Flüssig verschifft Gigantische Erdgas-Mengen gehen auf Weltreise

Erdgas ist billig, reichlich vorhanden, lässt sich verflüssigt leicht verschiffen - und wird für Europa immer wichtiger. Inzwischen ist eine gigantische Infrastruktur rund um den Erdgastransport zur See entstanden. Doch es gibt Widerstand - unter anderem von Ex-James Bond Pierce Brosnan.
Von Marlies Uken
Größter Erdgastanker der Welt "Mozah": 266.000 Kubikmeter flüssiges Erdgas an Bord

Größter Erdgastanker der Welt "Mozah": 266.000 Kubikmeter flüssiges Erdgas an Bord

Foto: Maneesh Bakshi/ ASSOCIATED PRESS

Sie ist so lang wie drei Fussballfelder und so hoch wie der Leuchtturm auf Sylt. Die "Mozah" ist der größte Erdgastanker der Welt. An Bord hat sie eine gezähmte Fracht: 266.000 Kubikmeter flüssiges Erdgas, heruntergekühlt auf minus 162 Grad Celsius. Damit könnte sie Hamburg fast ein Jahr lang mit Energie versorgen. Seit dem Frühjahr schiebt sich die "Mozah" über die Weltmeere.

Bei ihrer Jungfernfahrt machte sie Station im Vereinigten Königreich, wo sie in Milford Haven andockte. Die kleine Hafenstadt in Wales brüstet sich damit, Energiehauptstadt Großbritanniens zu werden. Und das liegt an "Mozah" und einem Kürzel, das man sich in Milford Haven inzwischen begeistert zuraunt: LNG, Liquefied Natural Gas, verflüssigtes Erdgas.

Die "Mozah" steht für die Zukunft des Energietransports. Während man früher Erdgas in Pipelines übers Land schickte, wird es jetzt immer öfter verschifft. Weltweit entsteht dafür eine gigantische Infrastruktur, denn das flüssige Erdgas muss schließlich wieder in einen gasförmigen Zustand gebracht werden, damit es in das Versorgungsnetz strömen kann.

Erdöl

Unter den fossilen Energieträgern ist Erdgas seit Jahren der Star. Es ist nicht nur reichlich vorhanden, sondern verursacht auch deutlich weniger Kohlendioxidemissionen als Kohle und . So prophezeit die Internationale Energieagentur (IAE) für die kommenden Jahre einen Anstieg des Weltgaskonsums von jährlich 2,3 Prozent. Eine immer größere Menge davon werde nicht mehr über Land, sondern per Schiff transportiert. Bis 2030 könnte der LNG-Anteil um durchschnittlich sechs Prozent im Jahr wachsen, schätzt die Unternehmensberatung A.T. Kearney.

"Einige Staaten wie Japan oder Südkorea decken ihren Gasbedarf fast komplett durch LNG; auch Chinas und Indiens Importe werden stark zunehmen", sagt Kurt Oswald, Energieexperte bei A.T. Kearney. "Und Länder wie Großbritannien setzen auf LNG, weil die eigenen Förderquellen zu Ende gehen."

Für Energiekonzerne ein Riesengeschäft

Europa will sich vom derzeit wichtigsten Gasexporteur Russland emanzipieren und importiert immer mehr flüssiges Erdgas aus dem Mittleren Osten. Auch ökonomisch macht das Sinn, denn ab 3000 Kilometern ist der Schiffstransport konkurrenzfähig. Spanien gehört mittlerweile zu Europas größten Importeuren. Auch in Deutschland wird über den Bau eines LNG-Empfangsterminals in Wilhelmshaven diskutiert.

Gazprom

Shell

Für Erdgasnationen und Energiekonzerne ist LNG ein Riesengeschäft. Auf der russischen Pazifikinsel Sachalin haben und kürzlich eine riesige LNG-Anlage in Betrieb genommen. Auch Australien will gigantische Erdgasmengen nach China und Asien verschiffen. Neben Malaysia und Indonesien ist außerdem das Wüstenemirat Katar ein wichtiger Akteur. Vor seiner Küste liegt das "North Field", eines der größten Erdgasfelder der Erde.

Seit Ende der Neunziger erschließen die Araber das Vorkommen. Sie verzichten dabei auf Pipelines, weil sie nicht auf das starre Netz der Gasleitungen angewiesen sein wollen. Stattdessen konzentrieren sie sich auf den Schiffstransport. Beim Herunterkühlen auf minus 162 Grad schrumpft das Volumen des Erdgases auf ein Sechshundertstel; so lässt es sich in großen Mengen verschiffen. Vor fünf Jahren gründete Katar dafür eigens die Reederei Nakilat. Sie besitzt mit mehr als 50 LNG-Tankern die weltweit größte Flotte, inklusive des Giganten "Mozah".

Die Wirtschaftskrise schlägt zu

"Seit 2005 hat sich die weltweite Gastankerflotte mehr als verdoppelt", sagt Burkhard Lemper, Professor am Bremer Institut für Seeverkehrswirtschaft und Logistik. "Inzwischen drohen allerdings Überkapazitäten. Die Wirtschaftskrise schlägt zu, und in einigen Exportnationen verzögert sich die Fertigstellung der Verflüssigungsanlagen." Über 320 LNG-Tanker sind zurzeit weltweit registriert. Sie gehören in der Regel Fördergesellschaften wie Qatargas oder Energiekonzernen wie Shell und ExxonMobil.

Die Schiffe sind teure Spezialanfertigungen, sogenannte Moss-Rosenberg-Tanker. An Deck befinden sich bis zu fünf riesige, mit LNG betankte Kugeln. Jede hat einen Durchmesser von mindestens 40 Metern und ist gut isoliert. Der Schutzmantel ist nötig, damit das Erdgas nicht zu kochen beginnt und verdampft. Aus physikalischen Gründen gelingt die Kühlung aber nie perfekt. So wird ein Teil des Erdgases an Bord abgefackelt oder zum Antrieb genutzt.

Zwar sind die Kugeltanks robust, und das Erdgas kann ungestört in ihnen schwappen. Doch sie sind schwer, und zwischen ihnen geht enorm viel Platz verloren. "Wegen der unvorteilhaften Raumnutzung bevorzugen viele mittlerweile Schiffe mit Membrantanks", sagt Christian Fritzen, Geschäftsführer der Marine Service GmbH in Hamburg. Wie kaum ein anderer in Deutschland kennt er sich mit dem Bau von Gastankern aus. Auf Membrantankern sind die Tanks in die Schiffsstruktur eingepasst und füllen den gesamten Laderaum aus. Sie werden unter anderem aus hauchdünnem Invarstahl gefertigt, der problemlos minus 162 Grad erträgt und sich trotz extremer Temperaturunterschiede - innen Frostgrade, außen tropische Hitze - nicht verformt.

Doch das innovativste Schiff nützt nichts, wenn es seine Ladung nicht löschen kann. Spezielle, milliardenteure Industrieanlagen sind nötig, in denen das LNG langsam erwärmt und in den gasförmigen Zustand zurückgeführt wird. Ob Frankreich, USA, Taiwan oder die Niederlande, es gibt kaum eine Industrienation, die nicht eine entsprechende Anlage plant oder baut.

Europas größter LNG-Terminal ist South Hook in Milford Haven. Selbst die Queen, Gemahl Philip und Sohn Andrew ließen es sich nicht nehmen, im vergangenen Frühjahr persönlich zur Einweihung zu erscheinen. Schließlich soll South Hook bis zu 25 Prozent des britischen Gasbedarfs decken. Sind alle fünf Tanks gefüllt, ist Großbritanniens komplette Nachfrage für fünf Tage gesichert. Mehr als 13 Milliarden Euro haben Qatar Petroleum, ExxonMobil und Total in das Projekt investiert. Der Bürgermeister freut sich auf neue Arbeitsplätze und üppige Förderprogramme für seine Stadt.

Pierce Brosnan protestiert gegen die riesigen Gastanks

Doch was die Stadtoberen so begeistert, kommt bei der Bevölkerung nicht immer gut an. Die Anwohner von Long Island etwa wehren sich zurzeit gegen drei LNG-Projekte an der US-Ostküste. Und in Frankreich stehen gleich vier geplante Terminals unter Beschuss.

Ein Protagonist des Widerstands ist Gordon Main, ein quirliger Filmemacher mit wildem Lockenschopf. In Milford Haven ließ er zur Begrüßung des LNG-Tankers "Mozah" eine Sirene aus dem Zweiten Weltkrieg lärmen und ein riesiges Banner aufhängen: "Put public safety first", öffentliche Sicherheit geht vor. Der 42- Jährige ist Leiter der Bürgerinitiative "Safe Haven", die seit vier Jahren gegen den Bau des Terminals protestiert.

Im Fall einer Schiffskollision, so Mains Befürchtung, könnte das verpuffte Gas Feuer fangen und die ganze Stadt in Brand setzen. Tatsächlich legen die LNG-Tanker an einem Anleger mitten in der stark befahrenen Hafeneinfahrt von Milford Haven an - nicht gerade optimal. "Der Betreiber und die Genehmigungsbehörden haben keine ausreichende Risikobewertung gemacht", sagt Main. "Die Frage, was passiert, wenn es auf Seeseite zu einem Unfall kommt, wurde komplett vernachlässigt." Inzwischen muss sich sogar die Europäische Kommission mit Mains Protest beschäftigen: Er hat den Petitionsausschuss des Europaparlaments angerufen.

"LNG-Tanker sind keine schippernden Bomben"

Wie sicher der Transport von LNG ist, darüber gehen die Meinungen auseinander. Gerd-Michael Würsig, LNG-Experte des Germanischen Lloyds, einer Art TÜV für Schiffe, gibt Entwarnung: "LNG-Tanker sind keine schippernden Bomben." Eine Explosion sei extrem unwahrscheinlich, weil dafür viele Faktoren zusammenkommen müssten. Das verdampfte LNG entzünde sich nur dann, wenn es sich in einem ganz bestimmten Verhältnis mit dem Sauerstoff in der Luft mische. "Die Sicherheitsstatistik von LNG-Tankern ist hervorragend, bisher gab es keine Totalverluste."

Doch daraus lassen sich kaum Schlüsse für die Zukunft ziehen, erst recht nicht angesichts der stark gewachsenen Flotte. Das findet selbst der LNG-Branchenverband Society of International Gas Tanker and Terminal Operators (SIGTTO). "Wir haben viele Neulinge in der LNG-Schifffahrt", sagt SIGTTO-Präsident Mark Ross, "und wir müssen dringend dafür sorgen, dass sie das Geschäft ebenso sicher betreiben wie die alten Hasen."

Johnny McElliot, Aktivist bei der irischen Initiative "Safety Before LNG", traut solchen Beteuerungen nicht. Vor zwei Jahren besuchte er South Hook. Damals war er noch begeisterter Anhänger von LNG und erhoffte sich zahlreiche Arbeitsplätze für seinen Heimatort Tarbert, der in der Grafschaft Kerry im Südwesten Irlands liegt. Für eine halbe Milliarde Euro will dort der US-Energieversorger Hess Irlands erstes LNG-Terminal plus Pipeline bauen.

Prominente Proteste

Doch als McElliot die Ausmaße der Anlage in Milford Haven sah - jeder Gastank ist so groß, dass fast der Reichstag in Berlin hineinpasst -, änderte er seine Meinung. "Es macht mir Angst, dass ein LNG-Schiff oder ein Tank explodieren könnte." Nur 50 Arbeitsplätze würden langfristig in Tarbert geschaffen. Und wie auch in South Hook habe es eine umfassende Sicherheitsanalyse noch nicht gegeben.

"Wir haben nichts gegen wirtschaftliche Entwicklung", betont McElliot, "aber man muss doch die Risiken einer solchen Anlage vorher abschätzen und die Bevölkerung informieren." Als Alternative schlägt er eine schwimmende Plattform auf hoher See vor, auf der das LNG regasifiziert und direkt ins Pipelinenetz eingespeist wird. Technisch wäre das durchaus machbar. "Die Energiefirmen müssen Verantwortung zeigen und in solche Offshoreanlagen investieren."

Mit seinem Protest ist McElliot nicht allein. Erst vor Kurzem bekam "Safety Before LNG" einen prominenten Mitstreiter. Ex-James-Bond-Darsteller Pierce Brosnan, dessen Vater jahrelang in Kerry lebte, wandte sich an den Gemeinderat der Grafschaft. "Das bisherige Genehmigungsverfahren ist überstürzt und bruchstückhaft", warnte er. Als LNG-Protestler hat Brosnan Erfahrung. Vor zwei Jahren verhinderte er zusammen mit anderen Hollywood-Stars den Bau eines riesigen LNG-Terminals vor der Küste Kaliforniens.


Marlies Uken, Jahrgang 1977, freie Journalistin in Berlin, stieß bei ihren Recherchen auch auf mehrere Surfervereinigungen in den USA, die vehement gegen den Bau von LNG-Terminals protestieren. Noch mehr Schiffsverkehr würde sie bei der Ausübung ihres Sports erheblich stören, heißt es.

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