Flussdelfine im Amazonas Flipper wird Fischköder

Die Flussdelfine des Amazonas sind akut bedroht. Die Tiere sterben in Scharen - harpuniert von Fischern, die das Fleisch als Köder nutzen. Experten warnen: Wird das Schlachten nicht gestoppt, droht der Spezies das Ende.

AP

Tragödien lassen sich zuweilen in abstrakte, kalte Zahlen fassen: Die Erklärung für das rapide Sterben des Amazonasdelfins Inia geoffrensis ist so ein Fall. Die größte der drei bekannten Arten echter Flussdelfine erreicht eine Länge von zweieinhalb Meter und ein Gewicht von bis zu 180 Kilogramm.

Er ist auch deshalb schwer, weil sein Fleisch fett ist, und auch das ist Teil des Problems: Calophysus macropterus, ein rund 45 Zentimeter langer Wels, liebt fettes Fleisch. Und Konsumenten in Kolumbien lieben Calophysus macropterus, dort Piracatinga genannt. In den vergangenen drei Jahren hat sich der Export von Piracatinga von Brasilien nach Kolumbien verdreifacht.

Und weil der schmackhafte Wels Fischern rund 50 Cent pro Kilogramm einbringt, bedienen diese die steigende Nachfrage nur allzu gern, zumal die Beute leicht zu fangen ist mit dem Fleisch der Flussdelfine.

Ein getöteter Delfin bedeutet für die Fischer Köderfleisch, das ausreicht, um 500 Kilogramm Piracatinga zu fangen - und damit innerhalb weniger Nächte das Doppelte eines brasilianischen Mindest-Monatslohns zu verdienen.

Für die Delfine ist das fatal: Der schnelle Profit lockt immer mehr Fischer an den Fluss, die immer mehr der friedlichen Säuger töten. Jagen müssen sie sie zum Teil noch nicht einmal. Die neugierigen Tiere schwimmen mitunter an die Boote heran, von denen aus sie harpuniert werden.

Vier Wildhüter für rund 1,4 Millionen Quadratkilometer

So berichtet es die Wissenschaftlerin Vera da Silva, die Inia geoffrensis im Auftrag des brasilianischen Instituts für Amazonas-Studien erforscht. Das Projekt mit der Beobachtung in einem definierten Flussabschnitt laufe seit 17 Jahren, und seitdem falle die Delfin-Population dort jedes Jahr um rund sieben Prozent. Jüngst habe sich der Verfall sogar noch beschleunigt. Seit rund zehn Jahren sei die Jagd auf Köderfleisch zur Haupttodesart der Flussdelfine geworden.

Das Problem ist auch auf Regierungsebene längst bekannt, nur unternommen wird zu wenig. Gerade einmal fünf Wildhüter seien mit der Aufgabe betraut, die eigentlich längst illegale Jagd auf die Delfine zu unterbinden, erklärt ein Sprecher der brasilianischen Umweltagentur Ibama gegenüber der Nachrichtenagentur AP - für ein Gebiet, das rund 1,4 Millionen Quadratkilometer umfasst. Das entspricht fast der vierfachen Größe Deutschlands.

"Die Prioritäten", sagt Ibama-Sprecher Andrey Silva, seien eben anders gesetzt, "und im Augenblick konzentriert sich die Regierung auf das Thema der Entwaldung".

Gesicherte Erkenntnisse darüber, wie es um die Spezies bestellt ist, gibt es über da Silvas Stichproben hinaus nicht. Auf der Roten Liste der bedrohten Arten wird der Flussdelfin aus dem Amazonas unter "Mangelhafte Datenbasis" geführt. Schätzungen der Naturschutzorganisation WWF ergaben jüngst eine mit über 10.000 Individuen relativ stabile Population. Die brasilianischen Naturschützer würden das wohl anders sehen: Allein auf einem Flussabschnitt, der ein Areal von rund 11.000 Hektar abdeckt, wurden jüngst 1500 tote, ausgeweidete Delfine im Jahr gezählt.

pat/AP



insgesamt 20 Beiträge
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Seite 1
kulturphänomen 11.07.2010
1. -
vielleicht wäre es möglich, die Fischer finanziell zu unterstützen oder ihnen andere Methoden des Fischfangs beizubringen, denn dann bräuchten sie die Delphine nicht mehr zur Sicherung Ihres eigenen Überlebens zu töten _
gloton7, 11.07.2010
2. Schande über Lula
Zitat von sysopDie Flussdelfine des Amazonas sind akut bedroht. Die Tiere sterben in Scharen - harpuniert von Fischern, die das Fleisch als Köder nutzen. Experten warnen: Wird das Schlachten nicht gestoppt, droht der Spezies das Ende. http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/0,1518,705845,00.html
Schande über Ignacio da Silva! Angetreten war er mit dem Versprechen, das Land gerechter aufzuteilen. Nichts davon ist passiert! Das Problem besteht seit 500 Jahren: Reichtum an Bodenschätzen und Tieren lockt Sklavenhändler und Metzger an. Politiker überlassen die hilflosen Menschen und Tiere diesen Verbrechern, weil sie geschmiert sind oder Angst vor ihnen haben. Dazu passt das Anbohren des Meeresgrundes. Stoppt den Wahnsinn! So schnell wie möglich!
spiegelmaus 11.07.2010
3. Geozid
Wird immer schwerer zu behaupten, die Menschheit bereite sich nicht mit hohem Tempo ihr eigenes Grab. Überall, wo der Mensch hinkommt, wird die Natur ausgeplündert und vernichtet. Wenn man bedenkt, dass das alles erst seit circa 50 Jahren in diesem weltzerstörerischen Umfang stattfindet, möchte man sich schämen, zu der Menschengeneration zu gehören, die einen rücksichtlosen Geozid (nicht Genozid) betreibt. Mehr, als das in die Welt hinauszuschreien, kann man leider nicht tun.
Timson 11.07.2010
4. Scheinheilig
Zitat von spiegelmausWird immer schwerer zu behaupten, die Menschheit bereite sich nicht mit hohem Tempo ihr eigenes Grab. Überall, wo der Mensch hinkommt, wird die Natur ausgeplündert und vernichtet. Wenn man bedenkt, dass das alles erst seit circa 50 Jahren in diesem weltzerstörerischen Umfang stattfindet, möchte man sich schämen, zu der Menschengeneration zu gehören, die einen rücksichtlosen Geozid (nicht Genozid) betreibt. Mehr, als das in die Welt hinauszuschreien, kann man leider nicht tun.
Wenn Sie das so sehen, dann hören Sie schleunigst auf bei Lidl, Aldi und Co. einzukaufen. Letztendlich sind wir es, die in den reichen Industrieländern sitzen, die die Umwelt weltweit zerstören. Die Brasilianischen Fischer, Goldgräber, Farmer unsw. sind nur das Werkzeug. Am Ende profitieren wir, aber von hier aus meckern ist ja easy... Sie können etwas dagegen tun und ihren Konsum so gestallten, dass er alle Unternehmen, die von Armut und Umweltzerstörung profitieren ausklammern. Und in zeiten des Internet kann man sich die infos sogar von der Couch aus besorgen. Nur tun muss man es...
BeitragszahlerwiderWillen, 11.07.2010
5. der Titel ändert sich auch durch meinen Beitrag nicht:: Flipper wird Fischköder
die Fischer scheinen geistig minderbemittelt zu sein. Wenn die Tiere austerben, können sie demnächst nichts mehr Fischen. Und dann?
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