Sonne erreicht auf dem Mond jedes Kraterchen. "Dunkel" ist Chiffre für "unbekannt", weil von der Erde abgewandt. Luna incognita. Am Donnerstag ist erstmals eine Sonde dort gelandet. Die chinesischen Forscher, die "Chang'e-4" steuern, erhoffen sich Einblicke in die Urzeit unseres Sonnensystems. Dort, im Funkschatten, können Radioteleskope noch tiefer ins Universum schauen.

Foto: CNSA/HANDOUT/EPA-EFE/REX


Boston Bite

Unser SPIEGEL-Wissenschaftskorrespondent Johann Grolle berichtet aus Harvard und beißt sich einmal in der Woche an einem erstaunlichen Fakt fest.

"Die hohe Kunst der Wissenschaft bestehe darin, die Unbefangenheit zu wahren, erklärte mir der Astrophysiker Avi Loeb während unseres SPIEGEL-Gesprächs . Im Alltag kämen wir nur zurecht, wenn wir davon ausgehen, dass sich das, was wir kennen, in der Zukunft wiederholt. Mit anderen Worten: dass das Morgen dem Gestern ähnlich ist. Ganz anders in der Wissenschaft: Wer sich ins Unbekannte vortastet, der tut gut daran, dies ohne vorgefasste Meinung zu tun. 'Die größten Fehler unterlaufen Menschen, wenn sie glauben, Antworten zu kennen, ehe sie die Fakten betrachtet haben', meint Loeb."


Die SPIEGEL+-Empfehlungen aus der Wissenschaft


* Quiz-Antworten: Die Riesenweta ("Giant Weta"), eine in Neuseeland beheimatete Langfühlerschrecke, ist das wohl schwerste Insekt der Welt. Ein tragendes Weibchen kann bis zu 70 Gramm wiegen. / Die artenreichste Insektengruppe sind die Käfer. Von ihnen gibt es nach heutiger Kenntnis rund 380.000 Arten. / Hornissen ernähren sich vorwiegend von Fliegen - darunter viele von Menschen wenig geschätzte Arten wie Bremsen, Schmeiß- und Stubenfliegen.

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