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06. August 2007, 17:24 Uhr

Fixer Stoffwechsel

Fledermaus verwertet Zucker in Rekord-Geschwindigkeit

Sie sind die Kolibris unter den Fledermäusen: Schneller als jedes andere Säugetier machen die Blumen-Fledermäuse aus Zucker Energie. Dabei sind sie viel effektiver als jeder menschliche Athlet. Der Rekord-Stoffwechsel hat aber einen hohen Preis - ständig brauchen die Tiere Nektar-Nachschub.

Das Synonym der Wahl passt hier nicht: Diese Fledermäuse kann man nicht als Blutsauger bezeichnen, stattdessen handelt es sich um Zuckermäulchen. Blüten- oder Blumenfledermäuse (Glossophaginae) ernähren sich fast ausschließlich von süßem Nektar - und halten damit offenbar einen riskanten Rekord.

Nicht nur, dass die Vertreter dieser Fledermausgruppe mit weniger als zehn Gramm Körpergewicht zu den leichtesten Säugetieren auf dem Planeten zählen. Sie haben auch einen extremen Stoffwechsel. Bei keinem anderen Säuger liegt die Zucker-Verbrennungsrate höher als bei den flatternden Leichtgewichten.

Christian Voigt vom Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung in Berlin und John Speakman von der schottischen University of Aberdeen haben dies im Experiment mit Fledermäusen der Art Glossophaga soricina (Eigentliche Blütenfledermaus) herausgefunden. Sie fütterten die Flugsäuger mit Zuckerwasser, das mit Kohlenstoffisotopen angereichert war. Dann analysierten sie die Atemluft der Tiere.

In der Fachzeitschrift "Functional Ecology" (Online-Vorabveröffentlichung) berichten die Wissenschaftler jetzt: Fast unmittelbar nach der Mahlzeit ließen sich die Isotope schon im Fledermaus-Atem nachweisen. "Wir fanden heraus, dass die Tiere den Zucker aus dem Getränk schon Minuten nach dem Trinken schon für ihren Stoffwechsel nutzten", schreiben die Forscher. Nach weniger als einer halben Stunde hätten sie sich ganz aus dieser Quelle versorgt.

Menschliche Sportler können maximal 30 Prozent ihres Stoffwechsels direkt aus in Nahrung enthaltenem Zucker decken - etwa aus Energiedrinks, -gels oder Kraftriegeln. Außerdem ist der Stoffwechsel von G. soricina rund dreimal schneller. Bei keinem anderen Säugetier wurde bislang ein dermaßen extremer, zuckerlastiger Stoffwechsel gemessen.

Extremer Metabolismus, hoher Preis

Doch der Preis für diesen Rekord ist hoch. In einem zweiten Experiment untersuchten die Wissenschaftler, wie es den Fledermäusen ergeht, wenn der nötige Nektar-Nachschub fehlt. Dann ging es ganz schnell an die mageren Reserven. "Wir fanden heraus, dass die Fledermäuse täglich bis zu 60 Prozent ihrer Fettvorräte aufbrauchen, aber selbst diese phänomenale Rate reichte kaum aus, um ihren Stoffwechsel aufrecht zu erhalten, wenn es keinen Nektar gab", schreiben Voigt und Speakman. Ist G. soricina oder eine andere Blumenfledermaus nur wenige Tage von ihrer Nahrungsquelle abgeschnitten, droht demnach der Hungertod. "Energetisch gesehen leben die Tiere auf Messers Schneide", sagte Voigt.

Riesendurchsatz, großes Risiko - welchen Selektionsvorteil kann diese exotische Energiewirtschaft den Flattermännern wohl gebracht haben? Die Antwort lautet paradoxerweise: Blumenfledermäuse sind energetisch extrem effizient. Kein andere Säugetier der Welt kann Nahrung so schnell als Energie dem Körper verfügbar machen. Keines verwertet den Zucker besser - und vor allem vermeiden die Fledermäuse Verluste durch Umwandlung. Gewöhnlich verarbeiten Tiere einen großen Anteil der Nahrung in Fett, das später bei Bedarf wieder zur Energieversorgung des Körpers genutzt werden kann. Nicht so G. soricina. Den Zucker gleich dem Stoffwechsel zuzuführen, spare den Aufwand für Umwandlung und Rück-Umwandlung, schreiben die Forscher.

Deshalb sind die kleinen vegetarischen Fledermäuse auch besondere große Zuckermäulchen: Die nachtaktiven Tiere - sie kommen in Mittel- und Südamerika vor - können bis zum Anderthalbfachen ihres eigenen Körpergewichts als Nektar aufnehmen.

stx

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