Felsanalyse Antarktis-Eis schmilzt ungewöhnlich schnell

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2. Teil: Zufall oder vielsagendes Timing? Das verräterische Zusammentreffen von Antarktis-Tauwetter und Klimawandel


Allerdings räumen die Autoren des "Geology"-Artikels ein, dass ihre Daten keine endgültige Aussage darüber treffen können, ob die rapide Eisschmelze in der Westantarktis nun mit dem vom Menschen verursachten Klimawandel zu tun hat oder nicht. "Wir haben Durchschnittswerte über die vergangenen Jahrtausende errechnet", erklärte AWI-Forscher Gohl im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Zeiträume von Jahrzehnten könnten die Daten aber nicht auflösen. Deshalb sei nicht mit letzter Sicherheit auszuschließen, dass es seit der letzten Eiszeit kurze Tauwetter-Perioden gegeben hat, die ähnlich stark waren wie die jetzige. Man müsse mehr Proben in der Antarktis sammeln, um noch genauere Ergebnisse zu erhalten, betonte Gohl.

Dennoch sei das zeitliche Zusammenfallen von Antarktis-Eisschmelze und anthropogenem Klimawandel nicht von der Hand zu weisen. Auch Eric Rignot vom Jet Propulsion Laboratory der Nasa, einer der weltweit führenden Forscher auf dem Gebiet der Eisvermessung per Satellit, mag nicht an einen Zufall glauben. Allein die bloße Geschwindigkeit des Gletscherschwunds in der Westantarktis habe viele Wissenschaftler bereits vermuten lassen, dass hier etwas Außergewöhnliches geschieht. "Diese Gletscher hätten in der Vergangenheit niemals länger als einige Jahrzehnte in diesem Tempo ausdünnen können", erklärte Rignot gegenüber SPIEGEL ONLINE.

"Klarer Zusammenhang mit dem Klimawandel"

Die Studie von Johnson und ihren Kollegen sei eine "sehr solide Bestätigung" für die Annahme, dass die derzeitigen Veränderungen nicht auf einen Langzeit-Gletscherschwund, sondern auf aktuelle Einflüsse zurückzuführen sind. "Sie stehen in klarem Zusammenhang mit dem Klimawandel", sagte Rignot. Auch andere Forscher betonten den Stellenwert der Studie. Klaus Grosfeld vom AWI hält sie für einen "wichtigen Beitrag" zur Bestandsaufnahme des Antarktis-Eisschilds. Geografie-Professor Jonathan Bamber von der University of Bristol nannte die Untersuchung "essentiell" für die Kalibrierung von Computermodellen für die Antarktis.

Welche Ursachen aber der antarktische Gletscherschwund hat, ist damit nicht abschließend geklärt. Sicher ist, dass die Meeresoberfläche um die Antarktis wärmer wird - nicht aber, warum das geschieht. So könnte etwa das vermehrte Aufsteigen des sogenannten zirkumpolaren Tiefenwassers, das bis zu 1,5 Grad wärmer ist als das übrige Wasser, für das Abschmelzen der Gletscher verantwortlich sein - oder aber auch ein direktes Aufheizen des Wassers im Zuge des Klimawandels. Schneefälle, die Entstehung von Schmelzwassertümpeln und vulkanische Aktivität könnten ebenfalls wichtige Rollen spielen.

Deshalb ist auch offen, wie sehr das Tauwetter in der Antarktis in Zukunft zum Anstieg der Meeresspiegel beitragen wird. Dass sie das tun, gilt als gesichert. Im März 2007 bezifferte ein Forscherteam den Nettoverlust an Eis in Grönland und der Antarktis auf 125 Gigatonnen pro Jahr. Damit trage das abschmelzende Festlandeis der Polargebiete rund zehn Prozent zum Anstieg der Meeresspiegel bei, der derzeit etwa drei Millimetern pro Jahr liegt.

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Das aber könnte längst nicht alles sein, wie Rignot erklärt. Laut den jüngsten Untersuchungen seines Teams, die demnächst im Fachblatt "Geophysical Research Letters" erscheinen sollen, seien die Westantarktis-Gletscher in den Jahren 2006 und 2007 schneller als je zuvor in Richtung Meer gerutscht. "Einfache Modelle sagen voraus, dass das erst der Anfang ist", so Rignot. "Diese Gletscher könnten ihre Fließgeschwindigkeit in den nächsten Jahren leicht verdoppeln." Die neue Studie von Johnsons Team zeige, "dass die Zukunft schon da ist".

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