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10. April 2019, 15:25 Uhr

Insekten

Pflanzenschutz-Cocktail schadet Bienen

Vor einem Jahr hat die EU mehrere Pflanzenschutzmittel verboten, weil sie Bienen beeinträchtigen können. Doch auch die Ersatzstoffe schaden den Insekten, vor allem in Kombination mit einem Pilzmittel.

Auch vermeintlich "bienensicherere" Insektizide können den Insekten schaden. Vor allem in Kombination mit einem Pilzmittel beeinträchtige das Insektizid Flupyradifuron das Verhalten und das Überleben von Bienen, berichten US-Forscher im Fachmagazin "Proceedings of the Royal Society B". Sie fordern, dass Wechselwirkungen mehrerer Mittel künftig stärker berücksichtigt werden sollten.

Wenn über die Gefahr von Schädlingsbekämpfungsmitteln für nützliche Insekten diskutiert wurde, standen lange Insektizide aus der Gruppe der Neonikotinoide im Fokus. Drei dieser Mittel wurden im vergangenen Jahr EU-weit für die Anwendung im Freiland verboten. Experten warnten jedoch, dass neue Mittel auf den Markt drängen werden, deren schädliche Auswirkungen womöglich nicht geringer sind als die der verbotenen Mittel.

In der Studie haben Simone Tosi und James Nieh von der University of California Honigbienen (Apis mellifera) mit einer Zuckerlösung gefüttert, die mit dem Insektizid Flupyradifuron (FPF) oder zusätzlich noch mit einem Pilzbekämpfungsmittel versetzt war. FPF wirkt auf ähnliche Weise, wie die mittlerweile verbotenen Neonicotinoide, gilt aber als vergleichsweise "bienenfreundlich".

Das getestete Pilzbekämpfungsmittel Propiconazol gehört nach Angaben der Autoren zu den am häufigsten in der Landwirtschaft eingesetzten Mitteln. Es darf auf den gleichen Pflanzen verwendet werden, die Landwirte üblicherweise auch mit Neonikotinoiden oder den Nachfolge-Präparaten behandeln. Dass Bienen mit beiden Mitteln gleichzeitig in Kontakt kommen, halten die Forscher für wahrscheinlich.

Bienen wurden hyperaktiv

Ihre Untersuchung zeigt, dass die Kombination beider Mittel die Überlebensrate von Honigbienen senkt, und zwar von Bienen im Stock und von Arbeiterinnen. Probleme hatten die Insekten bereits mit Dosen, denen sie auch in Freiheit ausgesetzt sind.

Außerdem veränderten die Mittel das Verhalten der Insekten: Sie hatten etwa Koordinationsschwierigkeiten oder waren hyperaktiv. Die festgestellten Effekte waren bei den Arbeiterinnen stärker ausgeprägt, was möglicherweise am geringeren Gewicht dieser Bienen liegt, so die Forscher.

Stärkster Effekt innerhalb der ersten Stunde

Die gängige Risikobewertung für in der Europäischen Union (EU) eingesetzte Mittel berücksichtigt nicht, wie die Stoffe in Kombination wirken, bemängeln die Wissenschaftler. Auch wird die Wirkung auf verschiedene Bienen-Gruppen nicht untersucht.

Aufgefallen ist den Forschern außerdem, dass schädliche Effekte in der ersten Stunde am deutlichsten zu erkennen waren und anschließend abflauten. In Standardprüfungen für die Risikobewertung würden die Auswirkungen häufig aber erst nach einigen Stunden erfasst. Das alles könne dazu führen, dass Effekte auf Honigbienen und andere Insekten unter- oder überschätzt werden.

In Deutschland und der EU läuft die Zulassung für das Fungizid Propiconazol in diesem Jahr aus. Restbestände dürfen noch einige Monate aufgebraucht werden, dann dürfen die Mittel nicht mehr eingesetzt werden. Der Wirkstoff Flupyradifurone wurde 2015 von der EU-Kommission für zehn Jahre genehmigt. Bayer vertreibt das Mittel unter dem Handelsnamen Sivanto, es ist in Deutschland aber noch nicht auf dem Markt.

jme/dpa

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