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Erdbebengefahr: Kunst auf der Kippe

Foto: imago/ Westend61

Bedrohte Kunstschätze in Florenz Davids Ende

Jederzeit könnte ein Erdbeben weltberühmte Kunstwerke in Florenz vernichten - doch die italienische Regierung vermasselt den Schutz der Kulturgüter. Wie lassen sich David und Uffizien schützen?

Seit 514 Jahren blickt der gut fünf Meter hohe Marmorgott auf staunende Menschen, die sich täglich vor ihm im Zentrum der italienischen Stadt Florenz versammeln. Der David des Künstlers Michelangelo ist eines der bedeutendsten Kunstwerke aller Zeiten, geschaffen für die Ewigkeit.

Für die Ewigkeit? Wissenschaftler warnen: Ein Erdbeben, das in Florenz jederzeit zuschlagen könnte, würde das Meisterwerk der Renaissance zusammenbrechen lassen.

David, die männliche Idealfigur, scheint nur perfekt. Sie hat kleine Risse in ihren Fußgelenken und ihr Schwerpunkt steht nicht direkt über dem Schwerpunkt des Sockels. Erschütterungen, die David nur um 15 Grad neigen würden, ließen die Statue kippen, berichteten Geoforscher jüngst in einer Studie .

Alle drei Monate prüfen Restauratoren Davids Zustand. Die Untersuchungen haben die Schwachstellen in seinem Marmor bestätigt. Schon Michelangelo wusste um die Probleme, sie waren nicht seine Schuld.

Der Marmorblock, aus dem der Künstler die Figur erschuf, war schlecht ausgesucht, noch bevor Michelangelo geboren war. Der Marmor hatte kleine Löcher, die sich aufgrund erster stümperhafter Bearbeitung noch vergrößerten. Der Zwölf-Tonnen-Koloss aus dem weltberühmten Steinbruch Carrara wurde mit einem zwei Jahre dauernden, aufreibenden Transport mehr als hundert Kilometer nach Florenz geschleppt.

Davids Narben

Dort ließ man den Kalkstein mehr als 30 Jahre draußen stehen, wo Regen ihn auslaugte, Vögel ihn beschmutzten und Kutschen ihn anstießen. Als Michelangelo mit der Erschaffung der Statue beauftragt wurde, war es eigentlich zu spät - Marmor sollte rasch nach seiner Gewinnung bearbeitet werden, er wird sonst brüchig. Dass Michelangelo aus dem verwitterten Block ein Meisterwerk schuf, mehrte seinen Ruhm.

Doch auch nach Fertigstellung stand David zunächst weiter im Freien. Als er 1872 ins Museum geschleppt wurde, waren bereits zahlreiche Reparaturen nötig geworden. Wer nahe rangeht an den Marmorgott, erkennt kleine Narben und mit Marmor gestopfte Löcher.

Alle Blessuren hat David überstanden - nach einem Erdbeben aber, fürchten Wissenschaftler, wäre er verloren. Der Albtraum: David kippt, knallt auf den Boden und zersplittert. Auch das Dach der Galleria dell'Accademia, in der David steht, könnte bei einem Beben brechen und auf David stürzen.

Und in den Uffizien würden womöglich Gemälde beschädigt. In der legendären Galerie in Florenz sind zahlreiche Meisterwerke ausgestellt, darunter die "Geburt der Venus" von Sandro Botticelli und die "Verkündigung" von Leonardo da Vinci. Nach Angaben der Gallerie sollen besonders wertvolle Werke der Uffizien künftig "in großen, kastenartigen Behältnissen mit entspiegeltem Panzerglas" ausgestellt werden, um sie zu schützen.

Auch historische Bauwerke der Stadt könnten bei einem Beben beschädigt werden, neben den Museen beispielsweise der Dom oder Ponte Vecchio, die berühmte Brücke.

Das Ministerium schweigt

Vor drei Jahren hatte das italienische Kulturministerium angekündigt, den David und weitere Werke in Florenz gegen Erschütterungen abzusichern - doch geschehen ist nichts. Das berichtet die Direktorin der Galleria dell'Accademia, Cecilie Hollberg, dem SPIEGEL. "Mir sind keine Erdbeben-Schutzmaßnahmen bekannt, es liegt kein konkretes Projekt vor", sagt sie. "Man sagte mir, die Mittel hätten gefehlt." Dabei hatte die Regierung längst Gelder in Aussicht gestellt.

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Die Stiftung "Friends of Florence" kämpft seit Jahren für den Schutz der Kunstwerke der Stadt. "Wir haben der Regierung sogar finanzielle Unterstützung angeboten", sagt die Präsidentin der Stiftung, Simonetta Brandolini d'Adda, dem SPIEGEL. Potente Spender hätten Geld eigens für den Erdbebenschutz des David zugesagt. "Wir haben aber keine Reaktion des Kulturministeriums erhalten", berichtet sie. Auch die Anfrage des SPIEGEL beantwortete das Ministerium nicht.

Florenz werde vernachlässigt, meint d'Adda. Während etwa Mailand Michelangelos "Rondanini Pietà" und die Bronzestatuen von Riace bereits mit Erschütterungsschutz versehen habe, werde für die Absicherung florentinischer Kunst kaum etwas getan.

"Viele Scharlatane"

Für den David war wie bei anderen Kunstwerken eigentlich eine antiseismische Plattform geplant, die Bewegungen des Bodens automatisch ausgleichen soll. Zahlreiche Häuser und Kunstwerke in Erdbebengebieten stehen auf solchen Konstruktionen, die Erschütterungen dämpfen.

"Nahezu wöchentlich erhalte ich Angebote von vermeintlichen Experten, die mir ihre Plattform anbieten, darunter viele Scharlatane", berichtet Galleria-Direktorin Hollberg. Eine kritische Auswahl sei notwendig.

Erschwert werde die Planung, weil es keinen Präzedenzfall gebe. "Alle Statuen, die bereits auf antiseismischen Plattformen stehen, sind kleiner als David oder aus anderem Material", sagt Hollberg. "Man kann mir nicht mal eindeutig sagen, ob der David mit einem Metallzapfen mit dem Sockel verbunden ist, oder aus welchem Material die Plattform bestehen wird", klagt sie.

Der neue Plan

Doch wie viel kann man David zumuten? Noch immer sei das Risiko der Installation einer antiseismischen Plattform unbekannt, berichtet Hollberg. "Sollte man den David wirklich der Gefahr aussetzen, um ein eventuelles Erdbebenrisiko zu verhindern?", fragt sie. Zudem müsste das gesamte Museum in die Planung einbezogen werden. "Was nützt eine Plattform, wenn das Gebäude auf die Statue fällt?"

Ein umfassender Schutz sei nötig, der nicht nur den David, sondern auch die Architektur des Museums berücksichtigt, meint auch Simonetta Brandolini d'Adda von den "Friends of Florence". Sie fordert, dass sich international renommierte Ingenieure und andere Experten gezielt dem Thema widmen sollten.

Den Plan verfolgt nun auch die Galleria. Mit der Universität Florenz hat sie ein Abkommen geschlossen, um eine internationale Expertengruppe zusammenzustellen, die den Erdbebenschutz der ausgestellten Kunstwerke vorantreiben soll.

Allein das Formulieren des Vertrages mit der Universität habe sie mehrere Wochen gekostet, erzählt Galleria-Präsidentin Hollberg. Jeder Beschluss müsse sorgfältig bedacht werden: "Ich bewege mich sehr vorsichtig und möglichst hinter verschlossenen Türen."

Präzision sei oberstes Gebot, schließlich gehe es um höchstes Kulturgut. "Es kann nicht sein, dass fahrlässig mit dieser Ikone der Renaissance hantiert wird", sagt Hollberg. Kein Fehler dürfe unterlaufen.

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