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26. März 2009, 14:19 Uhr

Forensische DNA-Analyse

Schwachstelle Wattestäbchen

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Spurensicherung mit Hindernissen: Ermittler haben jahrelang ein Phantom gejagt. Der Grund: Forensiker haben für DNA-Analysen wohl verunreinigte Wattestäbchen verwendet. Die Panne war absehbar - denn es gibt keine Qualitätsstandards für diese Materialien.

Bei einem forensischen DNA-Test wird nicht das komplette Erbgut des Täters analysiert, sondern acht bestimmte Orte im Genom - ein europaweit standardisiertes Verfahren, erläutert Carsten Hohoff, Biochemiker am Institut für Forensische Genetik in Münster im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Die Kombination der DNA-Sequenzen dieser acht Genorte sind für jeden Menschen so individuell wie ein Fingerabdruck - und nur bei eineiigen Zwillingen identisch.

Für die DNA-Analyse brauchen die Ermittler theoretisch nur eine einzige Körperzelle, denn sie enthält das komplette Erbgut eines Menschen. Theoretisch.

"In der Praxis benötigt man in der Regel etwa 20 Körperzellen", sagt Hohoff. "Je mehr, desto besser." Der Grund: Die Qualität der Spuren ist oft schlecht. UV-Strahlung, Hitze, chemische Substanzen haben den Zellen und der DNA zugesetzt. Hat man nur wenig Zellmaterial und DNA in schlechtem Zustand, kann es sein, dass statt der acht Genorte nur fünf oder sechs erfolgreich analysiert werden können - die Zuverlässigkeit des DNA-Tests sinkt, weil ein solches partielles DNA-Profil nicht mehr einzigartig ist.

Die Polizei lässt die DNA-Untersuchung von spezialisierten Labors durchführen - bundesweit gibt es davon mehrere. "Auch immer mehr Privatfirmen machen diese Analysen", so Hohoff. Das Verfahren selbst ist standardisiert, Fehler sind bei der Erstellung des DNA-Profils ausgeschlossen.

Der Test selbst ist hochsensibel und in der Regel zuverlässig. Doch er ist nur so gut wie das Ausgangsmaterial. Fehlerquellen können sich an vielen Stellen einschleichen. Größte Schwachstelle sind offenbar die Test-Materialien. Im Fall Heilbronn waren es wohl mit Fremd-DNA verunreinigte Wattestäbchen, die die Ermittler auf eine falsche Fährte schickten.

"Ob die Hersteller dieser Wattestäbchen unter Reinraum-ähnlichen Bedingungen arbeiten, weiß ich nicht", sagt Hohoff. "Ich gehe davon aus, dass Sie Handschuhe, Haarhauben und Mundschutz tragen." Dennoch: Einheitliche Standards für die Hersteller gibt es nicht, die Qualität der Stäbchen ist sehr unterschiedlich. Bestenfalls sind sie steril. "Dann sind sie guter Standard", sagt Hohoff. Doch auch dann sind Fehler nicht ausgeschlossen. Denn steril heißt nur: frei von Mikroorganismen, aber nicht frei von DNA.

Systematische Kontrollen der Wattestäbchen gibt es ebenfalls nicht. "Die Labors testen sie zwar stichprobenartig", sagt Hohoff. Dabei gehe es aber eher um eine Qualitätskontrolle - etwa ob das Wattestäbchen bei der Spurensicherung genügend Zellen aufnehme, dass diese für eine Analyse ausreiche. "Eine zufällige Kontamination mit Fremd-DNA kann damit nicht für jedes Wattestäbchen ausgeschlossen werden."

Ein übliches Verfahren, um die Stäbchen steril zu bekommen, ist radioaktive Bestrahlung. Dabei sollen Mikroorganismen abgetötet werden, die die wertvollen DNA-Spuren zersetzen könnten. "Die Strahlung tötet aber eben nur Mikroorganismen ab", sagt Hohoff. "DNA wird dabei nicht zersetzt." Sprich: Ist einmal Fremd-DNA während des Produktionsprozesses an die Stäbchen gelangt, wird sie in der Regel nicht mehr beseitigt. Eine Kontamination mit Fremd-DNA kann dabei überall im Produktionsprozess stattfinden - theoretisch sogar schon beim Pflücken der Baumwolle.

Aber die Fehlerquelle muss nicht zwangsläufig das Wattestäbchen sein: Weitere DNA-Kontaminationen können auch bei der Spurensicherung selbst stattfinden. "Die Latexhandschuhe der Ermittler müssen noch nicht einmal steril sein", sagt Hohoff. Auch sie können also mit Fremd-DNA verunreinigt sein, die den Test verfälscht.

Doch wie kann man solche Fehlerquellen ausschließen?

Hohoff sieht zwei Ansätze: "Die Firmen könnten die Produktionsbedingungen verbessern. Es hat sich gezeigt, dass eine Begasung der Wattestäbchen mit Ethylenoxid DNA-Spuren so deaktivieren kann, dass sie mit der Forensik nicht mehr nachweisbar sind." Manche Herstellerfirmen setzen diese Technik bereits ein, man könnte sie als verbindlichen Standard etablieren.

Weiterhin, so Hohoff, könnte man die DNA-Profile aller Mitarbeiter von Herstellerfirmen in eine zentrale Datenbank einspeisen. Hat man dann ein kriminologisches Gen-Profil erstellt, könnte man dies mit den Profilen der Mitarbeiter der Herstellerfirmen abgleichen. "Das müsste natürlich anonymisiert passieren", so Hohoff. Die Gefahr, dass ein straffällig gewordener Mitarbeiter einer Wattestäbchen-Firma durch die Maschen der Justiz schlüpfen könnte, sieht Hohoff nicht. "Ein Treffer einer Tatortspur mit einem Mitarbeiter sollte natürlich überprüft werden." Außerdem habe die DNA-Analytik vor Gericht keinen Beweiswert, sondern den Stellenwert von Indizien.

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