Fauler Räuber War der T-Rex ein Aasfresser?

Der Tyrannosaurus rex war möglicherweise nicht die Schreckensechse, als die er gern dargestellt wird. Der Zweibeiner könnte sich, wie eine neue Studie nahe legt, hauptsächlich von Kadavern ernährt haben.

Von Andreas Grote


Im Film darf der Tyrannosaurus hinter kreischenden Opfern hersprinten, doch in Wirklichkeit war er womöglich deutlich harmloser. Wenn die Annahme zweier Biologen von der University of Glasgow stimmt, dann wäre das bisherige Bild vom schnellen, Furcht erregenden Jäger nicht mehr zu halten, und Hollywood hätte wohl kaum noch Interesse an einer weiteren Fortsetzung von "Jurassic Park". Denn Graeme Ruxton und David Houston sehen im T-Rex eher einen trägen Aasfresser, der an der Jagdbeute anderer knabberte.

Rekonstruktion eines T-Rex: Zu kleine Augen, zu schwache Ärmchen
REUTERS

Rekonstruktion eines T-Rex: Zu kleine Augen, zu schwache Ärmchen

Wie der Speiseplan der Schreckensechse tatsächlich aussah, ist unter Saurierexperten schon länger umstritten. Bislang hatten Forscher versucht, aus Knochenfunden auf die Bewegungs- und Beißfähigkeit des vor etwa 85 bis 65 Millionen Jahren aktiven Urtiers zu schließen. Die beiden britischen Wissenschaftler wählten jetzt einen anderen Weg: Analog zu heute lebenden Tieren berechneten sie, in welch einer Umwelt ein Aas fressender T-Rex hätte existieren können.

Das Ergebnis ist überraschend: "Ein Ökosystem wie die heutige Serengeti hätte ausreichend Nahrung für einen Aasfresser von der Größe des Tyrannosaurus rex geliefert", schreiben die Forscher in ihrer Studie, die in den "Proceedings of the Royal Society B" erscheint. Folglich, so argumentieren Ruxton und Houston, hätte der Fleischfresser gar nicht aktiv auf die Jagd gehen müssen, um auf seine Kosten zu kommen.

Dass in der Serengeti nur der Geier als nahezu reiner Aasfresser überlebt hat, führen die Wissenschaftler auf die Überlegenheit seiner Fortbewegung zurück: Fliegen ist energiesparender als Laufen. "Wenn der T-Rex also ein Aasfresser gewesen ist", führt Houston aus, "dann wäre das nur möglich gewesen, weil fliegende Aasfresser zu seiner Zeit noch keinen so großen Einfluss auf das Ökosystem hatten wie heute."

Mit ihrer Meinung stehen Ruxton und Houston nicht allein. So bezweifelt zum Beispiel John Hutchinson von der Stanford University, dass der Tyrannosaurus in der Lage war, schnell genug für die Jagd zu laufen. Für die nötige Muskelmasse war, so der Forscher, im Körper des Sauriers kein Platz. Kollegen hatten dem T-Rex ein Tempo von bis zu 80 Kilometern pro Stunde zugetraut. Nach Hutchinsons Computermodellen, die die Biomechanik berücksichtigen, war die Bestie maximal mit 40 Kilometern pro Stunde unterwegs.

Auch Jack Horner vom Museum of the Rockies im US-Bundesstaat Montana arbeitet seit einiger Zeit daran, die Theorie vom jagenden T-Rex zu widerlegen. Der Paläontologe beruft sich auf Beobachtungen an mehreren gut erhaltenen Exemplaren in seinem Museum: Die Augen des Sauriers waren Horner zufolge zu klein, um ein fliehendes Opfer klar zu sehen, die Ärmchen zu schwach, um zu kämpfen oder bei einem Fall ein Gewicht von sechs Tonnen abzufangen.

Zwar wurden Knochen von Tieren gefunden, in denen T-Rex-Zähne steckten oder Spuren hinterlassen hatten. Dennoch gibt es für die These, dass der Tyrannosaurus andere Saurier selbst getötet hat, keine Beweise wie etwa verheilte Gebissabdrücke in den Knochen eines davongekommenen Opfers. Und die außerordentlich starken Beißer könnten auch dazu gedient haben, das vorwiegend aus Knochen bestehende Aas zu knacken.

Zudem verfügt der T-Rex nach Aussage Horners über typische Eigenschaften eines Aasfressers. Demnach ist wie bei Geiern jener Teil des Gehirns sehr ausgeprägt, der für den Geruch zuständig ist, um Aas auch über weite Strecken orten zu können. Auch scheint sein Bewegungsapparat eher für große Distanzen ausgelegt gewesen zu sein und nicht für die schnelle Jagd - dafür waren die kleinen und flinken, mit scharfen Zähnen und starken Armen ausgestatteten Velociraptoren besser geeignet.

Eine endgültige Gewissheit über das Fressverhalten des Tyrannosaurus werden die Forscher allerdings wohl nie haben. So können sich auch Ruxton und Houston vorstellen, dass das Urvieh bei der Nahrungsbeschaffung wie viele heutige Raubtiere ein Opportunist war: "Es könnte sein", so Houston, "dass der T-Rex je nach Gelegenheit die Aasfresserei mit der aktiven Jagd kombiniert hat."



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