Folgen des Pellet-Booms "Der Waldboden blutet aus"

Billig und klimafreundlich heizen: Immer mehr Deutsche rüsten von Öl und Gas auf Holzpellets um. Eine fatale Entwicklung, warnt der Förster Peter Wohlleben. Im SPIEGEL-ONLINE-Interview erklärt er, warum Pellets nicht CO2-neutral sind und wie deren Produktion Wälder nachhaltig schädigt.

SPIEGEL ONLINE: Herr Wohlleben, Sie haben selbst eine Holzpellet-Heizung. Und dennoch profilieren Sie sich als Kritiker dieser Energieform. Woher rührt die Skepsis?

Peter Wohlleben: Der Pellet-Boom ist eine Gefahr für den Wald. Früher wurden Pellets aus Holzabfällen hergestellt. Das war auch völlig in Ordnung. Durch die Förderprogramme der Bundesregierung ist der Bedarf jedoch so stark gestiegen, dass zunehmend auch Waldhölzer verwendet werden.

SPIEGEL ONLINE: Was ist daran so schlimm?

Wohlleben: Man rückt mit riesigen Baggern im Wald an, um auch noch Baumstümpfe herauszureißen und zu verwerten. Das schwere Gerät zerstampft die feinen Poren im Boden, die wichtig für die Belüftung sind. Der Boden erstickt, Baumwurzeln fangen an zu faulen, die Bäume verlieren ihren Halt und kippen beim nächsten Sturm leichter um. Außerdem sinkt die Wasserspeicherfähigkeit des Waldbodens drastisch, mit Auswirkungen auf unseren Grundwasserspiegel.

SPIEGEL ONLINE: Sie kritisieren auch, dass Bäume mittlerweile vollständig genutzt werden, von der Wurzel bis zur Krone. Das erscheint doch sinnvoll.

Wohlleben: In der Baumkrone ist die Hälfte der Mineralien eines Baumes gespeichert. Früher hat man die Kronen im Wald verrotten lassen, die Mineralien wurden dem Boden so zurückgegeben. Nun aber blutet der Waldboden aus, und das rächt sich in den nächsten Baumgenerationen.

SPIEGEL ONLINE: Für den Verbraucher sind die Pellet-Preise verlockend. 23 Cent kostet ein Kilogramm Holzpellets. Ein halber Liter Heizöl - der den gleichen Brennwert hat - kostet derzeit etwa 26 Cent.

Wohlleben: Wenn der Bedarf nach Pellets steigt, werden auch die Preise weiter steigen. Und das ist gut so.

SPIEGEL ONLINE: Warum? Öl und Gas sind doch auch keine Alternativen.

Wohlleben: Heizen mit Holz erinnert an die Situation wie wir sie vor 200 Jahren hatten. Das Resultat damals war: Der Wald verschwand. Nur durch den Siegeszug von Kohle und Öl hat er sich erholt. Wenn heute 80 Millionen Menschen statt wie vor 200 Jahren 20 Millionen wieder auf Holz setzen - und aufgrund des gestiegenen Lebensstandards auch noch den fünf- bis zehnfachen Heizbedarf im Vergleich zu früher haben - muss jedem klar sein: Das kann einfach nicht funktionieren!

SPIEGEL ONLINE: Aber Pellets sind klimafreundlich.

Wohlleben: Sie irren. Holzpellets sind nicht CO2-neutral.

SPIEGEL ONLINE: Wieso? Beim Verfeuern des Holzes wird doch nur soviel CO2 frei, wie gebunden wurde.

Wohlleben: Auf den einzelnen Baum bezogen, stimmt das. Aber Wälder insgesamt sind CO2-Senken. Tote Bäume verrotten nicht vollständig, sondern reichern über Jahrhunderte den Boden mit Kohlenstoff an. So sind ja auch unsere fossilen Energieträger entstanden. Werden sie verbrannt, fällt dieser Speichereffekt weg.

SPIEGEL ONLINE: Aber von der CO2-Bilanz sind Pellets immer noch besser als Kohle, Öl und Gas.

Wohlleben: Das sind sie. Aber was viele nicht wissen: Die Späne, aus denen die Pellets hergestellt werden, werden in Blockheizkraftwerken getrocknet. Und die werden zum guten Teil mit importiertem Palmöl betrieben, für das Regenwälder auf Borneo abgeholzt werden. Zudem entsteht bei der Verbrennung Feinstaub. Moderne Pellet-Heizungen sind zwar deutlich besser als herkömmliche Kamine. Aber es entsteht mehr Feinstaub als bei Gas-Heizungen.

SPIEGEL ONLINE: Welche Gegenmaßnahmen schlagen Sie vor?

Wohlleben: In Stadtgebieten könnte man Pellet-Heizungen mit Filtern nachrüsten, aber das wird derzeit noch nicht gefordert. Hinzu kommt die Frage, wie man mit den Verbrennungsrückständen umgehen soll.

SPIEGEL ONLINE: Wo liegt das Problem bei der Asche?

Wohlleben: Die Asche ist gesundheitsschädlich. Weil sie giftige organische Verbindungen enthält, ist sie auch nicht als Dünger für den Garten geeignet. Die Rückstände müssen entsorgt werden. Darum muss sich der Heizungsbesitzer selbst kümmern. Keine unbedenkliche Sache, denn beim Ausleeren des Kessels staubt das ordentlich.

SPIEGEL ONLINE: Also sind Pellets gar nicht so klimafreundlich?

Wohlleben: Pellets sind nach wie vor empfehlenswert, aber nicht so sehr aus Umweltgründen. Die Versorgungssicherheit spielt eine größere Rolle. Anders als beim Gas kann Russland nicht so leicht den Pellet-Hahn zudrehen.

SPIEGEL ONLINE: Dennoch setzt die Industrie vermehrt auf die Alternativenergie. Versorger planen Biomassekraftwerke und brauchen immer mehr Holz. 43 Prozent des Waldes befindet sich in Privatbesitz, die Energieunternehmen verhandeln mitunter direkt mit den Eigentümern. Wie kann die Bundesregierung denn da überhaupt eingreifen?

Wohlleben: Man könnte gesetzliche Standards zur Bewirtschaftung des Waldes einführen. Sie können ja auch nicht einfach auf einer Wiese, die Ihnen gehört, einen Wolkenkratzer bauen. Genau so könnte der Gesetzgeber verhindern, dass Wälder einfach kahl geschlagen werden dürfen.

SPIEGEL ONLINE: Welches Potential haben diese Biomassekraftwerke?

Wohlleben: Im Wald wird derzeit ein großes Rohstoffpotential gesehen. Die Bundeswaldagentur hat errechnet, dass man den Holzeinschlag für einige Jahre um 20 Prozent steigern könnte. Dabei wird aber vergessen, dass es sich um Einmalpotentiale handelt. Wenn man Parzellen einmal durchforstet und danach normal bewirtschaftet, sinkt das Holz-Niveau wieder. Das ist keine Rohstoffbasis für die Kraftwerke. Auf dieser Basis kann man keine Kapazitäten aufbauen.

SPIEGEL ONLINE: Die Bundesregierung fördert das Heizen mit Holz, subventioniert über das Energieeinspeisegesetz Holzpellet-Heizungen und Biomassekraftwerke. Welche Folgen hat das für den Holzmarkt?

Wohlleben: Der Markt gerät aus den Fugen. Früher verteilte sich die Nachfrage auf Papier-, Spanplatten- und Möbelhersteller. Der Pellet-Markt rollt diese Struktur nun von unten her auf. Die Spanplattenhersteller konkurrieren mit Privatleuten und Kraftwerksbetreibern um minderwertiges Holz. Dessen Preis steigt nun, weswegen die Unternehmen auf höherwertiges Holz zurückgreifen. Das aber ist eigentlich für die Papier- und Möbelherstellung reserviert. Der Prozess läuft wie ein Domino-Effekt von unten nach oben. Die Folge ist: die Holzpreise insgesamt steigen.

SPIEGEL ONLINE: Und wenn man Holz zur Verfeuerung einfach importiert?

Wohlleben: Das ist auch keine Lösung. Diese Entwicklung deutet sich bereits an. Es gibt erste Lieferungen von Argentinien nach Italien. Und es ist nur eine Frage der Zeit, bis Länder wie Brasilien und Kanada beginnen werden, Pellets zu produzieren und zu verschiffen. Russland hat schon eine sehr starke Pellet-Industrie, momentan wird dort nur für den eigenen Markt produziert. Aber bei dem riesigen Waldbestand ist es nur eine Frage der Zeit, bis Russland Pellets exportieren wird.

SPIEGEL ONLINE: Was würden Sie einem Häuslebauer raten?

Wohlleben: Bauen Sie ein Niedrigenergiehaus, isolieren Sie gut, installieren Sie eine Solarthermie-Anlage und für die Grundsicherung eine Pellet-Heizung. So kommen Sie mit einem ganz geringen Pellet-Bedarf aus.

SPIEGEL ONLINE: Und wie sieht es bei Ihnen aus? Werden Sie die eigene Pelletheizung wieder abschaffen?

Wohlleben: Nein, wir haben ja gerade erst auf eine Pellet-Zentralheizung umgestellt. Bei nächster Gelegenheit werden wir aber vor allem unser Haus isolieren.

* Peter Wohlleben: Holzrausch - Der Bioenergieboom und seine Folgen, Adatia Verlag, 14,90 Euro

Das Interview führte Jens Lubbadeh
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