Warnung von Fischereibiologen Beifang landet offenbar weiter im Meer - trotz EU-Verbots

Die EU hat der Fischerei verboten, Beifang einfach über Bord zu werfen, doch die Fischer halten sich offenbar nicht daran. Forscher fordern deshalb bessere Kontrollen - wie Überwachungskameras an Bord.

Fischkutter auf der Nordsee (Archivfoto)
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Fischkutter auf der Nordsee (Archivfoto)


Wenn Fischer in Nord- und Ostsee ihre Netze auswerfen, haben sie es in der Regel auf eine spezielle Fischart wie Hering oder Dorsch abgesehen. Doch dabei fangen sie oft auch andere Fischarten oder zu kleine Fische. 2013 beschloss die EU daher ein Rückwurfverbot von unerwünscht gefangenen Fischen mit dem Ziel, den Beifang in den Netzen zu reduzieren. Wenn Plattfische im Dorschnetz landen, müssen sie nun an Land gebracht und verkauft werden.

Das Rückwurfverbot sollte ein Anstoß für Fischer sein, selektivere Netze einzusetzen - um gar nicht erst so viel unerwünschte Fische aufs Schiff zu ziehen. Denn in den meisten Fällen sind diese Tiere durch das Netz so stark verletzt, dass sie nach dem Rückwurf ins Meer sterben.

Daten des Internationalen Rates für Meeresforschung (Ices) legen nun aber nahe, dass das Rückwurfverbot, das seit 2015 schrittweise verbindlich eingeführt wird, nicht greift und versehentlich mitgefangene Fische weiter in hoher Zahl im Meer landen. Die Ices-Forscher haben 2017 für die Dorschfischerei in der östlichen Ostsee mindestens 11,2 Prozent Beifänge ausgemacht: Von den knapp 31.000 Tonnen Fang waren hochgerechnet mindestens 3450 Tonnen Beifänge. Die Zahl beruht auf Beobachtungen von wissenschaftlichen Beobachtern und vertraulichen Angaben der Fischer. Für die Scholle im Kattegat und den Belten betrug die Beifangrate 21,8 Prozent, für Nordsee-Kabeljau rund 19 Prozent. Die Logbucheinträge der Fischer, bei denen das Rückwurfverbot bereits gilt, weisen dagegen deutlich geringere Raten auf.

"Die Ices-Daten zeigen, dass sich das Rückwurfverhalten kaum verändert hat", sagt der Direktor des Thünen-Instituts für Ostseefischerei, Christopher Zimmermann, der auch Mitglied im Ices ist. Das Rückwurfverbot ist für ihn bislang zahnlos. "Die Politik hat für diese fundamentale Regeländerung versäumt, Kontrollmechanismen zu schaffen, die rechtssicher sind und eine Sanktion von Fischern erlauben, die dagegen verstoßen." Zudem würde eine Änderung der Kontrollen ehrliche Fischer schützen.

Stichproben nicht rechtssicher

Die Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE), die von deutscher Seite aus das Rückwurfverbot kontrolliert, erklärt, dass bislang keine Verstöße festgestellt und geahndet wurden. Zwei Verfahren würden derzeit geprüft, teilte die BLE auf Anfrage mit. Die Daten des Ices zum östlichen Dorsch deckten sich beispielsweise in der Tendenz mit den Beobachtungen der BLE-Inspektoren an Bord, teilte die BLE mit. Doch genau darin liege das Problem. Diese Beobachtungen seien als Stichproben nicht rechtssicher. Solange die Logbucheinträge niedrigere Beifänge ausweisen, sind der Behörde die Hände gebunden.

Der Deutsche Fischereiverband weist den Vorwurf zurück, Fischer würden Beifänge wie seit Jahrzehnten gewohnt nach dem Fang über Bord kippen. "Wir gehen davon aus, dass sich die Fischer an Recht und Gesetz halten", sagt Verbandssprecher Claus Ubl. Beifänge bedeuteten einen erheblichen Aufwand, den eigentlich jeder Fischer vermeiden wolle. Denn sie müssten an Land aufwendig aussortiert und dokumentiert werden. "Wenn selektive Netze funktionieren, werden sie auch eingesetzt."

Forscher wie Zimmermann fordern strengere Regelungen, um die Einhaltung des Rückwurfverbotes sicherzustellen. Eine Möglichkeit wären Videokameras an Bord, die die Fänge aufzeichnen. Vor allem aber müsse die Beweislast umgekehrt werden: Fischer, die zum Beispiel mit Hilfe von Kameras nachweisen, dass sie sich an die Regeln halten, könnten einen Quotenzuschlag in Höhe der durchschnittlichen Rückwürfe bekommen. Für alle anderen würde die Quote entsprechend gekürzt, so der Vorschlag des Forschers.

Ein anderer Hebel: das Nachhaltigkeitssiegel entziehen

Eine andere Lösung zumindest für den Kabeljau in der Nordsee könnte das Nachhaltigkeitssiegel der Organisation Marine Stewardship Council (MSC) bringen. Wenn eine zertifizierte Gruppe von Fischern eine wichtige Regel wie das Rückwurfverbot "so eklatant" missachte, müsse sie das Siegel verlieren, sagte Zimmermann kürzlich der "taz".

Das Problem mit dem Nachweis ist mittlerweile auch auf EU-Ebene bekannt, hieß es von der BLE. So sollen nun bis Mitte 2019 auf technischer Ebene Mindestanforderungen erarbeitet werden, wie eine Fernüberwachung durch Kameras und Sensoren aussehen kann. Dann muss auf politischer Ebene entschieden werden, ob die EU für bestimmte Fahrzeuggruppen eine Fernüberwachung vorschreibt.

Gut handhabbare und auch preiswerte Alternativen für selektive Netze mit größeren Öffnungen an der Unterseite gibt es inzwischen. So hat das Thünen-Institut sogenannte Flexnetze entwickelt, mit denen sich der Plattfischbeifang in der Ostseedorsch-Fischerei um bis zu 80 Prozent reduzieren lässt. Bei diesen Netzen wird das natürliche Verhalten der Fischarten genutzt.

In Vorversuchen hatten die Fischereibiologen mit Unterwasserkameras beobachtet, dass die Dorsche in der Mitte des Netzes schwimmen, die Plattfische aber Bodenkontakt suchen. Im hinteren unteren Bereich des Netztunnels schnitten sie dann ein Loch hinein - so dass die Plattfische in die Freiheit entweichen konnten. Auch zu kleine Dorsche konnten nun leichter entkommen, weil die Plattfische nicht mehr die Maschen im Fangsack versperrten.

oka/dpa

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insgesamt 5 Beiträge
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Seite 1
MannAusmNorden 22.10.2018
1. Blödsinnige Regelung
BEifang gab es schon immer, und die Netze werden ja langsam aber sicher auch selktiver. Nur haben die FIscher auch schon so ordentlich zu knapsen, können sich schwer über Wasser halten. Einfach so zu erwarten, dass sie wegen der EU-Richtlinie ein neues, besseres und vor allem teureres Netz zu kaufen ist illusorisch. Und den Beifang am Land zu bringen ist auch nicht mal so eben möglich. Wie sollte z.B. ein Krabbenkutter, der ganz anders ausgestatet ist als einer für Hering, denn die Fische mitnehmen?
curlybracket 22.10.2018
2.
Zitat von MannAusmNordenBEifang gab es schon immer, und die Netze werden ja langsam aber sicher auch selktiver. Nur haben die FIscher auch schon so ordentlich zu knapsen, können sich schwer über Wasser halten. Einfach so zu erwarten, dass sie wegen der EU-Richtlinie ein neues, besseres und vor allem teureres Netz zu kaufen ist illusorisch. Und den Beifang am Land zu bringen ist auch nicht mal so eben möglich. Wie sollte z.B. ein Krabbenkutter, der ganz anders ausgestatet ist als einer für Hering, denn die Fische mitnehmen?
Indem man sich den Regelungen anpasst, den Gesetzten folgt und an seinem Kutter entsprechende bauliche Veränderungen vornimmt. Langsam aber sicher reicht hier nicht, denn das einzige was langsam aber sich kommt ist das Leerfischen der Meere.
fischfreund1 22.10.2018
3. Überwachungskamera
Den Wissenschaftlern geht es darum, auf allen Fischereifahrzeugen Überwachungskameras zu installieren. Dabei wissen wir seit dem LIDL-Urteil, dass eine verdachtsunabhängige, permanente Kameraüberwachung von Arbeitnehmern nicht mit dem Grundgesetz vereinbar ist. Geringe Mengen Beifang wird es immer geben, die Fischer haben ein massives Eigeninteresse daran, unerwünschten Beifang zu vermeiden. Es geht darum, die Fischbestände nachhaltig zu bewirtschaften, also eine ausreichende Größe des Elterntierbestandes zu sichern. Ob ein toter kleiner Fisch ins Meer zurückgeworfen oder an Land entsorgt wird (er darf laut EU-Verordnung an Land dem menschlichen Verzehr nicht zugeführt werden) ist für die Bewirtschaftung völlig egal. Außerdem gibt es artspezifisch unterschiedlich hohe Überlebensraten. Warum also überlebensfähi9ge Jungfische umbringen? Und zu guter Letzt: Jeder Leser möge sich vorstellen, er wäre Kapitän eines Kutters mit Überwachungskameras und sollte eine Kiste Jungfische verschwinden lassen, ohne dass die Kameras das registrieren. Wer betrügen will der schafft das. Anscheinend träumen die Wissenschaftler davon, sich die lästige Probenahme an Bord zu ersparen und alles am warmen Schreibtisch auf lauter Bildschirmen serviert zu bekommen. Aber: Norwegen macht seit vielen Jahren vor, wie man ein ökologisch sinnvolles und wirksames Rückwurfverbot ohne Kamera-Überwachung organisiert. Das kann Vorbild sein.
geotie 22.10.2018
4.
Zitat von MannAusmNordenBEifang gab es schon immer, und die Netze werden ja langsam aber sicher auch selktiver. Nur haben die FIscher auch schon so ordentlich zu knapsen, können sich schwer über Wasser halten. Einfach so zu erwarten, dass sie wegen der EU-Richtlinie ein neues, besseres und vor allem teureres Netz zu kaufen ist illusorisch. Und den Beifang am Land zu bringen ist auch nicht mal so eben möglich. Wie sollte z.B. ein Krabbenkutter, der ganz anders ausgestatet ist als einer für Hering, denn die Fische mitnehmen?
Ich weiß, ich weiß, früher hatten wir einen Kaiser und so mancher möchte den zurück haben. Es ist leider so, dass ohne Fortschritt kein vorankommen mehr möglich ist. Und wenn der Fischer halt zu wenig verdient, was wahrscheinlich auf jede Berufsgruppe irgendwie zutrifft, dann muss man eben umsatteln. Holzräder werden heute auch nicht mehr hergestellt!
clay-fink 22.10.2018
5. Kreta
Letzte Woche am Strand von Frangokastello: viele kleine Fische direkt am Familienstrand. Nach Auskunft eines Einheimischen Beifang des Fischerbootes im 300 Meter entfernten kleinen Hafen mit 2 Booten. Widerlich!
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